Filmkritik | „Ich Verstehe Ihren Unmut“
Der Frust der unsichtbaren Arbeiterin

 Sabine Thalau, Natasa Büttner, Meho Fejzic
Sabine Thalau, Natasa Büttner, Meho Fejzic in „Ich verstehe Ihren Unmut“ | © Louis Dickhaut & Frederik Seeberger / WennDann Film

Der 92-minütige Spielfilm, eine deutsche Koproduktion mit Unterstützung Kroatiens, Bosniens und der Türkei, feierte seine Weltpremiere in Berlin in der Kategorie Panorama, die insbesondere für ihren stark politisierten Charakter bekannt ist.

Von Victor Bélanger

Auch wenn er keine außergewöhnliche Kinematografie aufweist, hilft uns das Konzept hinter dem Werk, eine Realität zu verstehen, die für die meisten von uns verborgen bleibt. Wir begleiten Heike, eine 59-jährige Hausmeisterin. Sie muss sich ständig mit der Wut der Kunden ihres Reinigungsunternehmens auseinandersetzen. Im Film gerät sie in Schwierigkeiten, als sie versucht, einen illegalen Einwanderer einzustellen, ein Thema, das heute hochaktuell ist. Wir verfolgen also die Komplikationen, mit denen sie konfrontiert ist, um ihm Arbeit zu verschaffen. Obwohl Heikes Methoden fragwürdig sind, sympathisiert man mit ihrem schwierigen Alltag, ihrer angespannten Liebesbeziehung und ihrem miserablen Arbeitsumfeld. Aber sie gibt trotz der Wutausbrüche und Beleidigungen, die ihr regelmäßig entgegengebracht werden, nicht auf. Ständig bewegt sie sich am Rande des akzeptablen Verhaltens einer Teamleiterin und regt uns dazu an, über die Lebensbedingungen von Menschen nachzudenken, die wie sie oft unsichtbar sind.

Eine außergewöhnliche Leistung

Ich verstehe ihren Unmut hat seinen Platz bei der Berlinale voll und ganz verdient. Seine größte Stärke ist die Umgebung, die er erfolgreich nachzubilden vermag. Kilian Armando Friedrich, der Regisseur, versucht ganz klar, das beängstigende Klima einer schlecht bezahlten Arbeit zu zeigen. Die Tatsache, dass die Szenen in einer einzigen Einstellung gedreht sind und die Kamera ständig auf die Figur der Heike zoomt, macht den Film aufgrund seiner Spannung oft unerträglich. So erstickt man mit der armen Hausmeisterin, und zwar im Laufe des Films immer mehr. Allerdings würde dieser Effekt ohne die phänomenale schauspielerische Leistung nicht erzielt werden. Sabin Thalau (Heike) lässt uns mit ihrer Fähigkeit, sehr wechselhafte Gefühle auszudrücken, vollständig in die Figur eintauchen. Die Zuschauenden spüren die ganze Last, Entscheidungen ohne Vorteile treffen zu müssen und unermüdlich bis zur Erschöpfung zu arbeiten. Sie zeigt eine außergewöhnliche Leistung, insbesondere dank der wiederkehrenden Symptome einer Panikattacke, die sie nicht vergessen kann. Ohne sie wäre der Film nicht derselbe. Außerdem besticht der Film durch einen außergewöhnlichen Soundtrack. Seine Stärke liegt nicht in der Musik selbst oder in der Qualität der Tonaufnahme, sondern vielmehr in der Leere, die er hervorruft. Der Mix ist so flüssig und glaubwürdig, dass man nicht mehr versucht, sich in der Geschichte zurechtzufinden, sondern völlig von ihr eingenommen ist. Man sieht und hört den Spielfilm, ohne sich Fragen zu stellen. So gelingt es Ich verstehe Ihren Unmut, eine beängstigende, glaubwürdige und symbiotische Umgebung zu schaffen.

Unser deutscher Favorit

Ich verstehe Ihren Unmut ist unser deutscher Favorit beim diesjährigen Festival in Berlin. Er weckt in uns ganz andere Emotionen als die anderen vorgestellten Filme. Während viele Filme der Berlinale spektakulärere Themen auf der Leinwand behandeln, wie beispielsweise die bewaffneten Konflikte im Nahen Osten, entführt uns dieser Film in eine ganz andere Welt, behandelt aber ein ebenso wichtiges Thema. Es gibt nur wenige Filme, die es schaffen, alle Zuschauer so zu vereinen, wie es dieser Film vermochte: Am Ende der Vorführung war das Publikum motiviert sich lautstark zu äußern, um die arme Heike zu verteidigen und ihr zu helfen, aus ihrem Elend herauszukommen. Genau das ist die Stärke der Sektion Panorama der Berlinale: Sie schafft es, starke Emotionen in uns zu wecken und uns dazu zu bringen, die Welt verändern zu wollen. Nicht geringeres als das! Dank dieses tollen Films von Kilian Armando Friedrich werden die unsichtbaren Arbeiterinnen und Arbeiter ein wenig weniger unsichtbar sein.

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