Interview mit Rita Fürstenau
Eine Frage des Formats

Rotopolpress
Rotopolpress | Foto: Rotopolpress © N. Klinger

Rita Fürstenau, die in Kassel ansässige Illustratorin und Mitbegründerin von Rotopolpress, einem Verlagshaus für grafisches Erzählen, kam neulich auf ihrem Weg zum Toronto Comic Arts Festival 2015 (TCAF) beim Goethe-Institut Toronto vorbei. Dort sprach sie mit der Autorin und Bibliothekarin Michelle Kay darüber, dass sie Berlin ignoriert, wie es sich als Künstler in Kassel lebt, und über ein paar lächerlich überholte Gesetze.

Wie ist es, einen Verlag in Kassel zu leiten?

Es ist sehr angenehm. Die Stadt ist klein, so dass es ziemlich ruhig ist. Man hat viel Zeit, sich auf seine Arbeit und auf das, was man tut, zu konzentrieren. Da Kassel in der Mitte von Deutschland liegt, ist es außerdem sehr einfach, in andere Städte zu fahren, um Festivals oder Messen zu besuchen. Es eignet sich gut als Ausgangspunkt. Die Mieten sind nicht teuer, das ist auch angenehm. Es ist eine sehr grüne Stadt. Wir sind die Einzigen in unserem Arbeitsfeld, und wir haben auch ein Ladengeschäft und eine Galerie. Man kommt sehr einfach an andere Orte.

Auf eurer Website heißt es, ihr „ignoriert den aufgeregten Ruf aus Berlin.”

(lacht): Ja, das stimmt. Als wir unser Studium beendet hatten, zogen die meisten unserer Freunde nach Berlin. So war das damals. Die Leute gingen nach Kassel, um an der Kunst-und Design-Hochschule zu studieren, und wenn sie fertig waren, zogen sie nach Berlin oder Hamburg oder München, um dort einen Job zu kriegen. Wir haben viel von Leuten gehört, die nach Berlin gingen. Sie sind nicht die einzigen [die dort Kunst machen], denn Berlin ist das Zentrum für Comic-Kultur und Illustration. Daher ist es ziemlich schwer, ein Publikum zu finden, denn alle mühen sich ab, dieselben Leute [zu erreichen], etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. In Kassel sind wir diesbezüglich einzigartig. Jeder, der sich für das interessiert, was wir machen, weiß, wo er uns findet. Außerdem mögen wir die Stadt, also dachten wir, fangen wir doch an und bauen etwas Neues auf und bekommen viel Unterstützung von der Stadt, denn sie sind froh, dass wir dort sind, was wiederum sehr nett ist.

Würdest du sagen, dass Kassel einen eigenen künstlerischen Stil hat?

Vielleicht ist der eigene Stil, dass es keinen gibt? (lacht) Denn normalerweise hat man an den deutschen Kunstschulen und Universitäten die Professoren mit ihrem Stil und ihrer Arbeitsweise. Und dann übernehmen die Studenten diesen [speziellen Stil] und wachsen da hinein. Zumindest am Anfang ist das so. Der Professor in Kassel dagegen versucht das zu vermeiden. Er zwingt dich, deinen eigenen Stil zu finden. Und deswegen sind die Arbeiten von Leuten aus Kassel wirklich anders. Wir schätzen das sehr. Auch für uns als Verleger ist es wichtig, dass die Arbeiten, die wir veröffentlichen, ihren eigenen Stil besitzen und nicht versuchen, einem Trend nachzueifern.

Wie sucht ihr die Künstler und Illustratoren aus, mit denen ihr arbeitet?

Als wir begonnen haben, haben wir zunächst unsere eigenen Projekte veröffentlicht.

Dann fingen wir an, uns umzusehen und fanden Projekte von Leuten, die an der gleichen Universität studiert hatten. Und dann begannen wir, Festivals und Messen zu besuchen, wo wir Leute trafen. Das war auch der Moment, in dem Studenten auf uns aufmerksam wurden. Also kamen sie mit ihren Arbeiten und zeigten sie uns. Auf diese Weise haben wir viele der Leute, viele Künstler gefunden, mit denen wir zusammenarbeiten. Außerdem schauen wir uns viel im Internet um. Wenn wir auf ein Projekt stoßen, das uns gut gefällt, schreiben wir den Künstler an und fragen ihn oder sie, ob er sich vorstellen könnte, sich von uns verlegen zu lassen.

Ihr habt auch ein paar kanadische Künstler verlegt.

Ja, genau. Angefangen haben wir mit einem Buch von Jesse Jacobs. Es war zunächst bei Koyama Press veröffentlicht. “By This Shall You Know Him” war der englische Titel. Als wir das Projekt sahen, dachten wir, das müssen wir dem deutschen Publikum zugänglich machen, denn es ist so gut und passt so gut zu dem, was wir machen! Das war der Punkt, an dem wir gesagt haben “lasst es uns probieren und herausfinden, wie das mit den Lizenzen funktioniert, wie man ausländische Rechte für Projekte kauft”, und das war das Projekt, mit dem wir begonnen haben. Letztes Jahr haben wir das zweite Buch verlegt, das er mit Koyama gemacht hat, “Safari Honeymoon.” Für die deutschen Leser ist dieses Projekt wirklich sehr weit entfernt von dem, was sie kennen, vor allem stilistisch. Aber ich glaube, nun fangen die Leute an, aufmerksam zu werden, und das ist sehr gut.

Ja, dieses Vermitteln von Künstlern und Publikum auf internationaler Ebene ist wirklich cool.

Wir haben uns das zur Aufgabe gemacht – wir versuchen wirklich, junge deutsche Künstler mit ihren Projekten zu fördern, aber wir versuchen auch, im Auge zu behalten, was in unser Programm passt und uns interessiert, und wie man dies mit Büchern kombinieren kann, die bereits in ausländischen Verlagen erschienen sind, und die Neuerscheinungen [dem deutschen Publikum nahe] zu bringen.

Wie wichtig würdest du es einschätzen, ein Netzwerk der Künstler aufzubauen?

Ich denke, es ist sehr wichtig. Die ursprüngliche Idee war, ein Netzwerk namens Rotopol zu bilden, und dann unter anderem auch als Verleger zu fungieren. Dann stellte sich aber heraus, dass die Verlagstätigkeit so viel Arbeit und Zeit kostet, dass es im Moment den größten Teil ausmacht. Aber wir beziehen uns immer noch sehr oft auf unser Netzwerk und versuchen auch, es nicht nur durch Veröffentlichung von Büchern zu fördern, sondern auch dadurch, dass wir Ausstellungen und Gruppenausstellungen organisieren, und auch andere Leute einladen: nicht nur die, die wir selbst verlegen, sondern auch andere Künstler. Und dann kann es sein, dass wir vielleicht später eines ihrer Projekte veröffentlichen, aber nicht unbedingt sofort. Das ist nicht nur auf Leute beschränkt, die in Buchformat arbeiten oder ausschließlich Illustration machen.

Eine Frage dazu, dass ihr auch andere Formate herausgebt, nicht nur Bücher: Ihr habt ja auch Tragetaschen und Kalender und so weiter. Ich war ganz begeistert von der übergroßen Version von “Old Songs New Songs” zum Auffalten. Hattet ihr beschlossen, Dinge zu kreieren, oder Werke von Leuten zu veröffentlichen, die eben nicht im traditionellen Buchformat arbeiten?

Das interessiert uns sehr. Während unserer Studien hatten wir immer die Möglichkeit, für jedes Projekt das richtige Format zu finden. Das wurde richtiggehend gefördert in Kassel, von den Professoren unserer Schule – immer für alles das richtige Format zu suchen.

Da fiel es uns leicht, das einfach weiter zu machen, nach dem wir unser Studium beendet hatten: weiterhin für jedes Projekt eine Lösung, genau das Richtige zu finden. Wir merkten, dass manchmal ein Leporello besser ist (eine Art der Bindung, die sich wie ein Akkordeon auffalten lässt), weil man da die Möglichkeit eines Heftes hat, bei dem man sowohl eine Doppelseite ansehen als auch es zusammen- und auseinanderfalten kann, sodass daraus ein zusammenhängendes Teil mit zusammenhängendem Inhalt wird. Denn es ist besser, alles auf einem Bild zu haben, damit man die verschiedenen Teile miteinander verbinden kann, ohne dauernd die Seiten umblättern zu müssen. Das ist der Grund, warum wir weiterhin diese Projekte machen. Für die Schreibwaren und Tragetaschen haben wir auch eine (interne) Siebdruckwerkstatt, und vor allem mein Mann und ich, wir machen selbst viel Siebdruck, da ist es schön, die Möglichkeit zu haben, auch Stoffe bedrucken zu können. Da wir nicht nur Comics machen, sondern auch Illustration, ist es gut, auch diese kleineren Projekte zu haben, die wir in unserem recht vollen Zeitplan unterbringen können. Um [ein kleineres Projekt wie] eine Tragetasche oder eine Serie Postkarten zu machen, haben wir immer noch etwas Platz und Zeit.

Ich finde das so interessant, weil man unterschiedliche Dinge zum Ansehen und auch zum Anfassen hat. Ich wollte dich zu “Old Songs New Songs” fragen, und die Inspiration für das Buch. Wie kam es dazu?

Das ist eigentlich schon ein paar Jahre her. I las einen Artikel über die USA, wo es ab und zu vorkommt, dass Leute auf der Basis von sehr alten und wirklich seltsamen Gesetzen vor Gericht gebracht werden, und dass diese noch immer in den Gesetzbüchern existieren.

Und ich dachte mir, das ist ja interessant, also fing ich an darüber zu forschen und alte Gesetze zu sammeln, die immer noch in den Gesetzbüchern zu finden sind. Ich fand heraus, dass das nicht speziell auf die Vereinigten Staaten zu trifft, sondern dass es auf der ganzen Welt diverse Gesetze gibt, die nie gelöscht worden sind. In Hessen zum Beispiel, dem Teil von Deutschland, in dem Kassel liegt, ist es immer noch erlaubt, die Todesstrafe anzuwenden. Es gibt dann andere Gesetze auf einem anderen [juristischen] Level, sodass diese sehr alten Gesetze nicht mehr angewandt werden können, aber sie sind nicht aufgehoben worden. Ich fand das interessant, denn es gibt die Möglichkeit, ein Gesetz aufzuheben, aber man muss es wirklich wollen. Demnach gibt es eine sehr interessante Sammlung an Gesetzestexten, die sich auf ganz unterschiedliche Dinge beziehen.

Zum Beispiel geben die meisten von ihnen Regeln vor, die für sehr private Dinge gelten, für das Privatleben. Viele davon beinhalten die Diskriminierung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, wie beispielsweise gegenüber Frauen oder Kinder, oder die Urbevölkerung eines Landes. Das fand ich sehr interessant, denn viele dieser Diskriminierungen existieren auch heute noch, aber niemand würde offen darüber sprechen oder sie gar in eine Gesetzesform bringen, die dann Konsequenzen hätte. Ich dachte, es wäre gut, mit dieser Sammlung an Gesetzen zu arbeiten. Ich habe einige Zeit gebraucht, um herauszufinden, wie ich sie zusammenbringen könnte. Nicht nur die Texte zu zeigen oder lustige Dinge daraus zu machen, denn obwohl alle aus heutiger Sicht wirklich lustig wirken, schwingt ja doch ein gewisser Ernst mit.

Gibt es neue Künstler, dessen Arbeit wir im Auge behalten sollten?

Ja, tatsächlich haben wir gerade erst eine neue Künstlerin in unsere Liste aufgenommen. Sie heißt is Anna Haifisch, und wir werden dieses Jahr ihr erstes größeres Buchprojekt herausbringen.

Wie viele Künstler habt ihr in eurem Programm?

Um die 20.

Was habt ihr in der nächsten Zeit vor? Was tut sich bei Rotopolpress?

Im vergangenen Winter haben wir dieses Projekt namens “The Mystery Show” gestartet. Es ist ein Ausstellungsprojekt, bei dem wir kleine Objekte in kleinen Pappkartons an Künstler schicken und diese bitten, eine einzelne Illustration zu kreieren, die das Objekt in irgendeiner Weise einbezieht. Die erste Sammlung entstand letzten Winter. Sie hieß “The Forrester’s Collection”, und im kommenden Winter wird es also die zweite geben. Wir planen das im Moment. Dann arbeiten wir an einigen neuen Buchprojekten, wie z.B. Thomas Wellmans “Pimo & Rex” Serie. Wir veröffentlichen den zweiten Band. Ich arbeite an einer neuen Reihe von Skizzenblocknotizen, die ich dann im Herbst drucken möchte.

[Das Interview wurde gekürzt und für eine bessere Lesbarkeit leicht bearbeitet.]


Kurzer Clip von der "Ambient Comics II Launch Party" mit den beiden Künstlerinnen Rita Fürstenau und Nadine Redlich während des diesjährigen TCAF.