Intersektionaler Feminismus
Gemeinsam zum Wir-Garten

Eine Statue von Sojourner Truth im New Yorker Central Park
Eine Statue von Sojourner Truth im New Yorker Central Park | Foto (Detail): John Nacion/STAR MAX/IPx |© picture alliance / zz/

Diversity ist nicht einfach, sondern mehrfach schön. Der Pfad in Richtung Gleichberechtigung muss zudem kein Irrgarten, sondern ein Wir-Garten sein. Dr Michaela Dudley zeigt in ihrem Essay, dass die Frauenbewegung nur dann auf nachhaltige Fortschritte hoffen, kann wenn wir sie intersektional begreifen.

Von Dr. Michaela Dudley

Es ist deshalb unsere Aufgabe als Verfechter*innen der Frauenrechte, dafür Sorge zu tragen, dass eine Vorkämpferin wie die Afroamerikanerin Sojourner Truth (1797–1883) entsprechend gewürdigt wird. Es ist eine Frage des Respektes, wie Aretha Franklin (1942–2018) es uns Buchstabe für Buchstabe klangvoll beibringen würde. Der moderne Feminismus sollte sich die Zeit nehmen, ein Stück weit in die Fußstapfen von Schwester Sojourner zu treten. Wie ihre ebenfalls Schwarzen Zeitgenossinnen Harriet Tubman und Ida B. Wells, sprengte die in der Sklaverei geborene Truth ihre Ketten, ohne ihren Brüdern und Schwestern den Rücken zu kehren. Harriet Tubman, die furchtlose Schaffnerin der Fluchtorganisation Underground Railroad, kennen wohl auch über den Black History Month hinaus sehr viele. Ida B. Wells hingegen ist vielen außerhalb der Schwarzen Community leider noch nicht geläufig, obwohl die Journalistin mit ihren bahnbrechenden Berichten über rassistische Lynchings und Aktivistin für das Frauenwahlrechte Anerkennung verdient. 

Mit ihrer damals viel beachteten Rede „Ain’t I a woman …?“ (Bin ich etwa keine Frau) aus dem Jahre 1851 sprach Truth – nomen est omen – die Wahrheit.  
 

Bin ich etwa keine Frau? Sehen Sie mich an! Sehen Sie sich meinen Arm an! Ich habe gepflügt, gepflanzt und die Ernte eingebracht, und kein Mann hat mir gesagt, was zu tun war! Bin ich etwa keine Frau?

Indem sie die obige Frage stellte, gab sie auch die Antwort. Der Mensch, der das Feld bestellt hat, ist wohl eine Frau. Ihre dunklere Hautfarbe und die Schwielen an ihren Händen beeinträchtigen keineswegs ihr Frausein. Sie heben es sogar umso einprägsamer hervor und bestätigen dazu, dass Frauen hart im Nehmen sind oder es zwangsläufig sein müssen. Truth zeigt, dass es den Schwarzen Feminismus also schon sechs Jahrzehnte vor dem Schwarzen Freitag gab, der als Urknall der von weißen Frauen dominierten Suffragetten-Bewegung gilt. Den Vortrag hielt Truth auf dem Frauenkongress in Akron, Ohio, nahe der Stadt Canton, der Geburtsort der Anwältin und Aktivistin Kimberlé Crenshaw (*1959), die Ende der 1980er Jahre den Begriff „intersectionality“ prägte. Mithilfe der Intersektionalität können sich verschränkende Diskriminierungen auf etlichen Ebenen identifizierten lassen. –Sowohl individuell als auch institutionell. 

Frauen werden wegen ihrer Herkunft, Glaubensrichtung, Sozialklasse, Altersgruppe und vor allem wegen ihres Genders benachteiligt – um nur einige Kategorien zu nennen. Oft werden mehrfach diskriminierte Aktivist*innen nicht oder kaum wahrgenommen, obwohl sie vorderster Front des Kampfes stehen. Ein Beispiel ist Marsha P. Johnson (1945-1992), die Schwarze trans* Frau, die 1969 den ersten Stein von Stonewall warf und somit die Initialzündung der modernen Gay-Rights-Bewegung auslöste, wird viel zu oft in der feministischen Geschichtsschreibung unsichtbar gemacht. Durch die Breite der Benachteiligungen, die wir intersektional betroffenen Frauen erleben, ist es uns möglich, Gemeinsamkeiten zu finden und gemeinsame Strategien zu entwickeln, um patriarchalische Herrschaftsstrukturen zu bekämpfen, aber auch um einander Beistand zu leisten, wenn es „nur“ darum geht, die lästigen Mikroaggressionen des Alltages abzuwehren. 

Sojourner Truth ist nicht nur eine Heldin der Black Women. Sie ist ein Vorbild für alle Frauen. Für die Ghettoisierung der Geschichte sind wir Black Women nicht verantwortlich. Wir suchen Anschluss und bieten Ansätze.Schwarzer Feminismus ist kein exklusiver Alice-Schwarzer-Feminismus, sondern inklusiv und zukunftsorientiert. Gemeinsam müssen wir die Ärmel hochkrempeln, zusammen greifen wir einander unter die Arme. So können wir den Garten kultivieren und bunter machen, während der Feminismus stets tiefer Wurzeln schlägt. 


 

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