Klassikszene 2019
Die Fortsetzung der Altherrendämmerung

Expeditionskonzert mit GMD Joana Mallwitz
Expeditionskonzert mit GMD Joana Mallwitz | Foto (Ausschnitt): © Ludwig Olah / Staatstheater Nürnberg

Die Klassikwelt beschäftigt nach wie vor die MeToo-Debatte, die Diskussionen um übergriffige, alte Männer und die dringend notwendigen Baumaßnahmen.

Von Egbert Tholl

Seltsam eigentlich, wie sich entscheidende Themen wiederholen. Im Grunde bewegte die Klassikszene in diesem Jahr Ähnliches wie in den Jahren zuvor, was vor allem bedeutet, dass bestimmte Missstände nicht so ohne weiteres aus der Welt zu räumen sind. Gemeint ist hierbei vor allem das Thema der sexuellen Übergriffe. Im Jahr 2018 legten James Levine (Met), Daniele Gatti (Amsterdam) und Gustav Kuhn (Erl) ihre Ämter wegen Missbrauchsvorwürfen nieder, in diesem Jahr traf es Placido Domingo. Zwar bestreitet dieser alle Vorwürfe, und tatsächlich bewegt man sich hier in einem Bereich, wo es mit der objektiven Wahrheitsfindung schwierig ist. Das Publikum der Salzburger Sommerfestspiele und auch gegen Jahresende das der Elbphilharmonie feierte ihn jedenfalls ostentativ. Die Salzburger planen auch für 2020 mit ihm, die Leitung der Oper in Los Angeles indes gab er ab, wie er auch ankündigte, fürderhin nicht mehr in der New Yorker Met auftreten zu werden.
 
Aber auch dort, wo die Wahrheit klar zu Tage tritt, kommen nicht alle mit ihr zurecht. Im Oktober dieses Jahres bestätigte der Bundesgerichtshof das Urteil gegen Siegfried Mauser, Pianist und ehemaliger Leiter der Münchner Musikhochschule sowie, im Anschluss seiner Münchner Tätigkeit, Rektor des Salzburger Mozarteums. Mauser wurde zu zwei Jahren und neun Monaten Gefängnisstrafe wegen sexueller Nötigung verurteilt und dürfte damit die erste verurteilte Persönlichkeit aus der Klassikszene sein. Schon die vorangegangenen Prozesse gegen ihn wurden begleitet von bizarren Äußerungen von Mitgliedern der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, deren Musikabteilung Mauser 14 Jahre lang geleitet hatte. Nun erschien kurz nach dem Urteil eine Festschrift zu Mausers 65. Geburtstag, deren Vorwort wie Hohn wirkt. Von Mausers „weltumarmenden Eros“ ist dort die Rede, was letztlich nur darlegt, dass einige der alten Herren der Akademie nicht begriffen haben, dass da einer der ihren gerade als Sexualstraftäter verurteilt wurde.
 
Diese Geisteshaltung hält sich, MeToo zum Trotz, mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit. Im Grunde kann man nur auf das Bekanntwerden der nächsten Fälle warten. Auch Daniel Barenboim sah sich in diesem Jahr mit Vorwürfen wegen ungebührlichen Verhaltens konfrontiert. Und liest man die Autobiographie von Brigitte Fassbaender, die in diesem Jahr zu ihrem 80. Geburtstag erschienen ist, dann gewinnt man den Eindruck, dass männliche, übergriffige Verhaltensweisen sich im Musikbetrieb seit Jahrzehnten halten.

Endlich: Eine Frau wird „Dirigentin des Jahres“

Da freut man sich, dass in diesem Jahr eine Frau in der Umfrage der Zeitschrift Opernwelt zur „Dirigentin des Jahres“ gekürt wurde. Joanna Mallwitz ist derzeit Generalmusikdirektorin am Staatstheater Nürnberg, dirigiert aber auch an der Frankfurter Oper oder im kommenden Jahr das Bayerische Staatsorchester und die Düsseldorfer Symphoniker. Sie hat einen sehr zupackenden Dirigierstil und brachte das Nürnberger Opernorchester in Windeseile in ganz neue Regionen engagierten und präzisen Spiels. Lange Zeit konnte man die Frage nach Dirigentinnen stets nur mit Simone Young beantworten, deren Karriere ungebrochen und weltweit weitergeht. Heute gibt es Mallwitz, Oksana Lyniv, Julia Jonas in Wuppertal, Anna Skryleva in Magdeburg oder Ariane Matiakh in Halle. Frauen leiten Opernhäuser und Orchester – es wird endlich immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Oder besser gesagt: Dirigentinnen umflort nicht mehr die Aura des reinen Exotikums. Betrachtet man die Gesamtquote, so ist diese immer noch lausig.
© Staatstheater Nürnberg
© Staatstheater Nürnberg
Die Münchner Musikhochschule hat übrigens eine Beschwerdestelle eingerichtet. Als Institution gehe man stark davon aus, dass Mausers Übergriffe nicht systemisch gewesen seien, sondern nur in ihm als Individuum begründet gewesen wären. Eine Sicht auf die Dinge.

Deutschlandweit bröckeln die Kulturbauten

Andererseits hat man dort noch ganz andere Sorgen. Das zentrale Gebäude der Musikhochschule, der sogenannte „Führerbau“ aus der Nazi-Zeit, ist so marode wie viele andere Opernhäuser oder Konzertsäle. Die Stuttgarter Oper, die in Frankfurt und auch die in Nürnberg müssen renoviert werden, die Gesamtsumme geht in die Milliarden. In Augsburg hat inzwischen die Renovierung des Opernhauses immerhin begonnen, in Köln spielt man seit Jahren in einer Messehalle, was allerdings dem künstlerischen Ertrag keinen Abbruch tut und, so zumindest der Augenschein, verkrustete Publikumsstrukturen aufbricht, da eine Messehalle nun einmal auch im Wortsinne ein viel niederschwelligeres Gebäude ist als ein Opernhaus. Da braucht man kein Abendkleid, nicht einmal bei der Premiere.
 
Fast alle dieser Bau- oder Renovierungsvorhaben sind aus ein und demselben Grund nun so teuer: Viel zu lange hat man nichts in den Erhalt der Gebäude investiert, die alle entweder in der Nachkriegszeit entstanden oder in dieser renoviert worden waren. Eine Ausnahme: München. Das Kulturzentrum am Gasteig und die in ihm enthaltene Philharmonie wurden in den Achtzigerjahren eröffnet. Seit Jahren weiß man, dass eine Generalsanierung notwendig ist, im Zuge derer man endlich auch die ungeliebte Philharmonie akustisch ertüchtigen könnte. Die Gesamtsumme hierfür bewegt sich in der Größenordnung einer halben Milliarde, inklusive der Kosten für ein Ausweichquartier für Konzertsaal, Volkshochschule, Stadtbibliothek. Zwar ähneln die Planungen für den Umbau in ihrer Geschwindigkeit dem Gang einer Schnecke, doch immerhin stellt inzwischen kaum mehr jemand die Notwendigkeit in Frage und das Ausweichquartier ist bereits in Arbeit. In Stuttgart denkt man indes darüber nach, die Bürger über die immens teure Renovierung des Opernhauses mitentscheiden zu lassen.

Der neue Saal in München ist beschlossen – Mariss Jansons, der dafür kämpfte, ist tot

Noch einmal München. Der Bau des Konzerthauses für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, ein Weltklasseorchester ohne eigenen Saal, ist inzwischen fest beschlossen. Bis zur Eröffnung jedoch – siehe Gang der Schnecke – werden allerdings noch mindestens sechs Jahre vergehen. Der Saal war das Herzensanliegen von Mariss Jansons, der das BR-Symphonieorchester im Jahr 2003 übernommen hatte und sich von Anbeginn seiner Tätigkeit an für den Saal eingesetzt hatte. Ohne seine Hartnäckigkeit hätte es diesen Bau nie gegeben. Am 30. November 2019 ist Jansons mit 76 Jahren gestorben. Er war der empathischste, integerste, liebevollste Dirigent der Welt. Er liebte die Musik, das Musizieren und seine Musiker über alle Maßen. Auch über alle Vernunft. Denn bereits seit einer schweren Herzattacke im Jahr 1996 wusste er, dass er sich eigentlich schonen müsste. Tat er nicht. Mit ihm verliert die Welt nicht nur einen glühenden Künstler, sondern auch ein menschliches Vorbild.
 
Und selbst wenn seine eigenen Konzertprogramme nicht unbedingt Neuland des Repertoires eröffneten, von Zukunft hat Jansons viel begriffen. Der neue Saal wird in München in einem Viertel entstehen, in dem derzeit junge Kreative zugange sind, jede Woche ein neuer Laden, eine Bar oder sonstwas eröffnet. Diese Umgebung für einen Konzertsaal liebte Jansons sehr, weil er darauf hoffte, dass sich so das Publikum neu mischen, verjüngen, erweitern würde. Vergleichbar ist das Areal mit dem der Tonhalle Maag in Zürich, dem Ausweichquartier der zu renovierenden Tonhalle: ein hippes, postindustrielles Viertel voller Leben und junger Leute. Ausweichquartiere bringen viel Mühsal mit sich, aber auch große Chancen. In München soll es Institution werden.

Was auch dringend nötig ist. In München geht es experimenteller, freier, neuer Musik keineswegs besser als anderswo. Verglichen mit Berlin – Radialsystem – eher schlechter. Jedes Bestreben, freie Ensembles zu etablieren, scheiterte. München hat kein Ensemble Modern, hätte aber eines haben können. Teilweise übernimmt das Münchener Kammerorchester diese Aufgabe, ansonsten erfolgt immer der Verweis auf die Musica-viva-Reihe des BR und die Musiktheater-Biennale. Dem Schwere Reiter, der besten, wenn auch maroden, aber akustisch hervorragenden Spielstätte für neue Musik stellt man dann gerne mal einen Wanderzirkus vor die Tür, der drinnen das Erleben zeitgenössischer Musik mit viel lustigem Klingklang versorgt.

Aufregung um den Salzburger „Idomeneo“

Ansonsten war der größte Aufreger mal wieder Teodor Currentzis. Bei den Salzburger Sommerfestspielen nahm er sich Mozarts Idomeneo vor, eliminierte zusammen mit dem Regisseur Peter Sellars fast alle Secco-Rezitative, die Opfer-Arie Idamantes, nahm andere Musik von Mozart mit hinein. Sellars wiederum ließ nach dem Ende der eigentlichen Opernhandlung einen Tänzer und eine Tänzerin aus der Südsee beziehungsweise Hawaii auftreten, von Inseln also, die den Klimawandel und den ansteigenden Meerspiegel schon jetzt spüren. In der Inszenierung selbst stopfte Sellars die Bühne mit Plastikmüll voll. Bereits im Vorfeld, nachdem Sellars in Interviews vom Vorhaben des Eingriffs in die Partitur berichtet hatte, regten sich konservative Opernliebhaber darüber auf. Das gehe doch nicht. Und dann sprach Sellars auch noch von einem „Meisterwerk-Komplex“. Ach, da konnte man ihm nur beipflichten. Die Aufführung selbst sorgte dann für noch mehr Unruhe. Wer ein paar hundert Euro für eine Opernkarte ausgibt, will offenbar nicht mit Realität, mit Klimakatastrophe und Umweltverschmutzung belästigt werden.
 
Was für ein enges, dummes, sattes Verständnis von Kunst. Das aber nicht überall herrscht. Bei der Ruhrtriennale verwandelte Kornel Mundruczo György Ligetis Requiem in ein fantastisches, utopisches und vor allem beklemmendes Triptychon und erhielt dafür eine fast schon sakral anmutende Bewunderung. Die Bebilderung von Ligetis erst unbearbeitet, dann variiert gespielter Musik – es gibt, einem Flügelaltar gleich, drei tönende Bilder – macht sprachlos mit ihrem Mut, aber auch mit dem irritierenden Eindruck, Ligeti habe sein zutiefst humanes, konfessionenübergreifendes Requiem im Hinblick auf die einst kommende Inszenierung Mundruczos komponiert. Das erste Bild von Evolution, so der Titel der Produktion, spielt in einer Gaskammer. Drei Putzmänner bergen unter einem Berg von Haaren ein Baby – man kriegt hierbei kaum Luft. Zweites Bild: Das Baby ist inzwischen eine alte Frau, sitzt in ihrer Küche und lässt sich von ihrer Tochter nicht dazu überreden, Wiedergutmachungsgeld und eine Ehrung anzunehmen. Sie lebt noch in der Vergangenheit des gerade-noch-Überlebens, lebt in der ausweglosen Präsenz des Holocaust. Drittes Bild: Die Jugend geht in einen apotheotischen Lichtunnel. Ligetis Musik kommt nun, zuvor von Steven Sloane und den Bochumer Symphonikern eingespielt, elektronisch bearbeitet vom Band. Das Flehen um Gnade wird zu einer Hoffnung der Menschheit. Vielleicht gibt es doch eine Zukunft. Fürs Musiktheater, wenn es eine solche Kraft entwickeln kann, sicherlich.

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