Dagmar Leupold
Über die Autorin

Dagmar Leupold © Volker Derlath
Nach dem Abitur am Mainzer Frauenlobgymnasium studiert Dagmar Leupold Germanistik, Philosophie, Theaterwissenschaften und Klassische Philologie in Marburg und Tübingen, wo sie 1979/80 ihr Staatsexamen in Germanistik und Philosophie ablegt. Von 1980 bis 1985 arbeitet sie als Deutschlehrerin an Privatschulen in Florenz und danach als Redakteurin am dortigen Deutschen Kunsthistorischen Institut. 1985 ist sie Stipendiatin des „Doctoral Program of Comparative Literature“ der City University in New York und Dozentin am Queens College. Ihre Promotion in Vergleichender Literaturwissenschaft an der City University erfolgt 1993; ihren ersten Lehrauftrag für Komparatistik erhält sie ein Jahr darauf an der Ludwig-Maximilians-Universität München, weitere Lehraufträge in Bamberg, Mainz und Leipzig folgen.

Noch während ihrer Übersetzertätigkeit in Florenz schreibt Dagmar Leupold Gedichte, die in Zeitschriften und Anthologien erscheinen. Der erste Lyrikband Wie Treibholz (1988) vereint Gedichte über Liebe und Trauer und verrät über die titelgebende Metapher die verirrte Bewegung und autonome Selbststeuerung durch das Medium der Kunst und der Sprache. Mit der Behauptung, „nur Erfundenes ist wahr“, sondiert Leupold zugleich ihre künstlerischen Möglichkeiten. Der vier Jahre später publizierte Roman Edmond: Geschichte einer Sehnsucht, ausgezeichnet mit dem Aspekte-Literaturpreis, vollzieht so eine Doppelbewegung: Eine deutsche Kunsthistorikerin liegt im Wochenbett und befasst sich mit dem Romanprojekt über einen aus der Dominikanischen Republik stammenden Sportlehrer namens Edmond, in den sie sich verliebt. Am Ende schlägt die Literatur ins Leben um, und das Kind wird geboren.

Nach Gedichten in Die Lust der Frauen auf Seite 13 (1994) kommt Leupolds zweiter Roman Federgewicht (1995) auf den Buchmarkt, die Geschichte eines ungarischen Aussiedlers, der nach einem Schlaganfall aus dem Koma erwacht. In dem darauffolgenden Sammelband aus Lyrik und kleinen Prosastücken Destillate (1996) gelingen Dagmar Leupold Momentaufnahmen aus Kindheit und Alltag, aus Träumen sowie Reflexionen über die Sprache. Danach veröffentlicht sie wieder einen Roman (Ende der Saison, 1999) und einen Gedichtband (Byrons Feldbett, 2001), bis 2002 der Roman Eden Plaza, ein erotisches Geschichtenmosaik nach orientalischem Erzählmodell, erscheint: Eine Ich-Erzählerin liegt bei ihrem Geliebten im Hotelzimmer und erzählt ihm, um ihn zu fesseln, Stationen und Episoden aus ihrem Ehe- und Familienleben mit ihrem italienischen Mann. Dabei mäandert sie, sprachverliebt sinnierend, durch eine komische wie traurige Vergangenheit und vertieft sich in die gegenwärtige Lust der Nacht. Der Roman wird 2007 von Fred Breinersdorfer unter dem Titel Zwischen heute und morgen fürs Kino verfilmt.

Mit ihrem 2004 veröffentlichten Buch Nach den Kriegen – Roman eines Lebens reiht sich Leupold, ähnlich wie Barbara Bronnen und andere, in die literarischen Aufarbeitungen der Nachkriegsgeneration in Bezug auf die Biografien ihrer Väter ein. Die folgenden Romane sind wieder Liebesromane bzw. literarische Utopien: Grüner Engel, blaues Land (2007) schildert die höchst komplizierte, utopische Geschichte um ein Paar, das in der Heimatlosigkeit der Fremde wieder zu sich selbst findet, Die Helligkeit der Nacht (2009) ist dagegen ein imaginiertes Zwiegespräch zwischen den Selbstmördern Heinrich von Kleist und Ulrike Meinhof.

Für ihr Werk hat Dagmar Leupold mehrere Auszeichnungen erhalten: den Bayerischen Kunstförderpreis für Literatur (1994), den Montblanc-Literaturpreis (1995, zusammen mit Doris Dörrie), den Martha-Saalfeld-Preis (1995), den Förderpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (1995), ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds (1995/96), die Liliencron-Poetik-Dozentur an der Universität Kiel (2002), den Georg-K.-Glaser-Preis (2007) sowie den Tukan-Preis (2013). 2005/06 ist sie „poet in residence“ an der Universität Duisburg-Essen. Seit 2004 leitet sie das Studio Literatur und Theater der Universität Tübingen, seit 2001 ist sie geschäftsführendes Vorstandsmitglied beim Deutschen Literaturfonds e.V.

Dagmar Leupold lebt als freie Schriftstellerin seit einigen Jahren in München.Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

Blog von Dagmar Leupold

Dagmar Leupold
Erste Woche: Petersburg-Moskau-Petersburg

Nun bin ich Resident. In meinem Kopf spukt es wie nach einem gewaltigen Jet lag – auf den ich mich, mit nur einer Stunde Zeitverschiebung, kaum herausreden kann. Resident. Also wohnhaft anwesend. Ein p weniger als Präsident.

Dagmar Leupold
Zugfahren

Zugfahren, genauer gesagt Schnellzugfahren, ist in Russland eine ernsthafte Angelegenheit, jedenfalls wenn man davon ausgeht, dass Seriosität sich durch Neigung zur Uniform und Kontrollwahn ausdrückt. Bereits beim Betreten des Bahnhofs wird kontrolliert, an einigen Bahnhöfen ein weiteres Mal, bevor der Bahnsteig aufgesucht wird.

Dagmar Leupold
Autofahren. Petrosavodsk und Karelien

400 km nordöstlich von Petersburg, die Temperaturanzeige im Zug sinkt von 18 Grad bei der Abfahrt auf 11 Grad bei der Ankunft. Der Onega-See, zweitgrößter See Europas, schickt einen ordentlichen Wind zur Begrüßung an den Bahnhof.

Dagmar Leupold
Pilgern: Nabokov, Achmatova, Brodsky

Pilgern ist dem Fußgänger vorbehalten. Meine Pilgertouren unternehme ich ohne Begleitung; sie haben, im Unterschied zum ebenso schönen ziellosen Streunen ein festes Ziel. Ich habe auf dem Weg zu den ehemaligen Wohnstätten der drei Autoren, die heute Museen sind, das Gefühl wie Besuch erwartet zu werden. Lektüren stiften eben Freundschaften.

Dagmar Leupold
Hochzeiten finden hoch oben statt

Selten habe ich in meinem Leben in so knapper Zeit so viele Hochzeiten erlebt – außer vor einigen Jahren in Lemberg, das ich über Pfingsten besuchte und damit mitten in der Hochzeitssaison.

Dagmar Leupold
Autorennen

Ich bin gern in St. Petersburg unterwegs. Ohne Angst, auch in der Metro, in deren Gängen, Bahnsteigen und Zügen es überdies von Sicherheitspersonal wimmelt. Alle haben mich vor Taschendieben gewarnt, insbesondere am Heumarkt, in dessen Umgebung so viele der Romane Dostojevskijs spielen.

Dagmar Leupold
Nagelneu

Amerikanerinnen und Russinnen eint die hingebungsvolle Pflege der Fingernägel. Es gibt sie – künstlich – in allen Längen und Mustern, getigert, gestreift, mit und ohne Glitzer und immer wieder auch als kleine Nationalflaggen gestaltet. Virtuos tippen die Petersburgerinnen dennoch damit auf den Displays der Smartphones, außerdem schreiben sich die meisten Botschaften ja ohnehin von allein.

Dagmar Leupold
Lied der Ermutigung an die Akazien

Bei mir im Hinterhof, im sogenannten Dostojevskij-Viertel, – eine düstere Angelegenheit, wie die meisten ja sicherlich aus ihren Lektüren erinnern – stehen zwei Akazien. Um ein wenig Licht aus dem weit entfernten Himmelsgeviert zu erhaschen, müssen sie sich auf die Zehenspitzen recken.

Dagmar Leupold
Von der Liebe zu den Katzen

Abends, auf dem Rückweg nach Hause, unweit der Isaak-Kathedrale, am Konnovardejskij-Boulevard: Eine Katzenskulptur aus Blech vor einem Hauseingang. Zunächst denke ich an den schwarzen Kater aus Bulgakovs „Der Meister und Margerita“ und vermute, dass es sich um eine Art literarischen Club handelt, aber als ich weitergehe, stoße ich auf einen Fahrradständer mit Katzenfiguren und weiteren Katzenmotiven.

Dagmar Leupold
Do swidanija, Piter

Ein letztes Winken: Erst heimgekehrt an die Isar werde ich all die Eindrücke, Begegnungen und Erzählungen in Ruhe bedenken und verarbeiten können. Und ich bin jetzt schon sicher, dass Spuren dieses wunderbaren Monats in kommenden Texten zu finden sein werden. Gut, dass solcher Reichtum nichts wiegt, sonst würde mich die Lufthansa vermutlich wegen Gewichtsüberschreitung an der Neva zurücklassen. (Auch nicht schlecht).

Top