Filmkritik | „Rose“
Zwischen Geschlechterforschung und Identitätssuche

Sandra Hüller est « Rose »
Sandra Hüller ist „Rose“ | © Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz

Der neue Film des österreichischen Regisseurs Markus Schleinzer wurde bei der 76. Berlinale im offiziellen Wettbewerb uraufgeführt und bescherte dem Publikum einen der ersten großen Filme des Jahres. Da ist es kein Zufall, dass seine Hauptdarstellerin, die stets faszinierende Sandra Hüller, den Silbernen Bären für die beste Darstellerin in einer Hauptrolle gewann.

Von Kenza Bouhnass-Parra

Rose ist eine wundersame Erzählung, die auf der wahren Geschichte eines mysteriösen Soldaten basiert, der im Deutschland des 17. Jahrhunderts aus dem Dreißigjährigen Krieg zurückkehrt. Durch den Krieg entstellt, gibt er sich in einem abgelegenen protestantischen Dorf unter falscher Identität als würdiger Erbe eines verlassenen Herrenhauses aus. Der Soldat nimmt jedoch nicht nur einen Namen an, sondern auch die Geschlechtsidentität seines im Kampf gefallenen Kameraden, und genau aus dieser Täuschung bezieht der Film die Kraft für seine hochaktuelle Aussage. Die Hauptfigur ist nämlich eigentlich eine Frau namens Rose ist, die sich als Mann ausgibt. Nicht nur um einen Besitz zu erlangen, aber auch und vor allem, um die Vorteile zu genießen, die Männern zu dieser Zeit zuteil wurden.

Eine Suche nach vollständiger Identität

Es handelt sich um eine queere und feministische Erzählung, in der Rose sich mit den Themen ihrer Geschichte auseinandersetzt, der Komplexität ihrer Figur und ihrer Beziehung zum daraus resultierenden Ausdruck ihrer Geschlechtsidentität. Die Figur, die Rose zunächst aus sozialer Notwendigkeit erschafft, wird schnell zu einer persönlichen Notwendigkeit, da es ihr gelingt, sich auf sehr positive Weise zu integrieren. Rose verwandelt das verlassene Herrenhaus in einen produktiven Bauernhof, und wird schnell zu einer Stütze ihrer Gemeinde, insbesondere indem sie Eigenschaften zeigt, die normalerweise mit Männern assoziiert werden. So rettet sie beispielsweise einen Dorfbewohner vor einem riesigen Bären, und erntet damit den Respekt der Dorfbewohner. Indem sie in der kleinen Gemeinde eine so wichtige Rolle einnimmt, setzt sich Rose immer mehr der Öffentlichkeit aus. Sogar eine Heirat zwischen ihr und einer jungen Frau aus dem Dorf wird aufgrund damaliger Bräuche unvermeidlich. Die Tricks, mit denen sie ihre Weiblichkeit zu verbergen versucht, häufen sich, bis die Spannung unerträglich wird, insbesondere als das neue Paar trotz ihrer besonderen Situation ein erstes Kind bekommt. Die Grenzen zwischen den Geschlechtern verschwimmen, und die Figur der Rose wird durch eine Vermischung der Geschlechter erkundet, in der sie sich als (Ehe-)Frau, aber auch als Vater, Soldat und Partner fühlt. Sandra Hüller schwankt mit ihrer sowohl körperlichen als auch emotionalen Darstellung zwischen den beiden Zugehörigkeitsgefühlen und vermittelt mit wenigen Worten eine Suche nach vollständiger Identität. Wie schon ihre Darstellungen in Anatomie eines Sturzes (2023) und The Zone of Interest (2023) wird Rose das zeitgenössische Kino prägen.
Markus Schleinzer

Regisseur Markus Schleinzer | © Rafaella Proell

Nuancen im Schatten

Rose hält sich nicht mit Worten auf, vielmehr steht das reflexive Unausgesprochene im Vordergrund, wozu auch die die Entscheidung zum Schwarz-Weiß-Film beiträgt. Schleinzer erklärt, dass die Abwesenheit von Farbe es dem Publikum ermöglicht, seine Aufmerksamkeit neu zu lenken. Die Dualität von Schwarz und Weiß passt außerdem perfekt zur Zweideutigkeit der Männer-Frauen-Beziehungen im Film. Die großartige Kameraarbeit von Gerarld Kerkletz basiert auf dieser Art Dualismus, bei dem die Nuancen im Schatten zu finden sind, was die beunruhigende Stimmung des Drehbuchs widerspiegelt. Die Gefahr bei der Behandlung eines mehrere Jahrzehnte alten Themas für ein zeitgenössisches Publikum besteht darin, nicht in Stereotypen zu verfallen, sei es bei der Erforschung des Geschlechts oder bei der Präsenz des Subtextes zur Transidentität. In einer Gesellschaft, in der Intoleranz gegenüber diesen Minderheiten so präsent ist, wie es heute der Fall ist, kann eine ungeschickte Darstellung zu echter Gewalt führen. Aber die Größe des Films liegt in seiner menschlichen Herangehensweise an das Thema, in der Zärtlichkeit, mit der die Geschichte erzählt wird, selbst in ihren gewalttätigsten und hasserfülltesten Momenten. Diese Zärtlichkeit spiegelt sich auch im Rhythmus des Films wider, in dem lange Szenen den Figuren Raum geben, einfach zu existieren, und in dem Rose in diesem 90-minütigen Film nie zu hastigen Erklärungen gedrängt wird, sondern ihre Gedanken und Gefühle die Leinwand einnehmen und den Saal sanft erfüllen können.

Abgesehen von der überragenden Leistung einer der größten Schauspielerinnen unserer Zeit gelingt diesem Film etwas, woran viele andere scheitern, nämlich eine Geschichte aus der Vergangenheit zu erzählen, die archaisch und manchmal sogar trivial erscheinen mag, und ihr trotzdem eine universelle und aktuelle Dimension zu verleihen. Dieser großartige Film verdient daher seinen Platz auf dem politischsten aller Filmfestivals und wird hoffentlich die Zuschauer dazu anregen, über die darin behandelten Themen nachzudenken. Er wird die Welt zu einem besseren Ort machen, wie es nur bestimmte Filme vermögen.

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