Künstlerische Recherchen in Litauen

Im Frühjahr und Sommer 2025 waren vier Künstler*innen aus Deutschland im Rahmen unseres Projektes „Aspekte der Anwesenheit“, eine Kooperation mit dem Contemporary Art Centre (CAC) Vilnius und der Akademie der Künste Berlin, für intensive künstlerische Recherchen in Litauen. Ihre Arbeiten – ganz neue Werke und lokalspezifische Adaptionen von bestehenden Werken – sind in unserer Ausstellung „Glocken und Kanonen. Zeitgenössische Kunst in Zeiten von Militarisierung“ im CAC zu sehen. Erfahren Sie mehr über die Hintergründe ihrer Recherchen und die entstandenen Werke.

Maithu Bùi, „cu’a bom IIII“, „Bomb Shells I–IIII“, 2025. (Ausstellungsansicht)

Maithu Bùi, „cu’a bom IIII“, „Bomb Shells I–IIII“, 2025. (Ausstellungsansicht) | Foto: Andrej Vasilenko

Maithu Bùi

Maithu Bùi war im Mai 2025 in Vilnius, Klaipeda und Nida unterwegs. Maithu war beim offiziellen Aufstellungsappell der Brigade dabei und hat die litauische Marine getroffen. In der künstlerischen Arbeit setzt sich Maithu seit langem mit den Auswirkungen von Kriegsabfällen – besonders Sprengstoffresten und Minen – auf Menschen und Umwelt auseinander. Die Küstenregion erwies sich daher als fruchtbarer Ort für die Recherche. Dort war die litauische Marine zusammen mit anderen NATO-Streitkräften grade damit befasst in litauischen Hoheitsgewässern am Meeresgrund liegende Munition kontrolliert zu sprengen. 

Die Ostsee birgt weiterhin große Mengen an Munition aus dem Zweiten Weltkrieg. Die litauischen Streitkräfte räumen bereits seit 2008 das Meer von Munitionsaltlasten, die das Ökosystem belasten und ein Sicherheitsrisiko darstellen. Gleichzeitig traten 2025 Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland und später die Ukraine aus der Ottawa-Konvention aus, die seit 1999 den Vertragsparteien den Einsatz von Landminen verbietet. Für „Glocken und Kanonen“ hat Maithu eine Reihe kleiner Skulpturen geschaffen, die wie Muscheln aussehen: Bomb Shells

Maithu Bùi hat Abschlüsse in Philosophie und Bildender Kunst, war u.a. Human Machine Fellow der Akademie der Künste und hat die Recherchen auch beim unserem „Aspekte der Anwesenheit“-Symposium im Juni 2025 in der Akademie der Künste in Berlin vorgestellt.
Bjørn Melhus, „I‘m Not The Enemy“, 2011-2025 (Ausstellungsansicht)

Bjørn Melhus, „I‘m Not The Enemy“, 2011-2025 (Ausstellungsansicht) | Foto: Andrej Vasilenko

Bjørn Melhus

Medienkünstler Bjørn Melhus war im Juni 2025 in verschiedenen Regionen Litauens unterwegs. Er hat sich insbesondere in den Orten umgesehen, wo deutsche Soldat*innen stationiert sind und arbeiten, zum Beispiel in Rukla und in Pabrade. Er besuchte auch verlassene Militärstandorte sowohl aus der nationalsozialistischen als auch aus der sowjetischen Besatzungszeit. Bjørn erkundete Orte wie Linksmakalis, eine ehemals streng abgeschirmte Militärstadt des sowjetischen Geheimdienstes, die heute als Wohn- und Naherholungsgebiet genutzt wird. Auf seinen Fahrten durch aktuelle Militärstandorte hielt der Künstler mit seiner Kamera Lebensräume fest, in denen sich zivile und militärische Nutzung überschneiden. Seine Recherche führte ihn auch in den Wald von Rudninkai, wo die neue Infrastruktur für die Brigade entsteht. Dort besichtigte er gemeinsam mit einer Gruppe Bildungsreisender aus Deutschland begleitet von Mantautas Šulskus die ehemaligen Partisanenunterstände.

Bjørn befasst sich als Filmemacher und Videokünstler in seiner Arbeit schon seit über 25 Jahren mit dem Thema Krieg und Militär. Er untersucht auch wie diese Themen in der Welt der Medien und Popkultur dargestellt werden.

Für „Glocken und Kanonen“ hat Bjørn seine Videoarbeit „I‘m Not The Enemy“ adaptiert. Darin befragt er das Verhältnis einer Gesellschaft zu ihren Soldat*innen und Veteran*innen. Im Film arbeitet er mit Dialogen aus US-amerikanischen Filmen im Kontext des Vietnamkriegs. Als der Film 2011 entstand, spielte er in Orten Deutschlands, deren Soldat*innen in Afghanistan gekämpft haben. Jetzt sieht man zwischen den Dialogen aktuelle Aufnahmen von Häusern, Orten und Bunkern in Litauen. Bjørn Melhus lehrt als Professor an der Kunsthochschule Kassel und ist Mitglied der Akademie der Künste. „I’m Not The Enemy“ lief in der Originalfassung auch im Filmprogramm des „Aspekte der Anwesenheit“-Symposiums in der Akademie der Künste in Berlin im Juni 2025.
Tobias Zielony, „How to Make a Fire Without Smoke”, 2025 (Ausstellungsansicht)

Tobias Zielony, „How to Make a Fire Without Smoke”, 2025 (Ausstellungsansicht) | Foto: Andrej Vasilenko

Tobias Zielony

Tobias Zielony war im April und Juli 2025 in Vilnius und im Grenzgebiet zu Belarus unterwegs. Seine Recherchen brachten ihn mit der NGO Sienos Grupe ins Gespräch und mit belarusischen Aktivist*innen, die über die belarusisch-litauische Grenze geflüchtet sind. Er war selbst in den Wäldern nahe der Grenze unterwegs und hat die Frage nach Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, nach dem was wir in der Dunkelheit sehen – in der Realität und im übertragenen Sinn – zum Thema einer neuen Arbeit für „Glocken und Kanonen“ gemacht. 

Seine Videoarbeit „How to Make a Fire Without Smoke“ ist in einem eigens dafür gebauten Raum in der Ausstellung zu erleben. Begonnen hatte er die Recherche mit der Idee Menschen im Grenzgebiet zu befragen, was sie sehen, wenn sie in die Dunkelheit schauen. Gleichzeitig spielt Tobias Werk auch mit der Frage, was Maschinen in der Dunkelheit sehen. Die Bilder des Videos zeigen auch den Rechenvorgang in der Kamera, die in der höchsten Einstellung der Lichtempfindlichkeit versucht trotz der Dunkelheit etwas abzubilden. Dazu hören wir einen Dialog – fiktiv, aber basierend auf der Recherche – über eine Flucht aus Belarus, KGB-Agenten und die Zusammenarbeit von Menschen und Maschinen bei der Überwachung der Grenze.

Einen Zwischenstand seiner Recherche hat Tobias auch im Rahmen des „Aspekte der Anwesenheit“-Symposiums im Juni 2025 in der Akademie der Künste in Berlin reflektiert im Gespräch mit CAC Kuratorin Virginija Januškevičiūtė. Tobias Zielony ist Fotograf, Videokünstler und Professor für Fotografie an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg.
Michael Stevenson, „Strategic-Level Spiritual Warfare“, 2014-2025 (Ausstellungsansicht)

Michael Stevenson, „Strategic-Level Spiritual Warfare“, 2014-2025 (Ausstellungsansicht) | Foto: Andrej Vasilenko

Michael Stevenson

Der Künstler Michael Stevenson besuchte Vilnius im vergangenen Sommer. Während seines Aufenthalts recherchierte er zu verschiedenen Immobilienentwicklungsunternehmen in Litauen, die Projekte sowohl für zivile als auch militärische Zwecke entwickeln. Michael besuchte ein Dutzend der neuesten Projekte und dokumentierte, wie sich zivile und militärische Infrastruktur in Vilnius überschneiden und ergänzen. Die Recherche diente der Erstellung einer ortsspezifischen Version des Werks „Strategic-Level Spiritual Warfare“. Das Werk ist derzeit in der Ausstellung „Glocken und Kanonen” zu sehen.

Die Installation wurde erstmals 2014 ausgestellt. Damals befasste sich der Künstler mit dem Mathematiker, Dramatiker und Leibwächter José de Jesús Martínez. Der meinte, dass die Verwirrung, die wir alltäglich erleben, wenn wir vor einer Tür stehen – sollen wir drücken oder ziehen? – eine kurze Begegnung mit dem Bösen ist. Und, dass die Mechanismen, die in Türgriff und Scharnieren stecken, vom Teufel selbst bedient werden.

In Vilnius entschied sich Michael dafür, in seiner Installation Türen mit Wiedererkennungswert zu verwenden. Türen, die die Besucher*innen in den Gebäuden der Stadt gesehen haben, oder die vielleicht den eigenen Haustüren ähneln. Die Geschichte der Türen ist jedoch eine andere: Sie wurden für eine Militärbasis hergestellt. Nachdem sie aber ungenutzt blieben, gelangten sie schließlich in den freien Handel.

So verflechten sich in dieser Version der Installation zwei Geschichten: Die eine bezieht sich auf Michaels langjähriges Interesse an den Verbindungen zwischen religiösen Überzeugungen und Medien, Technologie, Wirtschaft und Politik. Die andere betont das Bild von Türen als archetypische Sicherheitsmaßnahme und wie die alltägliche Ästhetik dieser besonderen Türen ihren ursprünglichen Zweck verschleiert.

Michael Stevenson kommt aus Neuseeland und lebt und arbeitet seit über 25 Jahren in Berlin. Seit 2011 ist er Professor für Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

„Aspekte der Anwesenheit“ ist ein Projekt des Goethe-Instituts in Litauen, des Contemporary Art Centre (CAC), Vilnius, und der Akademie der Künste, Berlin. Das Projekt besteht aus drei Teilen: einem Symposium an der Akademie der Künste in Berlin, einer Ausstellung im CAC in Vilnius und schließlich einer Publikation. Die Ausstellung „Glocken und Kanonen. Zeitgenössische Kunst in Zeiten von Militarisierung“, kuratiert von Virginija Januškevičiūtė und Valentinas Klimašauskas, ist bis zum 1.3.2026 im CAC zu sehen.

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