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Max Mueller Bhavan | Indien

Aazmi Ashraf & Thorsten Tschofen

Aazmi Ashraf & Thorsten Tschofen
© Aazmi Ashraf & Thorsten Tschofen

Leadership-Coach Aazmi Ashraf und Elektroingenieur Thorsten Tschofen lernten sich über eine Dating-App kennen. Doch ein gemeinsames Leben aufzubauen bedeutete weit mehr, als sich an die Eigenheiten des anderen zu gewöhnen. Zwischen Essen, Sprache, familiären Erwartungen und einem Bananenbaum auf dem Balkon zeigt ihre Geschichte, wie sich zwei Kulturen im Alltag begegnen.

Von Prathap Nair

Aazmi Ashraf und Thorsten Tschofen lernten sich 2017 über eine Dating-App kennen. Aazmi war erst vor Kurzem nach Deutschland gezogen, frisch geschieden und offen dafür, neue Menschen kennenzulernen. „Thorsten hat mich angeschrieben, noch bevor ich mein Profil fertig eingerichtet hatte“, erzählt sie in ihrem Zuhause in Heppenheim südlich von Frankfurt.

Bevor sie einem Treffen zustimmte, traf sie einige Vorkehrungen. Ihr jüngerer Bruder überprüfte Thorstens Profil, um sicherzugehen, dass er wirklich der war, für den er sich ausgab. Für das erste Date schlug sie ein Restaurant auf einem Golfplatz im benachbarten Bensheim vor – ein neutraler Ort. Falls das Treffen schiefgehen sollte, konnte sie einfach zu ihrem Büro in der Nähe zurückgehen.

Thorsten muss noch heute lachen, wenn er daran denkt. „Es war Winter, und wir waren an dem Tag die einzigen Gäste. Es fühlte sich an, als hätte ich das ganze Restaurant nur für sie reserviert.“

Die Vorsicht erwies sich als unbegründet. Nach dem ersten Treffen schlug Thorsten vor, die Dating-App zu löschen, weil das Abonnement 400 Euro kostete. Aazmi stimmte zu. Schon wenige Tage später lernten sie den Freundes- und Kollegenkreis des anderen kennen, und Aazmi stellte ihn bei einem Geschäftsessen ihrer Vorgesetzten vor.

Obwohl ihre Beziehung online begann, erinnert sie Aazmi in mancher Hinsicht an arrangierte Ehen in Indien, bei denen die Familien oft schon früh eine Rolle spielen. Während sie sich noch kennenlernten, waren ihre Eltern gerade zu Besuch in Deutschland, und sie nutzte die Gelegenheit, Thorsten mit ihnen bekannt zu machen. Für ihn war das einer der ersten kulturellen Unterschiede. „Schon nach wenigen Wochen Dating wurde ich den Eltern vorgestellt. Anfangs kam mir das etwas ungewöhnlich vor, aber alles ist gut gelaufen.“

Heute, im achten Jahr ihrer Beziehung, sind die beiden verheiratet und leben zwischen Heppenheim und Essen.

Alltägliche kulturelle Unterschiede

Aazmi Ashraf & Thorsten Tschofen © Aazmi Ashraf & Thorsten Tschofen

Zu ihren ersten Gesprächen gehörten nicht die großen kulturellen Fragen, sondern ganz alltägliche Gewohnheiten. Eines Abends fragte sich Thorsten, wie sie später einmal ihren Kindern erklären würden, dass man mit den Händen essen kann, ohne dass sie deshalb mit dem Essen spielen.

Aazmi war von der Frage überrascht. Sie erklärte ihm, dass Kinder lernen könnten, je nach Gericht das passende Besteck zu benutzen – oder eben ihre Hände. „Ich habe schon Menschen gesehen, die Dosa mit Messer und Gabel essen wollten. Da möchte ich fragen: Was macht ihr da?“

Für Thorsten spiegelte die Frage seine Erziehung wider. In Deutschland galt Essen mit den Händen für ihn lange als schlechtes Benehmen. Das Zusammenleben mit Aazmi hat diesen Blick nach und nach verändert. Heute isst er viele indische Gerichte ganz selbstverständlich ohne Besteck und sagt lachend: „Dosa oder Idli würde ich niemals mit Messer und Gabel essen. Das funktioniert einfach nicht.“

Essen als gemeinsame Sprache

Essen ist zu einem festen Bestandteil ihres gemeinsamen Alltags geworden. Aazmi scherzt, Essen sei „Thorstens erste Liebe“, und erzählt, dass sie ihre Tanten irgendwann bitten musste, ihm nicht noch mehr aufzutischen – weil er jede noch so scharfe Speise begeistert annahm.

Gleichzeitig entdeckte sie in Deutschland eine neue Esskultur. Deutsche Bäckereien, die ihr anfangs fremd vorkamen, gehören inzwischen ganz selbstverständlich zu ihrem Alltag. Heute freuen sich sogar ihre Eltern auf das Abendbrot, wenn sie zu Besuch sind.

Thorsten hatte die indische Küche bereits während eines kurzen Aufenthalts im englischen Birmingham kennengelernt. Seit sie zusammenleben, ist sie aus seinem Alltag jedoch nicht mehr wegzudenken. Im Gegenzug übernimmt er meist die westlichen Gerichte – von Pasta und Bolognese bis hin zu Gulasch.

Ankommen im deutschen Arbeitsalltag

Aazmi Ashraf & Thorsten Tschofen © Aazmi Ashraf & Thorsten Tschofen

Auch der Einstieg ins Berufsleben in Deutschland brachte für Aazmi einige Herausforderungen mit sich. Vor ihrem ersten Job hatten ihr viele erzählt, deutsche Kolleg*innen könnten unhöflich wirken. Rückblickend glaubt sie, dass dieser Eindruck vor allem auf kulturellen Missverständnissen beruhte.

Die Eingewöhnung erfolgte Schritt für Schritt. Zum einen wurde in vielen Arbeitsumfeldern selbstverständlich Deutsch gesprochen. Zum anderen empfand sie die direkte Art der Kommunikation zunächst als Kritik. Erst mit der Zeit verstand sie, dass sie Ausdruck einer anderen Kommunikationskultur ist. Ironischerweise wurde genau die Offenheit, mit der sie in Indien manchmal aneckte, in Deutschland zu einer Stärke.

Zwischen Englisch und Deutsch

Englisch ist bis heute die Sprache ihrer Beziehung, denn auf Englisch lernten sie sich kennen. Sobald jedoch deutschsprachige Gäste zu Besuch sind, wechseln beide ganz selbstverständlich ins Deutsche.

Deutsch lernte Aazmi weniger aus beruflichen Gründen als für die Familie – vor allem, um sich mit Thorstens Mutter unterhalten zu können. Anfangs übersetzte Thorsten oft für sie. Doch seine Mutter ermutigte sie, trotz aller Fehler weiter Deutsch zu sprechen. Diese Unterstützung, sagt Aazmi, habe ihr das Selbstvertrauen gegeben, sich auf Deutsch auszudrücken.

Ein gemeinsames Zuhause

Auch ihre Wohnung erzählt von ihrer gemeinsamen Geschichte. Aazmi lernte Deutsch, um Thorstens Familie näherzukommen. Thorsten wiederum, ein begeisterter Hobbygärtner, hat ihre Wohnung mit tropischen Pflanzen gefüllt, die Aazmi an Indien erinnern. Dazu gehören mehrere Curryblattpflanzen und seit Kurzem auch eine winterharte japanische Bananensorte.

Der fast vier Meter hohe Bananenbaum übersteht die deutschen Winter auf ihrem Balkon und liefert Blätter für festliche indische Mahlzeiten. So erinnert er jeden Tag daran, dass Traditionen auch an einem neuen Ort Wurzeln schlagen können.

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