Bicultural Urbanite Luke
Die Berliner Hungerspiele

Auf der Suche nach einer Wohnung in Kreuzberg
© Luke Troynar

Die Eskalation der Immobilienkrise in Berlin ist exponentiell, mit explodierenden Mieten und einem wachsenden Mangel an Wohnungen, und steht kurz vor ihrem Siedepunkt. Ich habe diese Herausforderung selbst aus erster Hand miterlebt, als ich unerwartet ein neues Zuhause brauchte.

Von Luke Troynar

Es war in den 2010‘ern ja noch nie gerade einfach eine Bleibe in Berlin zu finden. Seitdem ich so zur Wende des Jahrzehnts hierhergezogen bin, gab es schon immer einen riesen Wettbewerb um eine Wohnung. Dies galt insbesondere für die Suche nach dem perfekten Nest, in einer der mit Bars übersäten Auswanderer-Zonen der Stadt, in der sorgfältig kuratierte Pflanzen genau im richtigen Winkel von den Betonwänden hängen und Frisuren ständig perfekt für jede Saison gestylt werden.
 
Was ich jedoch bei meiner letzten Wohnungssuche erlebt habe, ist ein Mietmarkt mit völlig neuen Ausmaßen. Der Punkt? Ihr solltet eure Glückssterne zählen, wenn ihr etwas finden wollt, was auch nur annähernd erschwinglich ist.
 

Aussenwand von einem Wohnblock in Berlin Prenzlauer Berg
Angesagt und teuer seit Jahren: Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg | © André Leslie
Im Falle Berlins hat es in den letzten Monaten nicht an Berichten und Protesten bezüglich der globalen Immobilienkrise gemangelt, und die Reaktion war beachtlich. Im Juni hat die Stadt ein umstrittenes neues Gesetz ausgearbeitet das vorsieht, die meisten Mieten für die nächsten fünf Jahre zum aktuellen Preis einzufrieren. Die staatliche Wohnungsgesellschaft Gewobag kündigte an, 6.000 Wohnungen des kommerziellen Mega-Vermieters Ado zurückzuholen, um zur Stabilisierung des Marktes beizutragen.

der Wahnsinn der Massenbesichtigungen

Wohnungsjäger, die bereits erfahrene Berliner sind, spüren diese Krise auf zweifache Weise: Nicht nur müssen sie jetzt mit viel mehr Geld für viel weniger Platz als zuvor rechnen, sondern man muss auch noch mit Hunderten anderer potenzieller Mieter um das Privileg kämpfen, so ausgenutzt zu werden. Die allgemeine Reaktion meiner Sportklamotten tragenden Kollegen ist brillant in einem Mem, das hier gerade die Runde macht, festgehalten. Ein verärgerter Typ der auf der Straße steht und ein Schild mit folgender Aufschrift hochhält: „Lasst uns die selbe Bevölkerung in unserem Wohngebiet beibehalten, die auch vor 2 Jahren schon da war als ich eingezogen bin.“
 
Ungeachtet der Hipster-Heuchelei sind gierige Vermieter eben gierige Vermieter. Und gerade wegen Berlins angesagter Kultur ist die Gier ausgeartet: Sie haben uns in der Hand. Wenn ihr euch demnach plötzlich in der Lage befindet eine neue Wohnung zu brauchen, habt ihr keine andere Wahl, als den Wahnsinn der Massenbesichtigungen, die eine beängstigende Ähnlichkeit mit den Hungerspielen haben, irgendwie durchzustehen (ich habe ohne Witz Leute sich um Bewerbungsformulare streiten sehen).  
 
Gleichgültig Salz in die Wunde reibend, sind es die brüsken Immobilienmakler, die, nachdem sie euch tagelang auf morgen vertröstet haben, euch plötzlich einfach so komplett herzlos ghosten, dass nun selbst die dreisten Gestalten der Tinder-Gemeinde wie Gesprächigkeit pur erscheinen. Und dann heißt es wieder an den Start zurück: Wieder alle zehn Minuten eure immobilienscout24.de-Seite aktualisieren um sicherzugehen, dass ihr auch ja nicht die Anzeige verpasst, die womöglich dank einer Bewerber-Sintflut bereits wieder vorzeitig beendet wird (eine Mieterin, die einen Nachmieter für ihre Neuköllner Wohnung suchte, erzählte mir, dass sie in weniger als einer Stunde, über hundert Anfragen erhalten hat.)

Das Leben geht weiter

Zum Glück ist der Albtraum für mich nun vorbei. Nach zehn Wochen unermüdlicher Suche und endlosen Besichtigungen, konnte ich diese Woche endlich einen Mietvertrag abschließen, wenn auch zu einem absolut unverschämten Preis. Für viele andere geht die Saga jedoch noch weiter; und es ist keine einfache Lösung in Sicht.

Kreuzberger Straßenszene beim Sonnenuntergang
Sind die Zeiten jetzt vorbei für günstige Berliner Wohnungen? | © Luke Troynar
Selbst nur ganz oberflächlich betrachtet gibt es Probleme mit dem Vorschlag Mieten einzufrieren; zwar verschafft es den derzeitigen Mietern kurzfristige Erleichterungen, würde aber die Situation für zukünftige Wohnungssuchende nur noch mehr erschweren. Hakt ein bisschen weiter nach, und die Lage wird noch stacheliger.
 
Während die Idee, euren Vermieter gesetzlich daran zu hindern euch noch stärker auszunehmen, sicherlich wie ein Geschenk des Himmels klingt, ist die Geschichte ähnlicher Initiativen in anderen beliebten Städten weltweit mit roten Flaggen übersät. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich diese geschichtsträchtige Gesetzgebung entfaltet, aber die harte Wahrheit ist, dass Berlins derzeitige Mietproblematik symptomatisch für ein viel schwereres und verwickelteres globales Leiden ist - eines, das nicht gänzlich von unseren eigenen Gelüsten in den Berliner Hungerspielen entfernt ist.  
 

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