Olivier Kugler

Olivier Kugler © Olivier Kugler

Olivier Kugler ist am Rande des Schwarzwaldes aufgewachsen. Er studierte an der Freien Kunstschule in Stuttgart, studierte Visuelle Kommunikation an der Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim und mit einem DAAD-Stipendium an der University of Georgia (USA). Er erhielt einen MFA in Illustration als Visual Essay an der SVA in New York. Hat Reisezeitschriften über Kuba, Iran, Laos, Kurdistan, Griechenland, über das Leben von Truckern, Tierärzten und Flüchtlingen veröffentlicht. Er lebt in London, Großbritannien.

Olivier Kugler - Stan Boardman © Olivier Kugler

Deutsche Übersetzung


Stan Boardman
 
29.02.2020, 19:40 Uhr
 
STAN BOARDMAN, 83 JAHRE ALT
TRÄGER DER NATIONAL SERVICE MEDAL
 
Bar des Royal Chelsea Pensioners im Royal Chelsea Hospital in London, dem Altersheim für Armeeveteranen. Der Komiker Stan Boardman wird in Kürze vor den Veteranen der Royal Army auftreten. In den 1970ern machte sich Stan mit Witzen über deutsche Luftangriffe einen Namen…
 
In Liverpool haben wir während des Blitzkriegs im Mai 1941 ein schwere Zeit durchgemacht. Ich war damals dreieinhalb Jahre alt… Ich erinnere mich an die Sirenen und die Panik jede Nacht, wenn wir zum Bunker am anderen Ende der Straße rannten.
 
“In einer Nacht beugte sich meine Mutter über meine kleine Schwester Ada, die noch ein Baby war. Unterdessen kuschelte sich mein sechsjähriger Bruder Tommy an mich. Ich saß auf dem Schoß unserer Babysitterin, Mary Monroe. Sie hielt mich ganz fest… Ich konnte die Flugzeuge über uns hören und die Explosionen: BANG, BANG! Eine Bombe durchschlug das Dach des Bunkers und ich wurde bewusstlos.”
 
Am nächsten Morgen saß ich auf einer Schieferplatte, ohne Unterschlupf, ohne Häuser drumherum… Ein Aufseher hatte mich aus den Trümmern geborgen und mich auf den die Platte gesetzt…
 
“Alles, woran ich mich noch erinnern kann, ist, dass die Sonne aufging, an den Geruch von Rauch und auf Schutt zwischen meinen Zähnen… Ich sah mich um und hatte keine Ahnung, was passiert war.”
 
“Später erfuhr ich, dass mein Bruder Tommy, den ich vergötterte, meine Babysitterin Mary, sie war 14 Jahre alt, und die meisten anderen Menschen im Bunker umgekommen waren.”
 
Selbst wenn ich die Deutschen verarsche, so hatte ich nie böse Gefühle gegen sie. Es liegt nicht in meiner Natur, Groll gegen jemanden zu hegen.
 
Mit 20 wurde ich in den National Service einberufen und war bei den Royal Engineers in Paderborn stationiert.
 
“In dieser Zeit spielte ich sonntags für den örtlichen Fußballklub in Bad Lippspringe.”
 
Ich war “Mittelstürmer.”
 
“Nach dem Spielen gingen wir in eine Kneipe, wo wir aus großen Gläsern Bier tranken und “Ein Prosit, Ein Prosit…” sangen.
 
Ich erinnere mich gern an all die deutschen Jungs: Wilhelm, Gunther, an das Bier (Dortmunder Union, eine große Flasche kostete 1 deutsche Mark), an Bratwurst und an Wiener Schnitzel!”

Versöhnung muss sein… sonst kommen wir ja nicht weiter!

Kannst du uns sagen, was du mit deinem Werk vermitteln wolltest? Was waren die Inspirationen und Ideen, die bei der Schaffung des Werkes ausschlaggebend waren?

Als ich 1994 das erste Mal England besucht habe, bin ich öfters in Pubs von mehr oder weniger betrunkenen Engländern mit dem Satz “The Germans bombed our chippie!” konfrontiert worden.(‘Chippie’ ist die liebevolle Abkürzung für die grosse Britische Institution des 'Fish & Chips Shop’). Mir war schon klar, dass dieser Satz eine Anspielung (British-Humour Style!) auf den 2. Weltkrieg war. Der Ursprung dieser Redewendung war mir jedoch nicht bewusst.
 
Bei der Recherche an einem Buchprojekt zum Thema Fish & Chips, an dem ich gerne arbeiten möchte, bin ich vor kurzem auf einen Artikel über den Liverpooler Comedian Stan Boardman gestossen. In diesem Artikel berichtet der Komiker, der während der Nachkriegszeit in Liverpool aufgewachsen ist, wie sein Vater, wann immer die Rede vom 2. Weltkrieg oder von Deutschland war, sagte: “the Germans bombed our chippie”.
Nach seinem Militärdienst reifte Stan zum populären Comedian, der vor allem für seine Witze über die Deutschen und den 2. Weltkrieg bekannt wurde. Stan Boardman erklärt diesen Humor folgendermassen: “In hard times the people in Liverpool come back with something funny to say… so instead of crying about it, we make a little bit of fun out of it, the war, you know.” The German’s bombed our chippie wurde zu Stan Boardman’s ‘Trade-Mark Joke’ und darf in keinem seiner Auftritte fehlen.
 
Hinter dieser Redewendung jedoch verbirgt sich vor allem auch der Schmerz und Verlust, den Stan’s Familie während der Bombardierung ihrer Heimatstadt durch die Luftwaffe erfuhr. In einer tragischen Nacht im May 1941 kamen bei einem Luftangriff, neben zahllosen anderen Liverpoolern, der Bruder von Stan und Stan’s Babysitterin ums Leben.
 
Nach der Lektüre dieses Artikels hatte ich in Erwägung gezogen, Stan für mein Fish & Chips Buchprojekt zu interviewen und zu zeichnen.
 
Stan’s Erinnerungen des ’May Blitz’ haben mich stark an die Berichte mancher Flüchtlinge aus Syrien, die ich bei der Arbeit an meinem Buch ’Dem Krieg Entronnen’ kennengelernt habe, erinnert. Schon immer habe ich mich für die Erfahrungen der Generationen meiner Eltern und Grosseltern während des 2. Weltkriegs und der Nachkriegszeit interessiert. Als dann das Goethe-Institut aus Kanada anfragte und mich bat, einen Comic, eine Illustration zum Thema ‘Versöhnung’ anzufertigen, beschloss ich mich mit Stan in Verbindung zu setzen.
In meiner Arbeit für das Goethe-Institut berichtet der Comedian über seine traumatischen Kindheitserinnerungen während der Kriegsjahre in Liverpool und über seinen Militärdienst in Deutschland, an den er sich gerne zurückerinnert.
 
Für mein Buchprojekt möchte ich jetzt gerne, sobald Corona erlaubt, Stan Boardman auf einen Besuch zu seinem Lieblings Fish & Chip Shop - einem Chinesischen Fish & Chip Shop - in Liverpool begleiten. Aber das ist eine andere Geschichte.
 
Warum ist dir das Thema der Versöhnung wichtig?

Versöhnung muss sein… sonst kommen wir ja nicht weiter!
 
Das Aufeinanderzugehen, der Austausch zweier Parteien nach einem Konflikt hilft uns Wunden heilen zu lassen und uns auf das Gemeinsame, das Positive zu konzentrieren, um in Frieden miteinander oder nebeneinander zu leben.
 
Meine Eltern haben sich auf einem Schüleraustausch als Teenager kennengelernt. Mein Vater ist Deutscher und meine Mutter kommt ursprünglich aus Frankreich. Dieses Treffen wurde durch die Etablierung von Partnerstädten, von Charles De Gaulle und Konrad Adenauer initiiert, ermöglicht. Ich bin ein Kind der Versöhnung : )
 
Wie war der kreative Prozess bei der Erschaffung dieses Kunstwerks? Planst du viel im Voraus, und entsteht erst der Text oder die Illustration oder umgekehrt? Welche Medien und Methoden hast du angewendet?

Zuerst habe ich mich mit Stan Boardman in Verbindung gesetzt. Er lebt in Liverpool und ich in London. Via Email habe ich mich bei ihm vorgestellt und ihm erklärt, dass ich ihn gerne treffen, interviewen und zeichnen möchte. Er hat mir dann am Telefon erzählt, dass er bald einen Auftritt vor Veteranen der Britischen Armee, den Chelsea Pensioners, im Royal Hospital Chelsea hier in London hat. Ein paar Tage später habe ich Stan in der Bar der Chelsea Pensioners getroffen und vor seinem Auftritt interviewt und fotografiert. Einige der Fotos habe ich dann als Vorlagen für mein Portrait von Stan verwendet und vom Bildschirm meines Laptops abgezeichnet. Die Zeichnungen habe ich am Computer koloriert. Zuletzt habe ich mir dann noch mal das Interview, welches ich mit einem Recorder aufgenommen habe, angehört und transkribiert. Den Text habe ich mit einem digitalen Font meiner Handschrift in das Layout mit gezeichneten Sprechblasen eingefügt.
Den Text habe ich in das Layout mit den gezeichneten Sprechblasen eingefügt, wobei ich einen digitalen Font meiner Handschrift verwendet habe.

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