Interview mit Milan Knížák
Mein Leben mit Beuys

Professor Milan Knížák in New York
Professor Milan Knížák in New York | Foto: Archiv von Marie und Milan Knížák

„Dem gewöhnlichen Publikum wird sich sein Werk weiterhin kaum erschließen“, so Milan Knížák über den berühmten deutschen Künstler Joseph Beuys. Warum ist das so? Und worin besteht Beuys‘ größter Beitrag auf dem Gebiet der modernen Kunst?

Von Professor Milan Knížák

Meine Wege kreuzten sich schon das ein oder andere Mal mit denen von Beuys, allerdings hatten wir nie wirklich miteinander zu tun. In den deutschen Kunstkosmos bin ich Mitte der 1960er-Jahre durch den Künstler Wolf Vostell sowie durch den Verleger und Kunstsammler Wolfgang Feelisch eingetreten. Damals kam Vostell zusammen mit dem Galeristen René Block in die Tschechoslowakei, um die Kunstsammlung für Lidice ins Leben zu rufen, die eine ganze Reihe interessanter und wertvoller Exponate aus dieser Zeit enthält.
 
Mit seinem großen schwarzen Schlapphut und den an Schläfenlocken erinnernden Koteletten war Vostell in Prag eher ein Exot. Ich erinnere mich daran, wie er damals vom Herrn Chalupecký und weiteren angesehenen Theoretikern und Künstlern in die Weinbar U Patrona eingeladen wurde. Ich platzte mit einer Horde junger Freunde herein – keiner mit Verstand für Kunst, dafür alle mit langen Haaren und schmutzigen Händen. Rotzfrech tranken wir ihnen alles weg, was sie auf dem Tisch stehen hatten, bis wir sie letztlich ganz vertrieben hatten. Vostell versuchte, die Situation zu retten, doch seine Schlichtungsversuche zwischen beiden Lagern waren nicht entschlossen genug. Er schaffte es nicht – und kam noch am selben Abend zu mir nach Nový Svět

Unerwünschte Ausstellung in Dortmund

Als einer der ersten veröffentlichte Wolfgang Feelisch eine Reihe von Beuys’ Multiples, beispielsweise die bekannte Holzkiste Intuition, die sich tausendfach verkaufte und noch heute ihren stolzen Preis hat. Feelisch war auch daran interessiert, meine Arbeiten zu produzieren, sodass sich mein Werk Neckless in der gleichen Reihe wiederfand. Später veröffentlichte er auch meinen Katalog für eine Ausstellung im Museum Ostwall in Dortmund mit dem Titel Zeremonien, den ich komplett in Tschechien angefertigt und dann nur vereinzelt per Post verschickt hatte, da ich nicht zur Ausstellung nach Deutschland kommen durfte.
 
Unmittelbar danach besuchte mich der deutsche Sammler Hanns Sohm, der auf dem Rückweg nach Deutschland bei einer Grenzkontrolle festgenommen wurde. Die gesamte Dokumentation meiner Arbeiten wurde ihm natürlich abgenommen, und dann steckten sie ihn auch noch heulend über Nacht ins Gefängnis, wo sich der alte Soldat, der in Russland schwerste Leiden zu durchstehen hatte, vor Angst regelrecht in die Hosen machte. Mich selbst verurteilten sie zu zwei Jahren Haft. Nun kam wieder Beuys ins Spiel, der Protestveranstaltungen zum Sammeln von Unterschriften organisierte, mit denen die Aufmerksamkeit der tschechoslowakischen Regierung geweckt werden sollte. Professor Kolíbal sagte, dass er, während er seine Ausstellung in Deutschland vorbereitete, Beuys bei der Auflösung seiner Ausstellung sah, wie er parallel dazu mit Protestbriefen gegen meine Verurteilung von einer gerade anwesenden wichtigen Persönlichkeit zur nächsten ging. Sie können ihn gerne danach fragen.
 
Beuys und ich haben eine ganze Reihe von Multiples in der Edition Hundertmark veröffentlicht, einem von Armin Hundertmark gegründeten deutschen Verlag. Seine ersten Schritte in der Kunst machte dieser als Amateur, denn er war Totengräber und Multiples produzierte er lediglich abends. Im Endeffekt wurde er durch Beuys sehr reich. Später haben wir uns immer auf gemeinsamen Ausstellungen getroffen, da Beuys zum Teil Anhänger der Fluxus-Bewegung war – obwohl ich nicht denke, dass irgendjemand von uns als typischer Flux-Künstler bezeichnet werden kann. Typisch für Fluxus sind George Brecht, Bob Watts, Ben Vautieur, Dick Higgins und ihrem Schaffen nach teilweise auch Nam June Paik. Auf jeden Fall waren die Leute im Fluxus-Dunstkreis eine interessante Gruppe, deren Zusammenhalt größtenteils wohl darauf beruhte, dass sie von der Kunstszene lange Zeit verstoßen wurde.
  • Künstler*innen der Fluxus-Bewegung Foto: Archiv von Marie und Milan Knížák
    Künstler*innen der Fluxus-Bewegung
  • Milan Knížák (rechts), mit dem Fluxus-Verleger und Kunstsammler Wolfgang Feelisch, Jahr 1980. Foto: Archiv von Marie und Milan Knížák
    Milan Knížák (rechts), mit dem Fluxus-Verleger und Kunstsammler Wolfgang Feelisch, Jahr 1980.

Magie als Bestandteil der Persönlichkeit

Die Arbeit von Beuys war interessant. Er war eher Schamane denn bildender Künstler. Er war geschickt und als Person solitär, er wusste, Situationen für sich zu nutzen, die Preise für seine Werke zu erhöhen, sein Publikum auf seine Art zu hypnotisieren. Viele Menschen bewunderten ihn, folgten ihm. Von allen Pädagogen in Deutschland hatte er die meisten Schüler, allerdings wurden nur sehr wenige von ihnen bekannte Künstler – dafür war Beuys’ Wesen zu exzentrisch und seine Lehrmethoden ließen zu viele Freiräume. Als Beuys starb, ging der Preis seiner Werke durch die Decke, nach einer Weile fiel er aber wieder rasant ab, so als fehle in ihnen seine Persönlichkeit, die immer noch stärker auf andere wirkte als seine Werke an sich. Bestandteil seiner Persönlichkeit war immer auch etwas Magie, die mit seinem Ableben allmählich verschwand.

Dem gewöhnlichen Publikum wird sich sein Werk weiterhin kaum erschließen. Bei einem Besuch im Darmstädter Museum, in dem es eine Ausstellung zu Beuys’ Werken gibt, warnten uns selbst die dortigen Kunstverwalter, dass die Ausstellung schrecklich sei, wir sie uns nicht ansehen sollen, dass sie sich nicht lohne … Beuys’ Werke sind immer Teil eines physischen oder gedanklichen Prozesses. Sie können nicht als endgültige Form wahrgenommen werden, sondern als eine Art Zwischenzustand – eine Phase des Prozesses, ein plötzliches Innehalten, einen Teil der Geschichte. Das ist meiner Ansicht nach der größte Beitrag von Joseph Beuys auf dem Gebiet der Kunst. Er hat zum Teil Dinge gemacht, die bislang noch nicht als Kunstwerk betrachtet werden.

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