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Italienische Übersetzerin von Christa Wolf
Goethe-Medaille 2026 an Anita Raja

Porträt der Übersetzerin Anita Raja
Foto (Detail): © Alberto Cristofari

Anita Raja, eine der wichtigsten Übersetzerinnen aus dem Deutschen, ist Preisträgerin der Goethe-Medaille 2026, einer der höchsten Auszeichnungen der Bundesrepublik Deutschland. Zusammen mit ihr werden der estnische Komponist Arvo Pärt und der griechische Theaterregisseur Prodromos Tsinikoris geehrt.

Von Pressebüro des Goethe-Instituts

Mit der Goethe-Medaille werden in diesem Jahr der estnische Komponist Arvo Pärt, die italienische Übersetzerin Anita Raja und der griechische Theaterregisseur Prodromos Tsinikoris geehrt. Überreicht wird das Ehrenzeichen der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen eines Festakts am 28. August 2026 in Weimar durch die Präsidentin des Goethe-Instituts Gesche Joost. Die Verleihung findet öffentlich statt. Beim zeitgleich stattfindenden Kunstfest Weimar wird die Arbeit der Preisträger*innen im Diskurs und auf der Bühne vorgestellt.

Die Goethe-Institute im Ausland schlagen Kandidat*innen aufgrund ihres zentralen Beitrags zur internationalen Kultur- und Bildungspolitik und ihres herausragenden künstlerischen und bildungsrelevanten Schaffens vor; die Auswahl der Preisträger*innen trifft eine Jury unter dem Vorsitz von Thomas Oberender. Anita Raja war von dem Goethe-Institut Rom vorgeschlagen worden.

Drei Stimmen einer europäischen Kultur

Die Präsidentin des Goethe-Instituts Gesche Joost erklärt anlässlich der Bekanntgabe der diesjährigen Preisträger*innen der Goethe-Medaille: „In diesem Jahr steht die Goethe-Medaille ganz im Zeichen Europas: Wir ehren drei herausragende Persönlichkeiten, die uns mit ihrem künstlerischen Werk berühren und dabei auf besondere Weise mit Deutschland verbunden sind. Der Komponist Arvo Pärt, dessen Musik so viele Menschen weltweit in ihren Bann zieht, lebte mit seiner Familie ab 1981 im Berliner Exil. Der Schutz, die Freundschaften und die künstlerische Resonanz, die er hier erfahren hat, hatten einen prägenden Einfluss auf sein Werk. Prodromos Tsinikoris wuchs in Wuppertal als Kind von griechischen Arbeitsmigrant*innen auf und thematisiert seine beiden Heimaten, Deutschland und Griechenland, immer wieder in seinen bewegenden Theaterprojekten. Anita Raja hat ihr Wirken der Übersetzung und Vermittlung wichtiger deutschsprachiger Autor*innen wie u.a. Christa Wolf ins Italienische verschrieben und sich als Bibliothekarin für die Vielfalt der europäischen Kultur stark gemacht.“

Ein herausragendes intellektuelles Wirken

Thomas Oberender, Vorsitzender der Kommission zur Verleihung der Goethe-Medaille, merkte zur Auswahl der Preisträger*innen an: „Das herausragende künstlerische und intellektuelle Wirken der Preisträger*innen der Goethe-Medaille 2026 zeichnet sich durch seine innovative und gemeinschaftsbildende Kraft aus. Sie sind einerseits drei Stimmen einer Kultur Europas, die sich aus unterschiedlichen nationalen Kontexten und historischen Situationen speist. Zugleich überschreiten sie nationale, soziale und kulturelle Grenzen und helfen, neue Identitäten und Verständnisse von Zugehörigkeit und Gemeinschaft zu entwickeln. Ihre Lebenswege und Werke sind Antworten auf Migration, Flucht und gesellschaftliche Transformationen, die Europa im 20. und 21. Jahrhundert geprägt haben, sie schenken unserer Gegenwart dafür eine neue Sprache und tieferes Verständnis.“

DIe Stimmen aus Rom

Jessica Kraatz Magri, Leiterin des Goethe-Instituts Rom und Initiatorin der Nominierung von Anita Raja, kommentiert: „Wir vom Institut in Rom freuen uns sehr über diesen Preis, der endlich an eine Italienerin und eine Literaturübersetzerin geht. Anita Raja und ihrem Werk widmen wir am kommenden 27. Mai einen besonderen Abend: eine szenische Lesung aus dem Roman Cassandra (Kassandra) von Christa Wolf, mit einer außergewöhnlichen Schauspielerin wie Sonia Bergamasco. Kassandra gilt in der Übersetzung von Anita Raja als einer der wegweisenden Romane für die Prägung einer ganzen Generation von Frauen.“

Dr. Thomas Bagger, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Italien, betont: „Die Verleihung der Goethe-Medaille an Anita Raja ist eine wunderbare Nachricht. Anita Raja hat einen enormen Beitrag zur Verbreitung der deutschen Literatur – und damit auch des Deutschlandbildes insgesamt – in Italien geleistet, indem sie dem italienischen Publikum bis dahin fast unbekannte literarische Stimmen näherbrachte, insbesondere natürlich die von Christa Wolf. Mit der Biblioteca Europea und anderen Projekten hat Raja junge Menschen an die Literatur herangeführt. Dass der deutsch-italienische Kulturaustausch – 75 Jahre nach der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen – so intensiv ist, ist zu einem großen Teil auch dem unermüdlichen Engagement von Anita Raja zu verdanken.“

Die Begründung der Jury

Anita Raja zählt zu den bedeutendsten Übersetzer*innen aus dem Deutschen ins Italienische. Sie hat nicht nur Christa Wolf und zahlreiche weitere Autor*innen der DDR schon in den frühen 1980er Jahren für das italienische Publikum entdeckt und bekannt gemacht, sondern auch seit langem kanonisierte Werke von Georg Büchner, Franz Kafka und Ingeborg Bachmann mit großem Feinsinn ins Italienische übertragen. Dass ihr Kulturvermittlung ein Herzensanliegen ist, zeigt auch ihr jahrzehntelanges Engagement als Bibliothekarin. Sie hat sich stets dafür eingesetzt, Bibliotheken zu einem Ort der Klassen-, Alters- und Bildungsgrenzen überwindenden Begegnung zu machen. Von 2005 bis 2015 hat sie die Biblioteca Europea in Rom  geleitet. Auch als Verlagsscout und Publizistin hat sie sich auf herausragende Weise um den deutsch-italienischen Kulturaustausch verdient gemacht.

Arvo Pärt hat im Laufe seiner langen künstlerischen Laufbahn eine einzigartige kompositorische Sprache gefunden, die Menschen auf der ganzen Welt berührt und verbindet. Nach seiner Emigration aus dem damals sowjetischen besetzten Estland lebte er fast 30 Jahre in Berlin. Sein nach längerer Schaffenspause entwickelter Tintinnabuli-Stil brachte Werke wie Für Alina, Tabula Rasa oder Spiegel im Spiegel hervor und eröffnete damit neue Klangerlebnisse. Die Verbindung von Spiritualität und struktureller Tiefe in Pärts Werken ist einzigartig. Die besten Orchester und Interpret*innen führen seine Musik mit großer Regelmäßigkeit auf. Anlässlich seines 90. Geburtstags im vergangenen Jahr gab es weltweit eine Vielzahl von Konzerten zu Ehren dieser prägenden und herausragenden Persönlichkeit der zeitgenössischen Musik.
 
Prodromos Tsinikoris ist als Theaterregisseur, Schauspieler und Dramaturg eine Schlüsselfigur der griechischen Theaterwelt. In Wuppertal 1981 als Kind griechischer Arbeitsmigrant*innen geboren, hat er sich längst zu einer prägenden Figur der europäischen Theaterlandschaft entwickelt, die mit großer Sensibilität und politischer Wachheit wirkt. Bei dem Audio Walk In the middle of the street machte er obdachlose Menschen selbst zu Erzähler*innen ihrer Lebensrealität während der Finanzkrise, in Clean City stellte er (in Zusammenarbeit mit Anestis Azas) Stimmen migrantischer Reinigungskräfte gegen die Rhetorik neofaschistischer Bewegungen, und in 96% thematisiert er den Holocaust an den Jüdinnen und Juden Thessalonikis sowie die Plünderung ihres Besitzes während der NS-Besatzungszeit. Tsinikoris ist ein Ausnahmetalent, der das Dokumentarische nicht als bloßes Abbild der Wirklichkeit, sondern als künstlerischen Resonanzraum gesellschaftlicher Bruchlinien begreift.

Die Goethe-Medaille

Die Goethe-Medaille ist das offizielle Ehrenzeichen der Bundesrepublik Deutschland und der wichtigste Preis der auswärtigen Kulturpolitik. Jedes Jahr schlagen Mitarbeitende der Goethe-Institute in Abstimmung mit den deutschen Auslandsvertretungen Kulturakteur*innen aus allen Regionen und kulturellen Sparten sowie dem Wissenschafts- und Sprachbereich vor. Aus den Vorschlägen wählt eine Jury – die Kommission zur Verleihung der Goethe-Medaille, bestehend aus Persönlichkeiten aus Deutschland aus den Bereichen Wissenschaft, Kunst und Kultur – drei Preisträger*innen aus. Die Goethe-Medaille würdigt Verdienste um die Förderung der deutschen Sprache sowie von Kultur und Künsten in den Heimatländern der Preisträger*innen. Sie ehrt damit auch die Erneuerung und ständige Aktualisierung eines internationalen Verständnisses von Kultur. Der Preis macht auf zukunftsweisende Themen und Strömungen aufmerksam und stärkt die Internationalisierung der deutschen Kulturlandschaft, die globale Vernetzung und wechselseitig lernende Zusammenarbeit. 

Die Kommission zur Verleihung der Goethe-Medaille 2026 bestand aus Julia Grosse (Künstlerische Leiterin Contemporary And, Berlin), Anna Henckel-Donnersmarck (Kuratorin und Leiterin der Berlinale Shorts, Berlin), Matthias Lilienthal (Dramaturg und Intendant, Berlin), Thomas Oberender (Autor und Kurator, Berlin), Adam Soboczynski (Autor und Journalist, Berlin), Andrea Zschunke (Leiterin Musik WDR3, Köln); in Vertretung des Auswärtigen Amtes: Thomas Ditt (Referatsleiter Referat 606); in Vertretung des Goethe-Instituts: Gesche Joost (Präsidentin des Goethe-Instituts) und Johannes Ebert (Generalsekretär des Goethe-Instituts).

Das künstlerische und diskursive Rahmenprogramm zur Goethe-Medaille in Weimar entsteht in Zusammenarbeit mit dem Kunstfest Weimar. Holtzbrinck unterstützt das Kulturprogramm der Goethe-Medaille 2026.

Frühere italienische Preisträger

Unter den bereits ausgezeichneten Italienern sind auch zu nennen:
  • Ervino Pocar (1956)
    Germanist und Übersetzer aus dem Deutschen für Mondadori. Neben einer Vielzahl von Sachbüchern übersetzte Pocar unter anderem Schiller, Novalis, die Brüder Grimm, E.T.A. Hoffmann, Gotthelf und Platen; unter den modernen Schriftstellern Feuchtwanger, Werfel, Wiechert, Remarque und vor allem die drei Autoren, denen er sich mit echter Hingabe widmete und entscheidend zu ihrer Verbreitung in Italien beitrug: Thomas Mann, Hermann Hesse und Franz Kafka.
  • Ladislao Mittner (1966)
    Mittner gilt als einer der bedeutendsten italienischen Germanisten. Ihm verdanken wir die drei umfangreichen Bände der Geschichte der deutschen Literatur (Von den heidnischen Anfängen bis zum Barock: ca. 750 bis ca. 1700; II, Vom Pietismus zur Romantik: 1770–1820; III, Vom Realismus zum Experiment: 1820–1970). Als wahrer Meister der italienischen Germanistik bildete Mittner eine ganze Generation von Wissenschaftler*innen aus: Jahrzehntelang gab es keine kritische Arbeit zum deutschen 18. Jahrhundert, die nicht von seiner Forschung ausgegangen wäre.
  • Claudio Magris (1988)
    Italienischer Germanist und Schriftsteller (geb. 1939 in Triest). Er widmete sich der Kultur Mitteleuropas (wobei er sich auch für italienische Autoren aus Grenzregionen wie B. Marin und I. Svevo interessierte) und ganz allgemein der Krise der zeitgenössischen Literatur. Er ist auch Romanautor, darunter insbesondere Microcosmi (1997).
  • Giorgio Strehler (1988)
    Italienischer Regisseur (Triest 1921 – Lugano 1997). Als vielseitiger und äußerst produktiver Theaterregisseur inszenierte er bis Anfang der 1960er Jahre zahlreiche klassische, moderne und zeitgenössische Stücke, darunter das epische und politische Theater Brechts. Brechts Theaterkonzepte beeinflussten Strehlers spätere Inszenierungen, sowohl die von Brecht selbst als auch die von Shakespeare, Goldoni, Pirandello und Tschechow.

Kommende Veranstaltungen mit Anita Raja

Zwei Veranstaltungen mit Anita Raja als Protagonistin, anlässlich der Neuauflage des Romans Cassandra (Kassandra), finden im Mai in Italien in Zusammenarbeit mit Edizioni e/o statt:

Sonntag, 17. Mai, 16:15–17:15 Uhr
Internationale Buchmesse Turin | Lingotto – Piazzale Oval, Sala Bianca
Hommage an Christa Wolf
Mit Sandra Ozzola und Anita Raja

Mittwoch, 27. Mai, 19:00 Uhr
Goethe-Institut Rom | Via Savoia 15, Rom
Kassandra, die notwendige Stimme – Der Roman von Christa Wolf und unsere Zeit
Szenische Lesung und Gespräch mit Anita Raja, Ilaria Gaspari und Sonia Bergamasco

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