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Max Mueller Bhavan | Indien

Shirin & Thomas Johari

Shirin und Thomas feiern ihre Hochzeit und den siebten Monat der Schwangerschaft mit Freunden, Familie und einem traditionellen Bohra-Abendessen.
Shirin und Thomas feiern ihre Hochzeit und den siebten Monat der Schwangerschaft mit Freunden, Familie und einem traditionellen Bohra-Abendessen. | © Shirin & Thomas Johari

Sie wollte mit dem großen Mann sprechen, der gerade sein Gepäck verstaute. Er wollte schlafen. Keiner von beiden ahnte, dass aus diesem Gespräch eine Beziehung werden würde, die sie über Ländergrenzen und durch bürokratische Hürden führen sollte. So begann die Geschichte von Shirin und Thomas.

Shirin Johari, eine Kreativdirektorin und Unternehmerin aus Mumbai, lernte Thomas Daniel Johari (geb. Krippner), einen deutschen Kulturanthropologen und Wissenschaftler, im Mai 2019 auf einem Flug von Frankfurt nach Bombay kennen. Sie war auf dem Rückweg von einer Konferenz der Vereinten Nationen zu den Zielen für nachhaltige Entwicklung in Bonn. Thomas, der damals an Projekten zur Hochschulentwicklung in Indien arbeitete, war auf dem Weg nach Bangalore.

Meet-Cute über den Wolken

Shirin und Thomas in den ersten Tagen ihrer Beziehung in einem Coworking-Space in Tübingen.

Shirin und Thomas in den ersten Tagen ihrer Beziehung in einem Coworking-Space in Tübingen. | © Shirin & Thomas Johari

Shirin erinnert sich, wie sie den großen Mann bemerkte, der sein Gepäck in der Reihe vor ihr verstaute. Sofort hatte sie das Bedürfnis, ihn anzusprechen. „Irgendwann dreht er sich um und lächelt mich an – und da war es um mich geschehen“, erinnert sie sich. Thomas hatte eigentlich vorgehabt, den gesamten Flug zu verschlafen. „Eigentlich hatte er den Flug über schlafen wollen, doch diesen Plan habe ich erfolgreich durchkreuzt.“

Bis zur Landung hatten die beiden über Thomas’ Doktorarbeit, seinen neugeborenen Neffen, Shirins kreative Projekte und sogar das Essen an Bord gesprochen. „Irgendwo über Afghanistan haben wir uns verliebt“, erinnert sich Thomas lachend.

Nach der Landung blieb Shirin während Thomas’ Zwischenaufenthalt am Flughafen, bevor er seinen Anschlussflug nach Bangalore nahm. Dabei stellten sie fest, dass sich auch ihre beruflichen Interessen überschnitten. Shirin hatte Bildungsprojekte gegründet, die internationale Reisende in indische Klassenzimmer brachten. Thomas’ wissenschaftliche Arbeit hatte ihn durch den ländlichen Süden Indiens geführt. Beide interessierten sich dafür, wie Menschen unbekannten Orten und anderen Kulturen begegnen.

In den Familien des anderen ankommen

Shirin und Thomas mit Shirin’s Mutter Sophie bei den Diwali-Feierlichkeiten in Mumbai.

Shirin und Thomas mit Shirin’s Mutter Sophie bei den Diwali-Feierlichkeiten in Mumbai. | Shirin & Thomas Johari

Ihre Beziehung spielte sich bald zwischen Bombay, Bangalore und Deutschland ab. Beide waren Mitte dreißig, hatten etablierte Berufe und ein eigenes Leben. Sie lernten einander kennen, indem sie Zeit in den Wohnungen und im sozialen Umfeld des jeweils anderen verbrachten.

Für Thomas war zunächst überraschend, wie selbstverständlich er sich in Shirins Familie fühlte. Vor seinem ersten Besuch in ihrem Zuhause in South Bombay war er etwas unsicher gewesen. Doch Shirins Mutter empfing ihn herzlich. Shirin erinnert sich daran, wie sie ihre Mutter lächeln sah, während Thomas sich ganz selbstverständlich in der Wohnung bewegte. Da wusste sie, dass er einen guten Eindruck gemacht hatte.

Beide Familien reagierten eher neugierig als ablehnend. Thomas kannte Indien bereits, sprach mehrere indische Sprachen und bewegte sich sicher in indischen sozialen Zusammenhängen. Auch seine Mutter sprach fließend Englisch, was die Verständigung erleichterte.

Shirin wuchs in einer muslimischen Bohra-Familie auf. Ihre Jahre des Reisens und des selbstständigen Lebens hatten auch die Erwartungen an ihre Entscheidungen geprägt. Thomas wiederum ging aufmerksam mit lokalen Gepflogenheiten um. Bei einem Familientreffen in Gujarat begrüßte er die älteren Familienmitglieder mit einem traditionellen Salaam – eine Geste, die ihm ohne Zweifel noch mehr Anerkennung innerhalb der Familie einbrachte. 

Nach der Hochzeit nahm Thomas Shirin’s Familiennamen „Johari“ an. „Shirins gesamte Familie hat mich von Anfang an ohne Ausnahme aufgenommen. Niemand hat jemals so etwas gesagt wie: ,Warum bist du mit diesem langhaarigen Firangi [Ausländer] zusammen?‘“, erzählt Thomas.

Als Grenzen persönlich wurden

Shirin und Thomas bei der Verlobungsfeier von Shirin’s Cousine in Daman – Thomas’ erstes großes Treffen mit ihrer Großfamilie.

Shirin und Thomas bei der Verlobungsfeier von Shirin’s Cousine in Daman – Thomas’ erstes großes Treffen mit ihrer Großfamilie. | © Shirin & Thomas Johari

Dann machte COVID-19 die bisher selbstverständliche Bewegungsfreiheit zwischen den Ländern zum Problem. Als europäische Regierungen Sonderregelungen für unverheiratete Paare einführten, beantragten auch Shirin und Thomas eine solche Genehmigung. Dafür mussten sie Zeitabläufe, Fotos und Briefe vorlegen, die ihre emotionale Verbundenheit belegten. Thomas verfasste eine formelle Erklärung, die ihre private Geschichte gewissermaßen in einen Nachweis für den Staat verwandelte. Für ihn fühlte sich das Eindringen in ihre Privatsphäre an. Für Shirin war der Papierkram schlicht der Preis dafür, wieder zusammen sein zu können.

Wenn die Grenzen ein äußeres Hindernis darstellten, war die Sprache die persönlichere Herausforderung. Thomas war schon immer ein begabter Sprachenlerner. Shirin dagegen hatte bei ihren ersten Aufenthalten in Deutschland Schwierigkeiten und fühlte sich zeitweise ausgeschlossen. Einmal wurde die Frustration so groß, dass sie zusammenbrach.

Die Sprache des anderen lernen

Das war ein Wendepunkt. Shirin wollte Deutsch nicht länger als Barriere akzeptieren und begann, die Sprache zu lernen. Was zunächst wie ein Hindernis gewirkt hatte, wurde allmählich zu einem Zugang zur deutschen Kultur – zu Literatur, Humor und dem Alltag.

„Ich habe Deutsch wirklich gerne gelernt“, sagt sie. „Es hat einfach so viel Spaß gemacht, weil man dabei in eine neue Kultur eintaucht.“

Ein gemeinsames Zuhause

Shirin und Thomas mit ihrem dreimonatigen Sohn Alex bei der Geburtstagsfeier eines Freundes in Bandra.

Shirin und Thomas mit ihrem dreimonatigen Sohn Alex bei der Geburtstagsfeier eines Freundes in Bandra. | © Shirin & Thomas Johari

Fast drei Jahre lang pendelte ihr Leben zwischen Thomas’ Studio in Bangalore, Shirins Wohnung in Bombay und Aufenthalten in Deutschland. Mit der Geburt ihres Sohnes Alex stellte sich zunehmend die Frage nach einem festen Zuhause.

Heute leben Shirin und Thomas in Goa, wo sie für Alex und sich ein sesshafteres Familienleben aufbauen. Fast sieben Jahre nach ihrem ersten Gespräch über Afghanistan ist der Flug von Frankfurt nach Bombay noch immer ein wichtiger Bezugspunkt ihrer Beziehung: Ihren Jahrestag feiern sie nicht am Hochzeitstag, sondern an dem Tag, an dem sie sich kennengelernt haben.

Shirins und Thomas’ Geschichte handelt weniger von kulturellen Gegensätzen als davon, Unterschiede in den Alltag zu integrieren. Dafür braucht es Offenheit, Flexibilität und die innere Stärke, den Blick auch nach dem Überschreiten von Grenzen nicht zu verschließen.

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