Zwischen Vergangenheit und Zukunft
Denkmäler des Leidens in Bogotá

Carlos Pizarros Grab, Bogotá
Carlos Pizarros Grab, Bogotá | Foto: Gabriel Corredor Aristizábal, 2017

In dieser Bildergalerie begeben wir uns zu Denkmälern, die zentralen Persönlichkeiten und Ereignissen der schmerzhaften Gewaltgeschichte Kolumbiens gewidmet sind.

Kolumbien ist ein Land, das an den Krieg gewöhnt ist. Vor meinem Haus zog 2002 eine Militärkarawane vorbei, nachdem die Friedensgespräche mit der FARC-Guerilla in der ländlichen Gegend von San Vicente del Caguán im Departamento Caquetá im Süden Kolumbiens gescheitert waren. Meine Eltern haben jahrzehntelang den Konflikt zwischen dem Staat und verschiedenen linken Guerillas miterlebt, außerdem die politische Verfolgung der Linken und die vom Paramilitarismus und Drogenhandel verursachte Gewalt. Meine Großeltern wurden 1950 von ihrer Finca vertrieben – während der „Gewalt-Epoche“: La Violencia bezeichnet – den unerklärten Krieg zwischen Anhängern der konservativen und der liberalen Partei, in dem in zehn Jahren annähernd 200.000 Menschen ums Leben kamen. Meine Urgroßeltern erlebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Tausend-Tage-Krieg, in dem schätzungsweise 100.000 Menschen starben.

Trotz dieser Last und der Traumata hat die Erinnerung vieler Kolumbianer kaum eine physische Form gefunden, etwa in Denkmälern oder städtischen Aktionen. In Bogotá sind jedoch – für diejenigen, die hinsehen und zuhören wollen – durchaus öffentliche Räume vorhanden, die an die kolumbianischen Kriege erinnern, sei es in der Gestalt von künstlerischen Antworten, offiziellen Monumenten, Bühnen für temporäre Werke, Gedenktafeln oder Gräbern.
 

  • Zentrum für Erinnerung, Frieden und Versöhnung Foto: Gabriel Corredor Aristizábal, 2017

    Zentrum für Erinnerung, Frieden und Versöhnung

    Das Zentrum für Erinnerung, Frieden und Versöhnung ist ein Raum, der den Opfern des kolumbianischen Konflikts ihre Würde zurückgeben soll. Es wurde von Juan Pablo Ortiz entworfen und 2012 auf dem Terrain des Zentralfriedhofs von Bogotá eingeweiht. In der Mitte haben Menschen und Organisationen zu Ehren der Opfer der Gewalt Erde abgeladen. Es gibt einen Hörsaal, eine Galerie mit Wechselausstellungen sowie verschiedene Werkstätten und Räume für Diskussion und Forschung. Ziel der Veranstaltungen des Zentrums ist es, historische Erinnerung aufzubauen, zur Herstellung des Friedens beizutragen und zur Anerkennung der Rechte der Opfer.

  • Denkmal für die Gefallenen Foto: Gabriel Corredor Aristizábal, 2017

    Denkmal für die Gefallenen

    Der Platz und das Denkmal gegenüber dem Verteidigungsministerium sind den Polizisten und Militärangehörigen gewidmet, die im kolumbianischen Konflikt ums Leben kamen. Die Granitblöcke, die von Lorenzo Castro, Rodrigo Zamudio und Juan Santamaría entworfen und 2003 eingeweiht wurden, erheben sich aus dem Erdboden „wie ein großes Schiff, das die Seelen unserer Helden auf einer Reise befördert, die vom reinigenden Feuer der ewigen Flamme geleitet wird“, wie es von Seiten des Amts des Bürgermeisters von Bogotá lautet. Gelegentlich finden dort Ehrungen und militärische Aufmärsche statt, aber im Allgemeinen ist es ein Ort, wo die Menschen nur vorübergehen.

  • Abwesenheiten addieren Foto: Gabriel Corredor Aristizábal, 2017

    Abwesenheiten addieren

    Der Bolívar-Platz in Bogotá wird häufig für temporäre Interventionen über den Konflikt genutzt. Am 11. Oktober 2016 realisierte die renommierte kolumbianische Künstlerin Doris Salcedo dort ein Werk zum Gedenken an die Opfer des Konflikts. Jeden, der helfen wollte, lud sie öffentlich dazu ein, gemeinsam einen riesigen Teppich zu weben, der den ganzen Platz bedeckte. Auf jedem Stück stand der Name eines Opfers. Die Aktion versammelte tausende Menschen, die schweigend die Teppichflicken mit Nadel und Faden aneinandernähten. Obwohl Angehörige der Opfer teilnahmen, erhielt das Werk wegen der großen Aufmerksamkeit, welche die Künstlerin im Gegensatz zu spontaneren Aktionen von Opfern auf demselben Platz erfuhr, auch mancherlei Kritik.

  • Abwesenheiten addieren Foto: Gabriel Corredor Aristizábal, 2017

    Abwesenheiten addieren

    Im Hintergrund des Fotos ist der Justizpalas zu sehen, der 1985 nach der bewaffneten Erstürmung durch die Guerilla-Gruppe M-19 wiederaufgebaut wurde. Während der Wiedereroberung feuerte das Heer mit Kriegspanzern, was den Brand auslöste. Elf Menschen, die das Gebäude lebend verließen, wurden durch den Staat gefoltert, ermordet und verschwunden gelassen. Außer ihnen starben 89 Menschen im Justizpalast, darunter elf hohe Richter.

  • Denkmal für die Helden Foto: Gabriel Corredor Aristizábal, 2017

    Denkmal für die Helden

    Das Heldendenkmal sollte ursprünglich eine prunkvolle Eingangspforte zu Bogotá zu Ehren der Unabhängigkeitskämpfer darstellen. Den Originalentwurf lieferten Angiolo Mazzioni und Ludovico Consorti, Architekt respektive Bildhauer, die Benito Mussolini nahestanden und nach dem Fall des Faschismus aus Italien geflohen waren. Die bescheidenere Version mit Bolívar zu Pferde wurde 1963 eingeweiht. Im Inneren des Gebäudes trifft man auf fünf Etagen und eine Terrasse, wo gelegentlich Kulturveranstaltungen stattfinden. Auf dem Foto versammelt sich eine Gruppe von Aktivisten auf Fahrrädern vor ihrer Fahrt durch die Stadt.

  • Denkmal für Rafael Uribe Uribe Foto: Gabriel Corredor Aristizábal, 2017

    Denkmal für Rafael Uribe Uribe

    Der Senator der Republik Rafael Uribe Uribe wurde mit Beilen erschlagen, als er 1914 um das Nationalkapitol spazieren ging. Dieser Mord löste eine ganze Mordserie an Führungspersönlichkeiten aus, von der die kolumbianische Geschichte geprägt wurde. Seit seiner Jugend hatte Uribe Uribe mit den liberalen Streitkräften in mehreren Bürgerkriegen einschließlich dem Tausend-Tage-Krieg (1899-1902), in dem er General war, gekämpft. Er war Journalist, Diplomat und Rechtsanwalt. Nach seiner Niederlage im Krieg wurde er begnadigt und nahm seine parlamentarische Tätigkeit wieder auf. Kurz nachdem er sich einer Allianz liberaler und konservativer Politiker widersetzt hatte, sollte er jedoch durch die Hände zweier Schreiner umgebracht werden. Die Auftraggeber des Mordes konnten nie ausfindig gemacht werden. Das Denkmal im Nationalpark wurde von Alfredo Rodríguez Orgaz und Victorio Macho entworfen und 1940 eingeweiht.

  • Der Mord an Jorge Eliécer Gaitán Foto: Gabriel Corredor Aristizábal, 2017

    Der Mord an Jorge Eliécer Gaitán

    Der Ermordung des liberalen Anführers im Jahr 1948 wird als Beginn der Violencia-Epoche angesehen. Als Gaitán umgebracht wurde, war er gerade Präsidentschaftskandidat. Als charismatischer Politiker besaß er die Fähigkeit, die Volksmassen zu bewegen, weshalb sein Tod massive Aufstände hervorrief. Bekannt als El Bogotazo führten sie zu einer ungeklärten Zahl von Toten und der Zerstörung etlicher Gebäude im Zentrum von Bogotá. Der Mord an Gaitán wurde Juan Roa Sierra zugeschrieben, einem Einzeltäter, der von der Menge unmittelbar danach umgebracht wurde. Obwohl konservative Politiker beschuldigt wurden, kam es nie zu einer Aufklärung der Tat. Die Gedenktafeln befinden sich an der Stelle, wo Gaitán am 9. April 1948 ermordet wurde.

  • „Auras Anónimas“ Foto: Gabriel Corredor Aristizábal, 2017

    „Auras Anónimas“

    Nach dem Mord an Jorge Eliécer Gaitán starb eine unbestimmte Anzahl an Menschen (zwischen 500 und 3.000) bei den Zusammenstößen des Bogotazo auf der Straße. Hunderte Leichen wurden in die Urnenhalle des Zentralfriedhofs gebracht, um sie zu identifizieren. Die Künstlerin Beatriz González gestaltete 2009 ebendort eine Intervention mit dem Titel „Auras Anónimas“. Dadurch sollen die Millionen Opfer der kolumbianischen Konflikte und besonders jene, die nie aufgefunden wurden, eine Ehrung erhalten.

  • Das Grab von Carlos Pizarro Foto: Gabriel Corredor Aristizábal, 2017

    Das Grab von Carlos Pizarro

    Carlos Pizarro wurde 1990 ermordet, eineinhalb Monate, nachdem er den Waffen den Rücken gekehrt und sich der Politik zugewendet hatte. Mehrere Jahre lang war er Kommandant der 1974 formierten Guerilla-Gruppe M-19 gewesen, die ihre Aktionen von großer medialer Tragweite hauptsächlich auf die Stadt konzentrierte. Pizarro starb als Präsidentschaftskandidat einen Monat vor den Wahlen. Vor ihm waren bereits andere Kandidaten ermordet worden: Luis Carlos Galán von der Liberalen Partei und Bernardo Jaramillo von der Patriotischen Union. Pizarro wurde mit einem Maschinengewehr an Bord eines Flugzeugs der kolumbianischen Fluggesellschaft Avianca auf dem Weg von Bogotá nach Barranquilla erschossen. Sein Mörder starb durch Schüsse von Pizarros Leibgarde. Obwohl anfänglich das Drogennetz beschuldigt wurde, bringen neuere Ermittlungen den Mord mit dem staatlichen Geheimdienst in Verbindung.

  • Denkmal für Jaime Garzón Foto: Gabriel Corredor Aristizábal, 2017

    Denkmal für Jaime Garzón

    Jaime Garzón war ein Intellektueller und Komiker, der in jahrelangen Satireshows im Fernsehen Macht und Korruption kritisierte. Bekannter noch war er in der Rolle seiner Figur Heriberto de la Calle, eines Schuhputzers, der mit gespielter Naivität kolumbianische Persönlichkeiten interviewte. Garzón wurde ermordet, als er mit seinem Auto durch eine Straße Bogotás fuhr. Zwei Blocks davon entfernt steht die Statue von Heriberto de la Calle, der eigentlich die kolumbianische Flagge halten sollte. Das Verbrechen wurde noch nicht aufgeklärt, doch die Ermittlungen verweisen auf Verbindungen des Staates mit paramilitärischen Gruppen.

  • Garten der Erinnerung – Patriotische Union Foto: Gabriel Corredor Aristizábal, 2017

    Garten der Erinnerung – Patriotische Union

    Die gescheiterten Friedensverhandlungen zwischen der Regierung des Präsidenten Belisario Betancurs (1982-1986) und der FARC-Guerilla führten 1984 zur Gründung einer sozialistischen Partei, die sich Patriotische Union nannte. Weniger als 15 Jahre später war die Partei durch Einzelmorde und Massaker praktisch ausgelöscht. Die Verbrechen wurden normalerweise von Mitgliedern paramilitärischer Gruppen mit der Unterstützung oder Beteiligung öffentlicher Sicherheitskräfte und des staatlichen Geheimdienstes ausgeführt.

  • Garten der Erinnerung – Patriotische Union Foto: Gabriel Corredor Aristizábal, 2017

    Garten der Erinnerung – Patriotische Union

    Im Oktober 2016 marschierten hunderte Aktivisten und Überlebende der Partei durch das Zentrum Bogotás bis zur Plaza Bolívar, um ein Friedensabkommen durchzusetzen, das die Massaker der Vergangenheit unwiederholbar machen sollte. Auf dem Platz wurde der Garten der Erinnerung mit lebensgroßen Silhouetten einiger der mindestens 4.000 ermordeten Mitglieder der Patriotischen Union, einschließlich zweier Präsidentschaftskandidaten, errichtet. Auf dem Foto ist eine weinende Mutter zu sehen, die in liebevoller Geste das Bild ihres ermordeten Sohnes berührt.

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