Berlinale-Blogger*innen 2023
Widerstand bis zuletzt

Reyhaneh Jabbari in: „Sieben Winter in Teheran“. Regie: Steffi Niederzoll
Reyhaneh Jabbari in: „Sieben Winter in Teheran“. Regie: Steffi Niederzoll | Foto (Detail): © Made in Germany

Einmal mehr hat die Berlinale-Leitung auch in diesem Jahr ihre Solidarität mit den iranischen Filmemacher*innen bekundet. Die Zeit glanzvoller Galas und Auszeichnungen für großartige Filme ist vorbei, zurück bleibt ein mulmiges Gefühl. "Sieben Winter in Teheran" zeigt, was wirklich geschieht in dem Land, in dem die Menschen heute für „Frauen. Leben. Freiheit.“ auf die Straße gehen. Dass die Tragödie allen bekannt war, macht es nicht besser.
 

Von Philipp Bühler

Der Fall der 2014 hingerichteten iranischen Studentin Reyhaneh Jabbari ging durch die Medien und sorgte für weltweite Empörung. Im Alter von 19 Jahren hatte sich die 1987 geborene junge Frau gegen eine Vergewaltigung gewehrt und den Angreifer, einen ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter, erstochen. Steffi Niederzolls Dokumentarfilm kompiliert Reyhanehs Briefe aus dem Gefängnis und umfangreiches Videomaterial, das die Familie der deutschen Filmemacherin anvertraut hat. Die Inhaftierte berichtet von Schlägen und Drohungen, aber auch von der Solidarität anderer Frauen im Gefängnis, darunter viele, die von ihren Familien in die Prostitution gezwungen wurden. Das wahre Drama beginnt nach dem Todesurteil: Weil Reyhaneh nach dem islamischen Gesetz der „Blutrache“ verurteilt wurde, besteht theoretisch die Chance auf eine Vergebung durch die Angehörigen. Dafür müsste sie den Vorwurf der Vergewaltigung zurücknehmen, doch sie weigert sich – und besiegelt damit ihr Schicksal.
 



Sieben Winter in Teheran ist der Eröffnungsfilm der Nachwuchssektion Perspektive Deutsches Kino, in diesem Jahr erstmals geleitet von der Schriftstellerin und Filmkritikerin Jenni Zylka. Ihr Schwerpunkt liegt auf dokumentarischen Formaten und der weltweiten Situation von Frauen. So handelt Engin Kundağs Ararat von einer jungen Frau, die nach einem möglicherweise absichtlich verursachten Verkehrsunfall in die Türkei flieht; in Elaha von Milena Aboyan sieht sich eine 22-jährige Deutsch-Kurdin mit der schier unlösbaren Aufgabe konfrontiert, vor der Hochzeit ihre Jungfräulichkeit wiederherzustellen, d.h. ihr Hymen chirurgisch zu rekonstruieren. Unter diesen Auseinandersetzungen mit patriarchalen Herrschaftsnormen wird Sieben Winter in Teheran sicher die meiste Aufmerksamkeit erfahren. Es ist ein überwältigendes Dokument des verzweifelten Widerstands nicht nur Reyhaneh Jabbaris, sondern auch ihrer Familie, die ihre Entscheidung akzeptiert und bis heute für ihr Andenken kämpft. Die Mutter Shole und zwei Schwestern konnten nach Berlin flüchten. Der Vater Fereydoon lebt noch immer im Iran und muss Repressalien fürchten.
 

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