Julia Schoch „Das Vorkommnis. Biographie einer Frau“
© dtv Verlag, 2022
S. 6-14
What’s that on your pocket?
at’s nothing. It’s just a little blood.
Kay (Meg Ryan) zu Arlis (Dennis Quaid)
in »Flesh and Bone«
1
An dem Tag, einem Dienstag im Dezember, war ich zu Gast im Kulturhaus einer norddeutschen Stadt und las aus meinem neuen Roman vor. Nach der Veranstaltung trat eine Frau zu mir an den Tisch, an dem ich noch sitzen geblieben war, um das eine oder andere Buch zu signieren. Sie schob mir ihr Exemplar hin. Während ich mich darüberbeugte und meinen Namen hineinzuschreiben begann, sagte sie:
Wir haben übrigens denselben Vater.
In meiner Erinnerung bricht mir bei diesem Satz der Füller aus. Die Feder entgleist, und es entsteht eine lange, tiefe Linie auf dem Papier. Eine Linie des Schocks. Als wäre ich mitten in der Unterschrift von einer Kugel getroffen worden.
In Wirklichkeit — und zu meiner eigenen Verblüffung, wie ich später oft dachte, ja im Grunde bis heute denke — sprang ich sofort auf und fiel der wildfremden Frau schluchzend um den Hals.
Die anderen Gäste, es waren nur sehr wenige, waren schon im Aufbruch begriffen. Der Leiter des Kulturhauses hatte die Mikrofonanlage abgebaut und wartete mit einem Schlüsselbund in der Hand am Ausgang. Es war verabredet, dass wir nach der Lesung noch etwas essen gehen würden. Auf dem Weg ins Restaurant erzählte ich ihm von einer Frau aus dem Publikum, die mich angesprochen habe. Ich tat es beiläufig, eine schräge Anekdote, wie man sie manchmal erzählt, wenn jemand bei einer Lesung eine seltsame Frage gestellt hat oder einem im Anschluss einen Ordner mit seiner selbst verfassten Lebensgeschichte überreichen wollte. Der Kulturhausleiter lachte kurz, er schien mit den Gedanken woanders.
Wenig später, beim Essen, konnte ich mich nur schlecht auf das Gespräch konzentrieren und brach bald unter einem Vorwand auf, was er sichtlich erleichtert hinnahm.
2
Den darauf folgenden Vormittag verbrachte ich damit, durch die mit Lichterkugeln und Tannenzweigen geschmückte Einkaufsstraße der Stadt zu gehen. In einem großen Niederegger-Geschäft kaufte ich Marzipanpralinen für das bevorstehende Weihnachtsfest. (Weder mein Mann noch das ältere Kind mochte Marzipan, aber mir gefiel die rot-gold glänzende Verpackung, die bereits wie ein Geschenk aussah.) Später stieß ich zwischen den üblichen Drogerieketten und Allerweltsläden auf das Geschäft eines Playmobil-Sammlers, in dem ich verschiedenes Feuerwehr-Zubehör kaufte — etwas, von dem das ältere Kind zu der Zeit fasziniert war, unter anderem ein rotes Sprungtuch, meinen Hydraulikspreizer und eine winzige Rettungssäge —, bevor ich in den Zug stieg und in eine andere Stadt weiterreiste, zur nächsten Lesung.
Unterwegs blätterte ich in einem Buch über die USA. Vor allem las ich die Seiten über den Norden Ohios, wo ich demnächst für ein paar Monate leben würde.
Nach meiner Ankunft schrieb ich E-Mails, ich gab ein Interview für eine Stadtzeitung, ich absolvierte meine Lesung. Dieser Tagesablauf wiederholte sich ein paarmal. Am letzten Abend der sieben oder acht Tage dauernden Reise ging ich mit einem Universitätsprofessor, seiner Frau und ein paar Studenten im Anschluss an die Veranstaltung in einen Kartoffelpub.
Ich erwähne diese alltäglichen Verrichtungen, weil die meisten überraschenden Vorfälle in unserem Leben gleichsam nebenbei passieren. Wir setzen nicht aus. Wir halten nicht inne. (Ich habe das Innehalten immer für eine eigentümliche, in Wahrheit kaum durchführbare Übung gehalten.) Wir bauen, was uns überrascht hat, in unser gewohntes Leben ein. Wir gehen unserer Arbeit nach. Wir funktionieren. Vielleicht ist es besser so. Auf diese Weise versuchen wir, der zerstörerischen Kraft unerwarteter Veränderungen aus dem Weg zu gehen. Dem Schock auszuweichen, jenen unzähligen kleinen und größeren Erschütterungen im Leben, die am Ende womöglich sogar der Kitt sind, der die anderen Geschehnisse, die harmloseren, alltäglichen, zusammenhält.
3
Jahrelang habe ich über das Vorkommnis nachgedacht. Hin und wieder unternahm ich den Versuch, darüber zu schreiben. Ich ermahnte mich, dass ich nicht noch mehr Zeit verlieren dürfe, wenn ich darüber schreiben wollte. Dass mir die Erinnerungen daran sonst abhandenkämen. Dann aber wurde mir klar, dass ich schon vieles nicht mehr wusste, ja an bestimmte Dinge hatte ich mich schon am nächsten Tag kaum mehr erinnert. Zum Beispiel daran, welche Worte zwischen der Frau und mir gefallen waren. Was hatten wir gesagt, wie lange hatte unser Gespräch an meinem Lesungstisch gedauert?
Andere, scheinbar unwesentliche Details hingegen sind mir bis heute sehr genau im Gedächtnis. Die Farbe ihrer Jacke (grün-schwarz), einer Wetterjacke, auf deren linken Armel ein Logo gestickt war, ein Reiter im Sprung. Dazu flache, praktische Schuhe (was ich vielleicht nur daraus schließen konnte, wie sie dagestanden hatte). Vielleicht lag es am Schreck, dass ich mehr als ihren Anblick das zurückbehalten habe: Sie hatte sich mir höflich genähert, fast zögerlich. Ihre freundliche Stimme sprudelte nicht drauflos. Und obwohl sie keine zierliche, zarte Person war und viel größer als ich, wich sie bei meiner Umarmung einen winzigen Moment zurück. Mit so viel Schwung hatte sie nicht gerechnet.
Vor allem scheint sich erst jetzt, mit dem Abstand von Jahren, in großer Klarheit zu zeigen, wie die Dinge, die in den Monaten und Jahren danach passiert sind, miteinander zusammenhängen. Erst jetzt kann ich mich zurückfallen lassen in jene Zeit, den Winter in Ohio, der der Anfang einer langen Phase war, in der ich unfähig wurde, etwas zu empfinden, zu denken und auf unbeschwerte Art zu leben, ja mir sogar die Sprache wegblieb, sodass ich mein Leiden einem Neurologen gegenüber nur mit den Worten beschreiben konnte, ich säße in einem schwarzen Loch, dem gewöhnlichsten aller Bilder, wenn man versucht zu erklären, dass man in einen ausweglosen Zustand geraten ist. (Tatsächlich schämte ich mich für den abgedroschenen Ausdruck mehr als für meinen Zustand.) Es waren Monate und Jahre, in denen sich alles zu verändern schien, meine Sicht auf die Welt, die Liebe, auf meinen Mann und meine Kinder.
Wobei mir das Wort »mein« in diesem Zusammenhang inzwischen anmaßend vorkommt.
4
An dem Abend im Dezember hatte ich keine Sekunde ans Schreiben gedacht. Ich verspürte nicht das Bedürfnis, irgendetwas von der Begegnung mit der fremden Frau zu notieren. Nachdem ich mich vom Leiter des Kulturhauses verabschiedet und das Restaurant verlassen hatte, ging ich durch die menschenleere Innenstadt, vorbei an den geschlossenen Geschäften. Im Gehen kramte ich nach meinem Telefon. Ohne zu zögern, wählte ich die Nummer meiner Schwester. Meiner richtigen, wie ich mir sagte. Sogleich überkam mich ein eigenartiges Gefühl. War es Schuld? Scham? Ich rief sie an, ohne dass ich darüber nachgedacht hätte. Ich tat es automatisch, oder anders — ich folgte einer absoluten Überzeugung, die besagte, dass es nur einen Menschen gab, den das, was an dem Abend passiert war, etwas anging: meine Schwester.
Aufgebracht schilderte ich, was vorgefallen war. Ich musste nicht sehr lange reden. Meine Schwester gab mir sofort recht. Wie absurd! Was für ein dreister Übergriff! Wir waren uns einig. Wir machten sogar ein paar Scherze, um der Situation das Ungeheuerliche zu nehmen. Ich war beruhigt.
Als ich das Telefon wieder verstaut hatte, begann es zu schneien, und mir fiel auf, dass ich meine Schwester schon sehr lange nicht mehr angerufen hatte. Fast war ich der fremden Frau dankbar. Ihr unerwarteter Auftritt hatte uns eine Möglichkeit gegeben zusammenzurücken. Unser monatelanges Schweigen, ihr Groll, all das schien mit einem Mal vergessen. Dank dieser Frau waren meine Schwester und ich uns plötzlich wieder nah.
Zurück in meinem Hotelzimmer, stellte ich den Fernseher an und ging ins Bad, wo ich zu weinen anfing. Ich habe später, wenn ich über die ganze Geschichte nachdachte, nie mehr so geweint wie an diesem Abend. Später machte ich mir Gedanken, ich wog die Dinge ab, forschte nach Ursachen, stellte rationale Überlegungen an. An diesem Abend aber stand ich in der Dusche, die Stirn an die Fliesen gelehnt, den Duschkopf an mich gepresst, und weinte.
Möglicherweise, sage ich mir jetzt, gab es für meine Tränen noch einen anderen Grund als nur den überraschenden Auftritt der Frau. Möglicherweise verbanden sich mehrere emotionale Zustände miteinander und verschafften sich auf diesem Wege Ausdruck: Ich hatte die kurze Lesereise dafür genutzt, die Milch in meiner Brust loszuwerden, mit der ich fast sieben Monate lang mein jüngeres Kind versorgt hatte. Bislang hatte ich es erlösend gefunden, dass das Kind so weit weg von mir war. So kamen wir beide nicht in Versuchung. Wenn das weiße Rinnsal im Abfluss irgendeines Waschbeckens oder einer Badewanne unter mir verschwand, hatte ich ohne Bedauern zugeschaut. An diesem Abend aber gab mir der Anblick der weggespülten Milch einen Stich. Ich wusste, dies war das letzte Mal, mein Auftrag war erfüllt. In ein paar Tagen wäre ich wieder wie vorher, ich würde aussehen, als wäre nichts geschehen. Die Mutter-Kind-Blase hätte sich für immer geteilt und würde fortan in Form zweier getrennter Blasen durch die Welt treiben.
Jetzt, nach all den Jahren, haben sich die beiden Ereignisse miteinander verknüpft. In dem Moment, in dem ich ein Familienmitglied von mir abtrennen wollte, war ein neues aufgetaucht. Ich kappte eine Verbindung, und im selben Augenblick wurde eine neue Verbindung hergestellt. Als sollte ein Ausgleich geschaffen werden. Eine Art Gerechtigkeit, verordnet von einer Instanz, die, wie ich mir hin und wieder ausmale, ausschließlich für eine solche Entschädigung zwischen den Erdenbewohnern zuständig ist.