Veranstaltungsreihe
Januar bis November
Zeit für Brecht!
Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.
Dr. Mladen Dolar
Die Zeiten sind so – und solche hat es in unserem Leben kaum je gegeben –, dass Journalist*innen, Kommentator*innen, Sozialwissenschaftler*innen, Philosoph*innen, Intellektuelle, Künstler*innen und Freund*innen an der Bar regelrecht darum wetteifern, wer der Welt die düsterste Diagnose stellt: Kriege, Genozide, die sich dramatisch verschärfenden Umweltkatastrophen, der Aufstieg bedrohlicher Populismen, die Aussicht auf neue Autoritarismen, neuer Feudalismus oder sogar Faschismus, Militarisierung, Eskalation der Gewalt, der Zusammenbruch bislang geltender Regeln, Vulgarität und Obszönität, Hassreden, eine noch größere Bereicherung der Überreichen, gefährliche Fallstricke neuer Technologien und sozialer Netzwerke, die Abwesenheit jeglicher Perspektive auf Solidarität und Emanzipation, der Verlust der Fähigkeit zum kollektiven Handeln. Und je mehr düstere Diagnosen wir stellen, je mehr die Welt zerfällt, desto mehr scheint es, als würden wir heimlich Gefallen an diesen schwarzen Prophezeiungen finden, an unserer eigenen Ohnmacht und Mutlosigkeit. Als seien uns die Hoffnung und der Mut abhandengekommen.
Wohin sollen wir uns in diesen düsteren Zeiten wenden, die keinerlei hoffnungsvolles Licht bieten, wenn nicht zu Brecht? Zu Brecht, der die umwälzenden Zeiten der Niederlage emanzipatorischer Bewegungen durchmachte, den Aufstieg des Faschismus, Krieg und Exil, neue autoritäre Regime erlebte und der dennoch immer die richtigen Worte fand und mit ihnen Hoffnung und Mut spendete. So dunkel seine Diagnosen auch gewesen sein mögen – und sie waren immer dunkel, Brecht hat sich niemals etwas vorgemacht –, er gab sich damit nie zufrieden, sondern verlangte und erdachte selbst in den aussichtslosesten Situationen Wege, sich ihnen entgegenzustellen. Brecht ist ein Aufruf zum Denken – denken heißt verändern, sagt Herr Keuner, Brechts Alter Ego – ein weiser Denker und eine Parodie auf die Philosophen zugleich. In dieser Konzeption bedeutet „denken“ eine Verwandlung: sich selbst und die Welt verändern. Brecht ist ein Aufruf zum Humor, der ihm selbst unter den hoffnungslosesten Umständen nie ausging, und Humor war für ihn stets ein Hebel des Denkens.
"Woran arbeiten Sie?" wurde Herr K. gefragt. Herr K. antwortete: "Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor." (Aus: Bertolt Brecht – Geschichten vom Herrn Keuner). Brecht ist ein Aufruf zum Handeln, das mit Denken und Humor beginnt: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“Brecht ist der Widerstand gegen jegliches Abfinden mit dem Gegebenen und Beschlossenem; jede Gegebenheit und scheinbare Vertrautheit legte er in ihrer Fremdheit und in ihrer Möglichkeit zur Veränderung offen. Brecht ist ein Prozess, der den Ohnmächtigen Kraft verleiht.
„Čas je za Brechta!“ (Zeit für Brecht!) lautet der Titel des Sammelbandes, den Studia humanitatis im Jahr 2009 herausgegeben hat. Damals versuchte eine Gruppe slowenischer Theoretiker*innen, deren inspirierende treibende Kraft Dr. Neda Pagon war, mit Brecht über die Weltkrise des Jahres 2008 nachzudenken – eine Krise, die uns trotz ihrer drastischen Ausmaße nicht wirklich auf all das vorbereiten konnte, was in den darauffolgenden anderthalb Jahrzehnten folgen sollte.
„Zeit für Brecht!“ ist auch das Motto der diesjährigen Saison des Kultur- und Kongresszentrums Cankarjev dom, mit einer neuen Reihe von Vorträgen, Aufführungen und Veranstaltungen. Doch jede Wiederholung verlangt eine Neuerfindung – ganz im Sinne Brechts gilt es, ihn jedes Mal neu zu erfinden. Und mit ihm: uns selbst.
Herrn Keuner ereilte eine Flut: „Er blieb sofort stehen, um sich nach einem Kahn umzusehen, und solange er auf einen Kahn hoffte, blieb er stehen. Als aber kein Kahn in Sicht kam, gab er die Hoffnung auf und hoffte, daß das Wasser nicht mehr steigen möchte. Erst als ihm das Wasser bis ans Kinn ging, gab er auch diese Hoffnung auf und schwamm. Er hatte erkannt, daß er selbst ein Kahn war.“
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Im Jubiläumsjahr 2026 interpretieren verschiedene Institutionen Brecht auf je eigene Weise oder stellen ihn sogar erstmals dem slowenischen Publikum vor. In Zusammenarbeit mit dem Kultur- und Kongresszentrum Cankarjev dom bereiten wir den Vortragszyklus „Zeit für Brecht!" vor, der von Februar bis September 2026 stattfinden wird. Für den Verlag *cf. übersetzt Mojca Kranjc das Material für gleich zwei Bände mit Brechts Schriften, für den Verlag Mladinska knjiga bereitet Tanja Petrič eine umfangreiche Auswahl seiner Gedichte vor und übersetzt sie. Gemeinsam mit der Akademie für Theater, Radio, Film und Fernsehen (AGRFT) werden zwei Ausstellungen, eine Installation und eine Konferenz im Slowenischen Theaterinstitut (SLOGI), in der National- und Universitätsbibliothek (NUK) und in Cankarjev dom realisiert.
Das Goethe-Institut Ljubljana feiert den Autor mit dem ganzjährigen Projekt „brecht 70“, dem sich auch die Slowenische Kinemathek sowie Dragan Živadinov & Tomaž Mastnak bereits ab Ende dieses Novembers mit dem Film „Kuhle Wampe“ anschließen, für den Brecht das Drehbuch schrieb. Das Anton-Podbevšek-Theater hat zusammen mit Cankarjev dom bereits „Leben und Zeiten“ Brechts auf die Bühne in Novo mesto gebracht und wird im kommenden Januar auch in Ljubljana gastieren. Der reflexive Zyklus ist dem Gedenken an Dr. Neda Pagon gewidmet.
Konzeption der Reihe und Moderation: Dr. Mladen Dolar, Philosophische Fakultät der Universität Ljubljana, und Dr. Urban Šrimpf, Goethe-Institut Ljubljana
Dr. Mladen Dolar
Die Zeiten sind so – und solche hat es in unserem Leben kaum je gegeben –, dass Journalist*innen, Kommentator*innen, Sozialwissenschaftler*innen, Philosoph*innen, Intellektuelle, Künstler*innen und Freund*innen an der Bar regelrecht darum wetteifern, wer der Welt die düsterste Diagnose stellt: Kriege, Genozide, die sich dramatisch verschärfenden Umweltkatastrophen, der Aufstieg bedrohlicher Populismen, die Aussicht auf neue Autoritarismen, neuer Feudalismus oder sogar Faschismus, Militarisierung, Eskalation der Gewalt, der Zusammenbruch bislang geltender Regeln, Vulgarität und Obszönität, Hassreden, eine noch größere Bereicherung der Überreichen, gefährliche Fallstricke neuer Technologien und sozialer Netzwerke, die Abwesenheit jeglicher Perspektive auf Solidarität und Emanzipation, der Verlust der Fähigkeit zum kollektiven Handeln. Und je mehr düstere Diagnosen wir stellen, je mehr die Welt zerfällt, desto mehr scheint es, als würden wir heimlich Gefallen an diesen schwarzen Prophezeiungen finden, an unserer eigenen Ohnmacht und Mutlosigkeit. Als seien uns die Hoffnung und der Mut abhandengekommen.
Wohin sollen wir uns in diesen düsteren Zeiten wenden, die keinerlei hoffnungsvolles Licht bieten, wenn nicht zu Brecht? Zu Brecht, der die umwälzenden Zeiten der Niederlage emanzipatorischer Bewegungen durchmachte, den Aufstieg des Faschismus, Krieg und Exil, neue autoritäre Regime erlebte und der dennoch immer die richtigen Worte fand und mit ihnen Hoffnung und Mut spendete. So dunkel seine Diagnosen auch gewesen sein mögen – und sie waren immer dunkel, Brecht hat sich niemals etwas vorgemacht –, er gab sich damit nie zufrieden, sondern verlangte und erdachte selbst in den aussichtslosesten Situationen Wege, sich ihnen entgegenzustellen. Brecht ist ein Aufruf zum Denken – denken heißt verändern, sagt Herr Keuner, Brechts Alter Ego – ein weiser Denker und eine Parodie auf die Philosophen zugleich. In dieser Konzeption bedeutet „denken“ eine Verwandlung: sich selbst und die Welt verändern. Brecht ist ein Aufruf zum Humor, der ihm selbst unter den hoffnungslosesten Umständen nie ausging, und Humor war für ihn stets ein Hebel des Denkens.
"Woran arbeiten Sie?" wurde Herr K. gefragt. Herr K. antwortete: "Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor." (Aus: Bertolt Brecht – Geschichten vom Herrn Keuner). Brecht ist ein Aufruf zum Handeln, das mit Denken und Humor beginnt: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“Brecht ist der Widerstand gegen jegliches Abfinden mit dem Gegebenen und Beschlossenem; jede Gegebenheit und scheinbare Vertrautheit legte er in ihrer Fremdheit und in ihrer Möglichkeit zur Veränderung offen. Brecht ist ein Prozess, der den Ohnmächtigen Kraft verleiht.
„Čas je za Brechta!“ (Zeit für Brecht!) lautet der Titel des Sammelbandes, den Studia humanitatis im Jahr 2009 herausgegeben hat. Damals versuchte eine Gruppe slowenischer Theoretiker*innen, deren inspirierende treibende Kraft Dr. Neda Pagon war, mit Brecht über die Weltkrise des Jahres 2008 nachzudenken – eine Krise, die uns trotz ihrer drastischen Ausmaße nicht wirklich auf all das vorbereiten konnte, was in den darauffolgenden anderthalb Jahrzehnten folgen sollte.
„Zeit für Brecht!“ ist auch das Motto der diesjährigen Saison des Kultur- und Kongresszentrums Cankarjev dom, mit einer neuen Reihe von Vorträgen, Aufführungen und Veranstaltungen. Doch jede Wiederholung verlangt eine Neuerfindung – ganz im Sinne Brechts gilt es, ihn jedes Mal neu zu erfinden. Und mit ihm: uns selbst.
Herrn Keuner ereilte eine Flut: „Er blieb sofort stehen, um sich nach einem Kahn umzusehen, und solange er auf einen Kahn hoffte, blieb er stehen. Als aber kein Kahn in Sicht kam, gab er die Hoffnung auf und hoffte, daß das Wasser nicht mehr steigen möchte. Erst als ihm das Wasser bis ans Kinn ging, gab er auch diese Hoffnung auf und schwamm. Er hatte erkannt, daß er selbst ein Kahn war.“
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Im Jubiläumsjahr 2026 interpretieren verschiedene Institutionen Brecht auf je eigene Weise oder stellen ihn sogar erstmals dem slowenischen Publikum vor. In Zusammenarbeit mit dem Kultur- und Kongresszentrum Cankarjev dom bereiten wir den Vortragszyklus „Zeit für Brecht!" vor, der von Februar bis September 2026 stattfinden wird. Für den Verlag *cf. übersetzt Mojca Kranjc das Material für gleich zwei Bände mit Brechts Schriften, für den Verlag Mladinska knjiga bereitet Tanja Petrič eine umfangreiche Auswahl seiner Gedichte vor und übersetzt sie. Gemeinsam mit der Akademie für Theater, Radio, Film und Fernsehen (AGRFT) werden zwei Ausstellungen, eine Installation und eine Konferenz im Slowenischen Theaterinstitut (SLOGI), in der National- und Universitätsbibliothek (NUK) und in Cankarjev dom realisiert.
Das Goethe-Institut Ljubljana feiert den Autor mit dem ganzjährigen Projekt „brecht 70“, dem sich auch die Slowenische Kinemathek sowie Dragan Živadinov & Tomaž Mastnak bereits ab Ende dieses Novembers mit dem Film „Kuhle Wampe“ anschließen, für den Brecht das Drehbuch schrieb. Das Anton-Podbevšek-Theater hat zusammen mit Cankarjev dom bereits „Leben und Zeiten“ Brechts auf die Bühne in Novo mesto gebracht und wird im kommenden Januar auch in Ljubljana gastieren. Der reflexive Zyklus ist dem Gedenken an Dr. Neda Pagon gewidmet.
Konzeption der Reihe und Moderation: Dr. Mladen Dolar, Philosophische Fakultät der Universität Ljubljana, und Dr. Urban Šrimpf, Goethe-Institut Ljubljana
Veranstaltungen
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Zeit für Brecht! | brecht 70
Pressekonferenz | Ganzjähriges Projekt zum 70. Todestag von Brecht
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Cankarjev dom – Alma-Karlin-Saal, Ljubljana
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Slowenisch, Englisch
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Dr. Robert Pfaller | Ich hatte so wenig Meinung wie Geld
Vortragsreihe | brecht 70
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Cankarjev dom – Klub CD, Ljubljana
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Dr. Oxana Timofeeva | Die Emigration als Schule der Dialektik
Vortragsreihe | brecht 70
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Cankarjev dom – Klub CD, Ljubljana
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