Eine Erfolgsgeschichte 100 Jahre Deutschunterricht in Indien

Großes Fest: 100 Jahre Deutsch
Großes Fest: 100 Jahre Deutsch | Foto: Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan New Delhi

1914 fing alles an. In Pune und Mumbai gab es den ersten Deutschunterricht in Indien. Hundert Jahre später, 2014, wurde dort auch am meisten gefeiert. Zum Jubiläum blicken wir auf die Geschichte sowie die aktuellen Entwicklungen und Aussichten für den Deutschunterricht.     

Das Jahr 2014 war vollgepackt mit Jubiläumsveranstaltungen. Neben Workshops deutschsprachiger Autoren, einer Ausstellung, Konzerten, einem Musik-, Tanz- und Theaterfestival, zahlreichen Vorträgen und germanistischen Fachkonferenzen gab es auch eine Reihe von Events, die sich besonders an die Deutschschüler und -studenten richteten. Bei einem Deutschland-Quiz, einem Aufsatzwettbewerb, einem Kochwettbewerb mit Gerichten aus Deutschland, Schweiz und Österreich und einem Gesangswettbewerb zeigten sie ihre Kenntnisse in deutscher Sprache und Kultur. „Die Teamarbeit war großartig, auch mit der Arbeit waren wir sehr zufrieden", bilanziert Savita Kelkar vom Organisationskomitee das Jahr. Teamwork – damit meint sie die Zusammenarbeit der Universität Pune, der Universität Mumbai, der deutschen Botschaft, der deutsch-indischen Handelskammer, des indischen Deutschlehrerverbands InDaF, des DAAD und des Goethe-Instituts, die alle an der Gestaltung des Jubiläumsjahres beteiligt waren.

„Der hundertjährige Geburtstag des Deutschunterrichts ist ein wunderbares Jubiläum und ein Indiz für die Nachhaltigkeit des wechselseitigen Interesses, ja der Faszination, die Indien und Deutschland seit langer Zeit miteinander verbindet“, meint Alicia Padrós vom Goethe-Institut New Delhi.

Einer der Höhepunkte war eine Rallye quer durch Pune gleich zu Beginn des Jahres. Ein Tross von mehreren hundert Schülern, Studenten und Lehrern zog durch die Stadt, um auf das Jubiläum aufmerksam zu machen. „Die Rallye zu organisieren, war eine enorme Aufgabe”, blickt Savita Kelkar zurück. „So viele Studenten problemlos auf die Straße zubringen, das war schon viel Arbeit. Aber dank der Hilfe vieler haben wir es geschafft."

Rückkehrer aus Deutschland 

Dass die Veranstaltungen hauptsächlich in Pune und Mumbai stattfanden, ist kein Zufall, denn hier liegt der Ursprung des Deutschunterrichts, hier gab es vor 100 Jahren die ersten Deutschstunden überhaupt in Indien.
In Pune fing alles mit einem Rückkehrer aus Deutschland an: Der Linguist Pandurang D. Gune hatte in Leipzig promoviert und kam 1913 in seine Heimat zurück. Seine erworbenen Sprachkenntnisse und die Begeisterung für die deutsche Sprache gab er ab 1914 den Schülern der New English School in Pune weiter, zunächst in einer 8. Klasse. Wenig später startete dann auch der Unterricht am renommierten Fergusson College, das ebenso wie die New England School zur Deccan Education Society gehört.

Neben dem Fergusson College, das damals noch der Universität Bombay angegliedert war, begann der Unterricht 1914 auch in Bombay selbst, und zwar zunächst am St. Xavier‘s College. Dieses wurde 1869 von deutschen Jesuiten gegründet, und auch 1914 waren es deutschsprachige Jesuiten, die die ersten Unterrichtsstunden abhielten. Deutsch wurde als Teil des Fachs „Moderne Europäische Sprachen“ angeboten. 1918 legten die ersten drei Kandidaten eine Deutschprüfung ab.

In den dreißiger Jahren wurde Deutsch dann auch als Wahlfach für Magisterstudenten der Naturwissenschaften eingeführt. Nach dem zweiten Weltkrieg, unter Professor R.V. Paranjape, der von 1947 bis 1974 lehrte, wurde der Deutschunterricht stark ausgeweitet und auch Abschlüsse in Germanistik angeboten. 1965 entstand eine deutsche Sektion in der neugegründeten Fremdsprachenabteilung. Seit 2003 gibt es eine eigenständige deutsche Abteilung. Heute, unter der Leitung von Prof. Vibha Surana, wird in Mumbai die ganze Bandbreite an akademischen Abschlüssen angeboten.

Impulse aus Pune

Auch in Pune entwickelte sich der Deutschunterricht erfolgreich. 1924 führte das Fergusson College Germanistik als Hauptfach ein, neben der Sprache wurden nun also auch deutsche Literatur und Geschichte gelehrt. Im Laufe der Jahre führten weitere Colleges und Schulen in Pune Deutschunterricht ein, wie zum Beispiel das S.P. College 1939. Der erste Absolvent des Germanistikstudiums in Pune ging nach Kolhapur und unterrichtete dort Deutsch am Rajaram College. Landesweit gesehen blieb Deutsch zunächst aber eher ein Orchideenfach.

In den 50er-Jahren gingen dann erneut positive Impulse von Pune aus. 1953 führte die Universität Abendkurse in Deutsch ein, um neben Studenten auch Berufstätige anzusprechen. 1955 wurde die „Poona University German Association“ gegründet, ein Verein, der mit Vorträgen, Seminaren, Ausstellungen und Filmvorführungen das Interesse an deutscher Sprache und Kultur förderte.

1958 richtete die Universität Pune dann zwei Dozenturen für deutsche Sprache und Literatur ein. Kurt Jankowsky und Heinz Schrader waren die ersten entsandten Lektoren des DAAD. In den 60er-Jahren wurden die ersten Forschungsarbeiten geschrieben. „Von dieser Zeit an wurde die deutsche Sprache immer populärer“, sagt Savita Kelkar, die am Fergusson College Deutsch unterrichtet. Die Bilanz der weiterführenden Studiengänge an der Uni Pune bestätigt das: Die Zahl der Master-Studierenden und Doktoranden steigt dort seit ihrer Einführung kontinuierlich an.

Mittlerweile bietet die Uni Pune eine ganze Reihe verschiedene Zertifikate und Abschlüsse in Deutsch an, darunter „Commercial German“ und „German Translation“. Damit wird auch den Bedürfnissen der vielen deutschen Firmen, die sich in der Region Pune niedergelassen haben, Rechnung getragen.

„The German genius“

Neben der persönlichen Begeisterung und dem Engagement Einzelner gab es auch historische Rahmenbedingungen, die der Etablierung des Deutschunterrichts förderlich waren, erklären die Organisatoren der Jubiläumsveranstaltungen. Wenn es um Fremdsprachen ging, war Deutsch eine willkommene Abwechslung zur Sprache der englischen Kolonialherren. Sprachlich und kulturell wollte man von Europa mehr erfahren, als das, was die Engländer mitgebracht hatten.
Deutsch lag auch deswegen nahe, weil sich viele deutsche Dichter und Denker wie Friedrich Schlegel, Hermann Hesse, Georg Forster und allen voran Max Mueller mit Indien beschäftigt hatten, viele von ihnen mit großem Respekt oder Bewunderung. Das stärkte das gute Verhältnis und gegenseitige Interesse der Länder. "Im Gegenzug hat Indien immer die deutsche Genialität in Philosophie, Musik, Wissenschaft und Technologie bewundert und anerkennt.", heißt es auf der Jubiläumswebsite „punegermancentenary.com”. 
 
Der genannte Max Mueller gilt als Mitbegründer der modernen Indologie und Sanskritforschung. Nach ihm wurden zunächst auch die Goethe-Institute in Indien benannt, die in den späten 50er und in den 60er-Jahren in Indien gegründet wurden. 1957 wurde das erste „Max Mueller Bhavan“ in Kalkutta eröffnet, 1959 startete man in Delhi, 1960 im damaligen Madras (jetzt Chennai) sowie in Bangalore, 1962 in Pune und 1969 in Bombay, dem heutigen Mumbai.

Landesweit steckte der Deutschunterricht damals immer noch in den Kinderschuhen, Entwicklungen wie in Pune und Mumbai waren eher die Ausnahme. Selbst an der großen Jawaharlal Nehru Universität in Delhi eröffnete der „Centre for German Studies“ erst 1971. „Deutsch zu lernen oder gar Germanistik zu studieren war lange etwas ganz Besonderes und absolut minoritär“, berichtet Alicia Padrós, die die Bildungskooperation Deutsch des Goethe-Instituts in Delhi leitet.

Langsam werden es mehr

Die „Max Mueller Bhavans“ wurden im Laufe der Jahre immer erfolgreicher: Im Jahr 2000 gab es rund 8000 Kursteilnehmer. Im Jahr 2013 waren es dann schon 25.000. „Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren steil nach oben gegangen, und sie würden weiter steigen, wenn wir mehr Klassenräume und mehr Lehrkräfte hätten“, beschreibt Alicia Padrós den Boom.

An Schulen ergibt sich ein ähnliches Bild: 1995 gab es landesweit 9500 Schüler. Bis 2000 stieg diese Zahl auf 12.800 (in 60 Schulen), 2005 auf 14.900 (in 136 Schulen) und 2010 auf 18.550 (in 144 Schulen).

Zu den Schülern kommen Deutschlernende an Colleges und Universitäten. Bis zum Jahr 2000 hatten rund 50 Hochschulen Deutschkurse bzw. germanistische Studiengänge eingeführt. Die Zahlen der deutschlernenden Studierenden stabilisierte sich bei rund 4500, davon mehr als 200 Germanistikstudenten. Zwischen 2005 und 2010 stieg die Zahl nochmal stark an, auf 11.100.

Zählt man die Kursteilnehmer in Sprachschulen hinzu wuchs die Zahl der Deutschlernenden insgesamt von 17.800 (im Jahr 2000) auf 21.740 (2005) und 31.590 (2010).

Ein Grund für die steigende Beliebtheit der deutschen Sprache ist die Einsicht, dass Englisch allein in der boomenden indischen Wirtschaft nicht mehr ausreicht, um sich auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen zu erarbeiten. Und Deutschland ist immerhin Indiens wichtigster Handelspartner in der EU. „Viele deutsche Firmen sind hier präsent, das Interesse an deutscher Kultur und Technik ist sehr groß“, sagt Markus Biechele, koordinierender Leiter der Spracharbeit der Goethe-Institute in Indien und Südasien.

Deutschlernen dient aber nicht nur den Karrierechancen der Schüler und Studierenden, sondern auch der deutsch-indischen Freundschaft. Die wird zum Beispiel durch die Austauschprogramme gestärkt, die zahlreiche Schulen und Hochschulen initiiert haben. Schüler des traditionsreichen Fergusson College zum Beispiel sind seit Jahren zu Gast an Schulen in Kaarst und Heilbronn. Die Uni Mumbai bietet Austauschprogramme mit Göttingen, Hamburg, Augsburg, Köln und Klagenfurt. Immer mehr indische Studenten gehen nach Deutschland. Ihre Zahl hat sich zwischen 2002 und 2012 laut DAAD mehr als verdreifacht, von 1800 auf 5745.
Vergleicht man international, hat Deutsch in Indien aber bei Weitem noch nicht den Stellenwert wie in anderen Ländern erreicht. In Russland und Polen zum Beispiel gibt es über 2 Millionen Deutschlernende, bei weitaus geringerer Bevölkerung. Am ehesten vergleichbar ist China mit rund 40.000 Deutschlernenden (2010) bei ebenfalls über 1 Milliarde Einwohner.

Schülerzahlen explodieren

Einen großen Sprung bei den Schülerzahlen versprach eine Entscheidung im Jahr 2011. Die staatliche Schulkette Kendriya Vidyala (KV) führte Deutsch als erste Fremdsprache ein (Englisch gilt nicht als Fremdsprache). „Deutsch an 1.000 Schulen“, so Name und Ziel des Projekts. „Dass KV Deutsch eingeführt hat, war eine unmittelbare Folge davon, dass zwei KV-Schulen ins PASCH-Netzwerk aufgenommen wurden“, erläutert Alicia Padrós. PASCH-Schulen haben eine besondere Deutschlandbindung und arbeiten eng mit deutschen Institutionen wie dem Goethe-Institut zusammen.

Das Projekt lief gut an und katapultierte die Schülerzahlen tatsächlich nach oben. Bis 2014 führten 500 KV-Schulen Deutsch ein, die Zahl der Deutsch lernenden KV-Schüler wuchs auf 78.000. Das Goethe-Institut hatte alle Hände voll damit zu tun, Interessenten für den Deutschlehrerberuf zu akquirieren und zu schulen – an indischen Universitäten gibt es nämlich bisher keine Deutschlehrerausbildung. Das KV-Projekt war der entscheidende Grund dafür, dass das Goethe-Institut bei der letzten indienweiten Zählung im Herbst 2014 auf die Rekordmarke von insgesamt 107.000 Schülern an rund 700 Schulen kam.

Der Aufwärtstrend scheint nun aber gestoppt. Die neue indische Regierung hat beschlossen, anstelle von Deutsch in den Klassenstufen 6-8 der staatlichen Schulkette wieder Unterricht in Sanskrit oder einer anderen indischen Sprache als dritter Sprache verpflichtend zu machen.

Jetzt wird nach Wegen gesucht, das Angefangene doch noch irgendwie fortzuführen. Deutsch soll zumindest als Wahlfach weiterhin angeboten werden. Der deutsche Botschafter Michael Steiner sagte der Deutschen Welle dazu: „Die Lösung muss ein „sowohl als auch“ sein, und ich glaube, das sieht auch jeder hier in Indien, der einerseits interessiert ist, die Tradition zu erhalten – vollkommen zu Recht –, aber andererseits auch daran, die Wirtschaft voranzubringen. Ich finde es völlig legitim, wenn die jungen Menschen sich sagen, das hilft mir auch beruflich, das hilft mir in meiner Ausbildung, wenn ich eine Sprache wie Deutsch erlerne.“

Auch wenn die Zahl der Deutschlernenden an Sekundarschulen durch den Regierungsbeschluss zunächst zurückgehen dürfte: Das Interesse an deutschen Universitäten und Unternehmen, an deutscher Technik und Knowhow und damit an der deutschen Sprache wächst in Indien nachhaltig weiter. Und so besteht durchaus Grund zur Zuversicht, dass auch in den nächsten 100 Jahren das Deutschlernen in Indien eine Erfolgsgeschichte sein wird.