Lotte hatte dem Verleger erklärt: „Das ist unsere Geschichte!” - „Ist das alles die Wahrheit?”, will der Mann wissen - „Das ist mehr als die Wahrheit”, erklärt die junge Frau, „das ist Dichtung!” Genau dies dürfte auch der Leitsatz von Philipp Stölzl gewesen sein, als er den Film konzipierte und seine Fiktionen über die belegten historischen Fakten stellte. Das Goethe als Jura-Student durch die Prüfung fiel, dass er am Reichskammergericht in Wetzlar arbeitete, dass Kestner sein Chef war, stimmt so nicht. Auch war Lotte schon Kestners Braut, bevor sie Goethe kennenlernte; schließlich entstand „Die Leiden des jungen Werther” erst nach Goethes Zeit in Wetzlar, und Lotte war nicht die einzige Frau, die ihm zu dem Briefroman Anlass gegeben hatte, der übrigens auch nicht in einem Kerker von Wetzlar geschrieben wurde. Man sollte sich also des fiktiven Charakters dieses Films genau bewusst sein. Dennoch sind Goethe und sein Werk hier überall wiederzufinden; Stölzl hat nicht nur wörtliche Zitate in die Dialoge eingebaut (manchmal benützt der Titelheld Goethe-Zitate, als würde er sie gerade spontan erfinden), sondern auch visuelle Motive seines Werks anklingen lassen. Goethe, der Lotte vor der Kirche abpasst, das Volksfest und das Besäufnis des Dichters verweisen auf „Faust”, und der Hinweis des Vaters an den Sohn („Ein unnütz Leben ist ein früher Tod” stammt aus dem Drama „Iphigenie auf Tauris”.
Man kann über die Fiktionalisierung des Stoffs diskutieren – auf Unkenntnis ist sie auf keinen Fall zurückzuführen. „Ich finde, Goethe hat eine frische Sichtweise verdient. Wenn man ihn liest, entdeckt man eine vitale, freche, kluge, aber auch versaute Literatur. Für mich war es eine spannende Frage, wie dieser Typ in seiner Jugend getickt hat. Einer historischen Figur kommt man nicht unbedingt näher, indem man sich ganz eng an die Fakten hält. Entscheidender als die historische Wahrheit ist es, dem Lebensgefühl der Figur möglichst gerecht zu werden” (Philipp Stölzl).
Bezeichnend ist, dass sich der Filmemacher auf den jungen Goethe konzentriert, dem er viel Spontaneität und buchstäblich „Sturm und Drang” andichten darf – auch auf Kosten der historischen Wahrheit, in der Goethe auch nicht der junge Einzelgänger war, als der er hier erscheint. Stölzls Arbeit dürfte – das hat auch die deutsche Kritik spüren lassen – vielen Philologen zutiefst missfallen; gleichzeitig aber könnte dieser Film über einen jungen, ungestümen und manchmal etwas wilden Autor ein junges Publikum durchaus mehr für Goethe interessieren als manche seriösere Arbeit über den deutschen „Dichterfürst”.