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Die Stahlindustrie machte 35% der ukrainischen Wirtschaft aus und schuf Tausende von Arbeitsplätzen für die Beschäftigten.
In den 1980er Jahren förderte die Ukrainische SSR jährlich 180 Tonnen Kohle in den Regionen Donezk und Luhansk, in denen 8 Millionen Menschen lebten.
Für viele Ukrainer wurden der Kohlebergbau und die Stahlwerke Teil ihres Lebens, ihres Alltags und ihrer Identität. Die Arbeitsschichten in den Fabriken beeinflussten den Lebensrhythmus der Erwachsenen, und die glänzenden Kohlesteine waren für die Kinder ein strahlendes Spielzeug. Heute ist der physische Zugang zu den Kohlebergwerken in den Oblasten Donezk und Luhansk aufgrund der russischen Aggression unmöglich, so dass wichtige Erinnerungen ihre Wurzeln verlieren. Um die Erinnerung an diese Kulturschicht in der Musik zu retten, starten wir das Projekt «Musik von Kohle und Stahl».
Drei Monate lang werden die ausgewählten Komponisten an den neuen Werken arbeiten, die die Erfahrung der Interaktion mit dem Kohlebergbau und dem Metallguss reflektieren. Dazu gehört ein Besuch in einem Stahlwerk. Dann kommt ein neues Werk unter der Leitung von Sven-Ingo Koch, die Arbeit mit dem Ensemble 24 und drei Uraufführungen: in Krywyj Rih, Dnipro und Kyjiw.
Den krönenden Abschluss des sechsmonatigen Projekts «Musik von Kohle und Stahl» bilden drei Konzerte in den Städten Krywyj Rih, Dnipro und Kyjiw. Im Rahmen des Projekts werden neue Werke junger ukrainischer Komponist:innen aufgeführt, begleitet von einer Installation.
Über mehrere Monate hinweg haben junge Komponist:innen, die im Rahmen eines offenen Wettbewerbs ausgewählt wurden, das Thema Schwerindustrie in der Ukraine erforscht. Sie tauchten in die Geschichte und Erinnerung des industriellen Ostens ein, lernten die Prozesse der Kohleförderung kennen und sahen sogar die Produktion mit eigenen Augen, als sie Zaporizhstal besuchten. Insbesondere wurden die Geräusche der Fabrik aufgezeichnet und gebrauchte Materialien für die Gestaltung der Installation gesammelt. Der Kohlebergbau und die Metallurgie haben über Generationen hinweg das Alltagsleben der Menschen im Osten und in der Mitte der Ukraine geprägt. In diesem Projekt wollen Komponist:innen und Künstler:innen dieses kulturelle Erbe würdigen – einen wichtigen Teil der Identität Tausender Ukrainer:innenin der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart. Die Künstler:innen setzen sich weiterhin mit all ihren Erfahrungen und den aufgezeichneten Produktionsgeräuschen auseinander und übertragen sie in neue Werke, die im Rahmen des Projekts entstehen.
Bei den Konzerten werden sechs neue Musikstücke für Ensemble (mit Elektronik) aufgeführt, vor den Konzerten wird eine Installation gezeigt.
Bemerkenswert ist, dass unter den Komponisten des Projekts auch gebürtige Ostukrainer sind, für die die Idee von „Musik von Kohle und Stahl“ eine persönliche Dimension hat. Es handelt sich um Volodymyr Rudenko (Saporischschja), Valeria Vinogradova (Berdjansk) und Maksym Ivanov (Krywyj Rih). Für sie sind die Industrielandschaften fest mit ihren ersten Erfahrungen der Weltwahrnehmung und ihren Kindheitserinnerungen verbunden. Die Künstler:innen blicken auf ihre eigene Vergangenheit zurück und beobachten die Dynamik der Entwicklung der Region. Sie erkennen die Schönheit der industriellen Komponente dieser Orte, die lange Zeit verborgen war.
„Die Industrialisierung und der wirtschaftliche Wiederaufschwung Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg sind eng mit den Kohle- und Metallurgiegebieten des Ruhrgebiets verbunden. Der Bergbau spielt eine wichtige Rolle in der lokalen Kultur, 2010 war die Region Kulturhauptstadt Europas. In der Ukraine ist ein Großteil der industriellen Infrastruktur derzeit besetzt oder muss unter hohen Verlusten an Menschenleben gegen brutale russische Angriffe verteidigt werden. Die Regionen Donezk, Luhansk und Dnipropetrowsk sind jedoch auch einzigartige Kulturregionen, deren Identität stark mit dem Kohle- und Stahlabbau verbunden ist. Mit diesem Projekt möchten wir die einzigartige Kultur dieser Gebiete zeigen, die so stark unter Kolonialismus und militärischer Gewalt gelitten haben, und gleichzeitig musikalische Brücken zu den Industrieregionen Westdeutschlands bauen“, betonte Fabian Mühlthaler, Direktor des Goethe-Instituts Ukraine.
Die Werke junger Komponist:innen entstanden in Zusammenarbeit mit ihrem Mentor, dem deutschen Komponisten und Musikwissenschaftler Sven-Ingo Koch. Sven stammt aus Hagen und wuchs im Ruhrgebiet auf, das für ihre Metallindustrie bekannt ist. Der Vater des Komponisten arbeitete eine Zeit lang in einem Kohlebergwerk. Daher liegt dem deutschen Künstler das Thema der Auseinandersetzung mit der industriellen Vergangenheit besonders am Herzen. Gleichzeitig macht seine Erfahrung als Komponist die Zusammenarbeit der ukrainischen Musiker:innen mit ihrem deutschen Kollegen interessant und nützlich. Koch arbeitete mit den Orchestern SWR, WDR, Bayerischer Rundfunk, dem Arditti-Quartett und solchen Ensembles für zeitgenössische Musik wie Musikfabrik, Ensemble Modern, Klangforum Wien, Ensemble Ascolta, Ensemble Recherche, Ensemble Resonanz und Neue Vocalsolisten u. a. zusammen. Der Komponist ist Träger der renommierten Musikpreise von Stuttgart und Rom. Kochs Musik erklingt auf großen Festivals für zeitgenössische Musik in Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Österreich, der Schweiz, dem Vereinigten Königreich, Finnland und anderen Ländern.
„Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen und erinnere mich noch gut an den roten Himmel während meiner Abendspaziergänge. Die Einheimischen erklärten mir, dass das Kind Jesus Kekse backt. Damals dachte ich natürlich noch nicht an Umweltverschmutzung. Später besuchte ich oft ehemalige Bergwerke, die zu Konzertsälen umgebaut worden waren. Sie haben eine ganz besondere Akustik. Es ist interessant zu beobachten, wie diese industriellen Räume ein neues Leben erhalten“, sagt Sven-Ingo Koch.
Im Rahmen des Projekts findet eine Diskussion zum Thema „Was ist der industrielle Osten der Ukraine?“ statt, bei der es um die Identitätsmerkmale der Ukrainer aus dem Osten, um die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Städten mit industriellem Erbe geht.
Sachbearbeiterin für digitale Medien und interne Kommunikation