Nuit Blanche
Art at Night & the City in a Whole New Light

Between Doors, 2014; Labspace Studio -- aus Toronto, Kanada
Between Doors, 2014; Labspace Studio -- aus Toronto, Kanada | Foto: Goethe-Institut Toronto / Michelle Kay

Als sich Jean Blaise 1984 das „Les Allumees” Festival ausdachte, stellte er sich eine Attraktion im Zentrum seiner Stadt, dem französischen Nantes vor, die sechs Jahre laufen sollte. Blaise hatte den neuen Bürgermeister überredet, die Innenstadt für nur eine Nacht in eine gigantische Kunstausstellung zu verwandeln, zu der er internationale Künstler und ein großes Publikum in das hell erleuchtete Zentrum bringen würde. Doch Blaise hatte einen Funken entfacht, der rasch auf ganz Europa überspringen sollte; und auch in Canada.

Es war zuerst Paris, von wo aus das Ereignis nach Nordamerika verbreitet wurde. Nachdem die Stadt aufgrund des Erfolgs von Blaise’s Idee begonnen hatte, ihren eigenen Kunst-Abend, der die ganze Nacht dauern sollte, zu begehen, startete die Stadtverwaltung einen Aufruf an andere Großstädte, ihre eigenen „Nuits Blanches” zu veranstalten.

Nuit Blanche ist zum Synonym für ein Event geworden, das von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang dauert und dabei zeitgenössische Kunst in unterschiedlichen Formen in der ganzen Stadt präsentiert. Gewöhnlich beteiligen sich Museen und Galerien daran, indem sie dem Publikum die Türen öffnen und es in ihre Welt einladen. Oft verwandelt sich die gastgebende Stadt für einen Abend in eine richtiggehende Kunstgalerie, die zur Kulisse wird für alles von riesigen Installationen über Performances bis hin zu technisch betriebener Kunst.

Mit Paris als Ansporn gelang der „White Night“ rasch der Sprung über den großen Teich. Inzwischen veranstalten Städte wie Toronto, Winnipeg und Montreal ihre eigene Version. Weltweit gibt es diese dem Publikum frei zugänglichen Kunst-Events, die die ganze Nacht andauern, unter anderem auch in Melbourne, Australien, Rom und Madrid. In Berlin fand 1997 erstmals die „Lange Nacht der Museen“ statt. Seitdem ist diese von 12 auf über 100 Ausstellungen angewachsen, mit Zehntausenden von Besuchern.

„In Toronto ist das ein letztes öffentliches Austoben, bevor wir uns für einen langen kanadischen Winter zusammenkauern“, sagt Julian Sleath, Programmmanager von Torontos Scotiabank Nuit Blanche, die inzwischen in ihre neunte Saison geht.

A feeling of permission

Der Nuit Blanche liegt das Gefühl zu Grunde, etwas zu dürfen – sehr spät nachts durch die Strassen laufen, mit Fremden reden, Seltsames und Wunderbares bestaunen zu dürfen. „Es gibt sehr wenige Veranstaltungen, die einen dazu einladen, zu so später Stunde durch die Stadt zu ziehen und Dinge zu tun“ sagt Sleath, vor allem in einer Stadt mit dem Spitznamen „Toronto die Brave“, in der vor nicht allzu langer Zeit die meisten Lokale noch um 23 Uhr zu machten.

Für das Event am 4. Oktober 2014 in Toronto lud das Goethe-Institut die deutsche Künstlergruppe „A Wall is a Screen“ zu einer Aktion ein, die teils führte Stadtführung, teils Kunstprojekt und teils Film-Nacht war. Bei dem Event am 4. Oktober 2014 in Toronto war die deutsche Künstlergruppe „A Wall is a Screen“ („Eine Wand ist ein Bildschirm“) in Kollaboration mit dem Goethe-Institut zu einer Aktion ein, die teils führte Stadtführung, teils Kunstprojekt und teils Film-Nacht war. Die Gruppe wird das Publikum durch Torontos Innenstadt und machte zwischendurch Halt, um auf Wände und Oberflächen projizierte Videos anzuschauen. Während die Gruppe diese Führungen nun seit dem Hamburger International Short Film Festival im Jahr 2003 veranstaltet, stand die diesjährige Installation unter dem Motto „Mauern einreißen“.

„Sie laden das Publikum dazu ein, mit ihnen auf die Reise zu gehen”, sagt Sleath. „Das erlaubt es den Leuten, mit den Künstlern ins Gespräch zu kommen.”

Das Niederreißen von Barrieren ist, ob beabsichtigt oder nicht, zu einem großen Thema beim Organisieren von Nuit Blanche Events in ganz Nordamerika geworden. In Calgary, so der Organisator Wayne Bärwaldt, bestand ein enormer Teil ihrer Aufgabe darin, Publikum anzuziehen, „das Angst hatte, nach Einbruch der Nacht in die Stadt zu gehen, weil das als zu gefährlich angesehen wurde.”

Darum haben sie ihre Nuit Blanche Mitte September direkt vor dem Rathaus und der benachbarten Olympic Plaza organisiert, einem Ort, der meist mit sozialen Risikogruppen assoziiert wird – Bärwaldt definiert sie als „verzweifelte Menschen in einem Land des Überflusses“. Calgary bietet einen interessanten Hintergrund für eine Veranstaltung wie die Nuit Blanche – ein Großteil der Einwohner ist jung und kommt aus dem Ausland. Die öffentliche Kunst kann somit als ein Berührungspunkt fungieren, der sie alle zusammenbringt. Ein ähnliches Projekt startete in einer anderen Öl- und Gasstadt, in Houston. In diesem Jahr empfing Calgary’s Nuit Blanche ein Publikum von 16.000 Leuten.

Das ist wenig im Vergleich zu Toronto: in 2013 hatte geschätzt eine Million Menschen an dem Event teilgenommen, das Werke von international bekannten Namen wie Ai Weiwei beinhaltete. Das im Februar in Montreal stattfindende „Montréal en lumière“ Festival bietet alles von Weinproben bis hin zu Schlittenrennen, mitten in seinem berüchtigten harten Winter. In Städten wie Calgary und Halifax dagegen besteht ein festes Netzwerk aus kleineren Events, die eher die unabhängige Kunstszene in den Mittelpunkt rücken an Stelle einer riesigen Veranstaltung.

Lorraine Plourde, Vorstandsvorsitzende des „Nocturne“ Event von Halifax, das nun schon zum siebten Mal stattfindet, sagt, Kunst auf nächtlichen Straßen „lässt eine starke Magie entstehen“. Das Programm dort ist darauf ausgerichtet, die beiden Seiten der Gemeinde von Halifax zu vereinen – einer Stadt, die durch den Hafen zweigeteilt ist. Dort gibt es daher Veranstaltungen auf der Fähre, die die Stadthälften Halifax und Dartmouth verbindet: „Teil unseres Ziels ist es, Barrieren einzureißen und somit die bildende Kunst zugänglicher zu machen“, sagt sie.

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