Hegel und seine slowenischen Freunde

Hegel und seine slowenischen Freunde © Goethe-Institut

Hegel und seine slowenischen Freunde

Die Ausstellung "Hegel und seine slowenischen Freunde" ist Teil der internationalen philosophischen Konferenz "250. Jubiläum von Hegels Geburt: Zu spät?", die vom 7. bis 9. September 2020 im Rahmen des Festivals Indigo in Ljubljana stattfindet und vom Goethe-Institut Ljubljana in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach, der Baden-Württemberg Stiftung und der Stadt Ljubljana veranstaltet wird. Die Ausstellung wird vom 7. September bis 21. Oktober 2020 zu sehen sein.

Das sogenannte Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus ist ein unvollständig überlieferter, erst 1917 veröffentlichter Text, der wohl 1797 entstanden ist, als Hegel und Hölderlin beide Hauslehrer in Frankfurt waren. Unsicher ist, wer der Verfasser ist: Hegel, der ihn geschrieben hat, oder Hölderlin oder Schelling – oder sogar alle drei zusammen. Unsicher ist ebenso, wer immer wieder Begriffe unterstrichen hat – der oder die Verfasser selbst oder spätere Leser*innen, die im Text mögliche Fluchtpunkte des Denkens markiert haben: „Die erste Idee ist natürl. d. Vorst. von mir selbst, als einem absolut freien Wesen. Mit dem freyen, selbstbewußten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor – die einzig wahre und denkbare Schöpfung aus Nichts.“
 
Das freie logische Spiel der Phantasie (und damit: unseres Ichs) in der Sprache ist Voraussetzung für das Dichten wie das Philosophieren. Alle Inhalte, über die wir nachdenken, kommen nicht aus der sinnlichen Wahrnehmung, sondern sie werden gedacht, ohne dass wir uns dabei konkrete Dinge vorstellen müssen. Wenn wir etwas mit Hilfe realer experimenteller Anordnungen begreifen, nähern wir uns dem Denken nur an: Wir bewegen mit den Dingen Gedanken in uns hin und her.
 
„Ich bin“, so hat das Hegel zugespitzt, „unmittelbar; aber so bin ich nur als lebendiger Organismus; als Geist bin ich nur, insofern ich mich weiß. Gnôthi seauton („wisse Dich“ – die Inschrift über dem Tempel des wissenden Gottes zu Delphi) ist das absolute Gebot, welches die Natur des Geistes ausdrückt. Das Bewusstsein aber enthält wesentlich dieses, dass ich für mich, mir Gegenstand bin.“
Wenn man einen Text verstehen möchte, kann es helfen, ihn laut zu lesen oder sich vorzustellen, wie er entstanden ist. Hegel schrieb seine Texte in zwei Spalten, eine für die ersten Gedanken, eine für deren Revision, Erweiterung, Konkretisierung und Präzisierung – und er sprach langsam und mit schwäbischem Dialekt: „Abgespannt, grämlich saß er mit niedergebücktem Kopf in sich zusammengefallen da“, berichtete sein Schüler Heinrich Gustav Hotho über Hegels Vorlesungsstil. Er „blätterte und suchte immerfort sprechend in den langen Folioheften vorwärts und rückwärts, unten und oben; das stete Räuspern und Husten störte allen Fluß der Rede, jeder Satz stand vereinzelt da, und kam mit Anstrengung heraus; jedes Wort, jede Silbe löste sich nur widerwillig los, um von der metallenen Stimme dann in Schwäbisch breitem Dialekt, als sei jedes das Wichtigste, einen wundersam gründlichen Nachdruck zu erhalten.“
 
1809/10 entwirft Hegel den Paragraphen „Urtheilskrafft“ für den Unterricht am Nürnberger Gymnasium – ein zweispaltiges Papierlabor, in dem er konkret überprüfen kann, was er schreibt: „Das Urtheil ist die Beziehung zweyer Begriffsbestimmungen aufeinander, da die eine sich als Einzelnes zu einer anderen als dem Besonderen oder dem Allgemeinen oder als Besondere zu dem Allgemein verhält.“
Hegels Vorlesungen sind zum großen Teil nur durch die Mitschriften seiner Schüler enthalten, die daraus erst ein systematisches großes Werk konstruiert haben, dem allerdings Hegels so eng mit seinem Denken verbundenes dialogisches Sprechen fehlt.
 
Slavoj Žižek denkt Hegel weiter, indem er dessen Technik übernimmt, einen Gedanken beim Sprechen aus Gegensätzen heraus zu entfalten und immer wieder zu revidieren. Für diese Ausstellung hat er uns die Word-Datei eines Kapitels aus seinem im Juli 2020 erschienenen Buch Hegel in A Wired Brain zur Verfügung gestellt – eine digitale Demonstration dessen, was Žižek den „Parallax-Gap“ nennt: Es existieren verschiedene Ebenen nebeneinander, die in unserer Wahrnehmung miteinander agieren, aber in ihrem Wesen unterschiedlich bleiben.
Hegel lesen ist nicht leicht. Theodor W. Adorno hat seine Hegel-Lese-Erfahrung beschrieben: Er ist „wohl der einzige, bei dem man buchstäblich zuweilen nicht weiß und nicht bündig entscheiden kann, wovon überhaupt geredet wird, und bei dem selbst die Möglichkeit solcher Entscheidung nicht verbrieft ist“.

Eine Möglichkeit, sich Hegels Philosophie anzunähern, ist: sich auf eine seiner Fragen oder auch nur einen seiner Sätze oder gar nur eines seiner Wörter zu konzentrieren.

Zwei Beispiele:

Gibt es jederzeit und überall richtige Wahrheiten? Um das herauszufinden, rät Hegel zu einem Selbstversuch: 1. Ich schreibe den Satz “Das Itzt ist die Nacht“ oder einen anderen Satz, der mir wahr scheint, auf eine Karte. 2. Ich hänge diese Karte hier auf. 3. Ich lese den Satz auf der Karte nach einer halben Stunde wieder. Ist er dann noch wahr oder aber, wie das Hegel nennt, „schal“ geworden?

Judith Butler schreibt 1981 als Studentin in Yale eine Arbeit nur über das Wort „ist“. „Ist“ stellt sowohl eine Identität wie einen Unterschied her: „Itzt ist die Nacht“ kann nur gesagt werden, weil „Itzt“ gerade nicht identisch ist mit der „Nacht“.
Was geschieht, wenn man nach den Spuren eines der einflussreichsten deutschen Philosophen in einem Literaturarchiv sucht? 239 Treffer verzeichnete der Handschriften-Katalog des Deutschen Literaturarchivs zum Stichwort „Hegel“ im Sommer 2019. Darunter wenige Entwürfe und Briefe von Hegel, aber auch Texte über Hegel sowie zufällige Namensverwandte. Hinzukommen die in Notizen und Texten versteckten Hegel-Spuren: Hegel-Zitate, Hegel-Denkfiguren, Hegel-Motive und zufälligerweise mit Hegel verbundene Nachlass-Konvolute. Darunter findet sich auch ein Brief des Frankfurter Professorenehepaars Hannah und Paul Tillich, die im Februar 1933 kurz nach der Machtergreifung der Nazis zum Motto-Kostümfest einladen: „Die Ver- und Enthüllung des unmittelbaren Daseins (Kostümierung) muss dialektisch sein. Das vollständige ‚Ja‘ (Be-Kleidung) und das vollständige ‚Nein‘ (Ent-Kleidung) sind zu vermeiden. Erforderlich ist ein Spiel von Ja und Nein“, so dass das „Unberechenbare in der Geschichte erscheinen kann.“
 
Jeder der Gäste denkt sich selbst dialektisch: der Philosoph Theodor W. Adorno kommt als Napoleon, mit Toga und Lorbeerkranz erscheint der Historiker Dolf Sternberger, mit einer afrikanischen Dämonenmaske aus Pappmaché der Ethnologe Eckart von Sydow und im Braunhemd der SA der Politiker Kurt Riezler, verheiratet mit der einzigen Tochter des Malers Max Liebermann, der den Einzug der Nazis durchs Brandenburger Tor zwei Wochen zuvor kommentiert hatte: „Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte“.
„Der Mensch ist die Nacht, dies leere Nichts, das alles in ihrer Einfachheit enthält, ein Reichtum unendlich vieler Vorstellungen.“ (Philosophie des Geistes, 1805/06) Hegels Vorstellung, dass letztlich alles, was für uns in der Welt ist, aus uns selbst heraus kommt, macht ihn für Künstler besonders reizvoll.
 
„Der Mensch kann sich Dinge, welche nicht wirklich sind, vorstellen, als wenn sie wirklich wären.“ Diesen Gedanken aus Hegels Vorlesungen über die Ästhetik greift Hermann Hesse im Sommer 1932 als Motto für seinen geplanten Roman Das Glasperlenspiel auf: „Nichts ist notwendiger den Menschen vor Augen zu stellen, als gewisse Dinge, deren Existenz weder beweisbar noch wahrscheinlich ist, welche aber eben dadurch, daß fromme und gewissenhafte Menschen sie gewissermaßen als seiende Dinge behandeln, dem Sein und der Möglichkeit des Geborenwerdens um einen Schritt näher geführt werden.“
 
Hesse, der entgegen des Wunsches seiner Eltern nicht wie Hegel, Hölderlin und Schelling als Student der Theologie nach Tübingen kam, sondern als Buchhandelslehrling, sucht sich seine eigene Stiftgemeinschaft: Die Freunde Josef Feinhals und Franz Schall erfinden über Jahre hinweg für das Glasperlenspiel-Motto eine lateinische Übersetzung, angeblich das Original eines spätmittelalterlichen und natürlich ebenfalls erfundenen Autors Albertus Secundus. Sogar eine Handschrift mit Mäusefraßspuren will Feinhals in seinem Archiv entdeckt haben. Die drei behandeln das Motto, als sei es ein echter lateinischer Text, der am Ende nur noch abgetippt werden muss.
Franz Kafka las ebenfalls Hegel, der in der Phänomenologie des Geistes die Dialektik zwischen Herr („Für-sich-sein“) und Knecht („Für-andere-sein“) nutzt, um das Selbstbewusstsein aus dem Eigensinn und der Angst zu entwickeln: „Hat es nicht die absolute Furcht, sondern nur einige Angst ausgestanden, so ist das negative Wesen ihm ein äußerliches geblieben, seine Substanz ist von ihm nicht durch und durch angesteckt. (…) der eigne Sinn ist Eigensinn, eine Freiheit, welche noch innerhalb der Knechtschaft stehenbleibt.“ Furchtlos und frei werden wir, sobald wir uns von der Vorstellung befreien, wir selbst oder der andere müsse uns anerkennen. Der „Geist“ ist überindividuell oder wie es Kafka 1920 formuliert: „Der Geist wird erst frei, wenn er aufhört, Halt zu sein.“
 
Ein Jahr zuvor, 1919, schreibt Kafka einen Brief an seinen Vater, der auf Hegels Gedanken anspielt: „Du hast mich letzthin einmal gefragt, warum ich behaupte, ich hätte Furcht vor Dir. Ich wusste Dir, wie gewöhnlich, nichts zu antworten, zum Teil eben aus der Furcht, die ich vor Dir habe, zum Teil deshalb, weil zur Begründung dieser Furcht zu viele Einzelheiten gehören, als dass ich sie im Reden halbwegs zusammenhalten könnte. Und wenn ich hier versuche Dir schriftlich zu antworten, so wird es doch nur sehr unvollständig sein, weil auch im Schreiben die Furcht und ihre Folgen mich Dir gegenüber behindern und weil überhaupt die Grösse des Stoffs über mein Gedächtnis und meinen Verstand weit hinausgeht.(…) Ottla habe ich in ihrem Eigensinn unterstützt und während ich für Dich keinen Finger rühre (nicht einmal eine Theaterkarte bringe ich Dir), tue ich für Freunde alles.“
 
Kafka schickt den Brief nie ab. Hegels Überlegungen bleiben bei ihm Theorie.
Hegels Texte sind trotz der Abstraktion, die er als Grundelement des Denkens sieht, voller gegenständlicher Bilder. Sie sollen uns beim Verstehen helfen, sind Übungen im Wahrnehmen, Erfinden und Vorstellen, im Annähern und Verändern, im vielfältigen Sehen und individuellen Relativieren. Dabei spielt die Hand für Hegel eine große Rolle: Er schreibt mit der Hand und er kritzelt mit ihr, um einen Gedanken zu begreifen und sich zum Beispiel organische Entwicklungen vorzustellen (wie Fürsichsein, Wachsen, Verändern und Außersichsein) oder einen Gedanken auf einen Punkt zu konzentrieren oder im Dreieck herumzubewegen.

Er selbst dachte ab und zu auch zeichnend, wie hier in seinen Notizen zur Naturphilosophie (© Staatsbibliothek zu Berlin) sowie im Entwurf seiner Nürnberger Vorlesung zu Urteilskraft.
Initial für das dialektischen Spielen mit Billardkugeln, aber auch mit Idee, Formen und Farben in dieser Ausstellung war das geschliffene, teils gefärbte Glas, das Johann Wolfgang von Goethe 1821 Hegel mit dieser Widmung schenkte: „Dem Absoluten empfiehlt sich schönstens zu freundlicher Aufnahme das Urphänomen“.
 
Hegel, der anders als Goethe die Welt durch logisches Denken und nicht durch das Studium der Natur durchdringen wollte, sollte mit dem Glas ausprobieren, wie die Brechungen des Lichts unsere Farbwahrnehmung verändern und wie ein und dasselbe in gegenteilige Effekte kippen kann – bei direkter Beleuchtung färbt der gelbe Streifen für uns das weiße Tuch gelb und das schwarze blau.
 
Ob Hegel diese optische Dialektik je ausprobiert hat, ist nicht bekannt. Allerdings führt er in seiner Reihe von Beispielen für schöne Dinge auch Farbmischungen an: „Reingezogene Linien, die unterschiedslos fortlaufen, nicht hier- oder dorthin ausweichen […]. Die Reinheit des Himmels, die Klarheit der Luft, ein spiegelheller See, die Meeresglätte erfreuen uns von dieser Seite her“. Ebenso die Farbe Grün, die zwar aus Gelb und Blau gemischt wird, aber diese Gegensätze „neutralisiert“ und „auslöscht und so „wohltuender und weniger angreifend als das Blau und Gelb in ihrem festen Unterschiede“ ist.
Von Hegel gibt es einige wenige Porträts. Die bekanntesten zeigen Hegel als ernsten Denker, in seinem Arbeitszimmer oder in sich gekehrt an seinem Katheder. Alles andere als jung muss Hegel auf seine Mitstudenten gewirkt haben. „Der alte Mann“ oder kurz „Alter“ ist sein Tübinger Spitzname. Georg Friedrich Fallot zeichnet ihn mit Buckel und Krücken in Hegels Stammbuch: „Gott stehe dem alten Mann bey!“ – der Zusatz „Vive A!“ sagt, wobei: „A“ meint Auguste Hegelmeier, der Hegel den Hof machte.

Hinzu kommen vage, imaginäre und überzeichnete Hegel-Bildnisse, unmittelbare Abdrücke (wie die Tintenkleckse in seinen Manuskripten) und indirekte Spuren (wie das Kreuz, mit dem sein Schüler David Friedrich Strauß Hegels Tod in der Mitschrift seiner Vorlesung Die Geschichte der Philosophie in Auszügen markiert: „Am 14. Nov. Abends ist Hegel an der Cholera gestorben.“).

Hegel selbst dürfte die Frage nach dem Aussehen eines Philosophen für unwichtig erklärt haben: Das Äußere sei „absolut zufällig für das selbstbewußte Wesen“, Schädel und Geist haben nichts miteinander zu tun. In der Philosophischen Propädeutik erläutert er am Beispiel der Bilder den Unterschied zwischen Vorstellen und Denken: „In der Vorstellung haben wir eine Sache vor uns auch nach ihrem äußerlichen, unwesentlichen Dasein. Im Denken hingegen sondern wir von der Sache das Äußerliche, bloß Unwesentliche ab und heben die Sache nur in ihrem Wesen hervor. Das Denken dringt durch die äußerliche Erscheinung durch zur inneren Natur der Sache und macht sie zu seinem Gegenstand. Es läßt das Zufällige einer Sache weg. Es nimmt eine Sache nicht, wie sie als unmittelbare Erscheinung ist, sondern scheidet das Unwesentliche von dem Wesentlichen ab und abstrahiert also von demselben.“