Worlds of Homelessness
Wie ein Künstler auf Skid Row ein sinnerfülltes Leben findet

Crushow Herring lebt in der Skid Row. Sein Alter Ego heißt ShowzArt. Unter diesem Pseudonym ist er als Künstler tätig und macht auch bei der Pop-Up-Gallery-Show We Rise mit. (Luis Sinco/Los Angeles Times)
Crushow Herring lebt in der Skid Row. Sein Alter Ego heißt ShowzArt. Unter diesem Pseudonym ist er als Künstler tätig und macht auch bei der Pop-Up-Gallery-Show We Rise mit. (Luis Sinco/Los Angeles Times) | © Luis Sinco / Los Angeles Times

Seine Sprühdosen bewahrt er in einer alten Kühlbox auf. Seine Acrylfarben und Kreiden verstaut er in einer Holzkiste, in der irgendwann einmal Milchflaschen gestapelt wurden. Alles lagert unter einer blauen Zeltplane neben zwei großen Hundehütten. Zwei gut erzogene Pitbulls, die auf die Namen Big Ugly und Space Ghost hören, schnüffeln in der Luft herum. Sollte irgendwann einmal ein Fremder hier auftauchen, der nichts Gutes im Schilde führt, wüssten die beiden wohl sofort, was sie zu tun hätten.

Von Jessica Gelt für die L.A. TIMES

Crushow Herring klettert unter der provisorischen Abdeckung hervor, quetscht sich an einem Maschendrahtzaun entlang und an der Kleidung und den Hygieneartikeln in seinem Zelt vorbei, bis er schließlich an der Straßenkreuzung zwischen Fifth Street und Central Avenue mitten in der Skid Row im Herzen L.A.s, einem Viertel, in dem vor allem sozial Schwache wohnen, auftaucht.
Er atmet tief ein. Die Luft ist nach dem Morgenregen feucht und kühl, und ein Mann in einer grünen Jogginghose und einem ausgebeulten blauen Sweatshirt hängt eine nasse Decke zum Trocknen nach draußen. Er nickt Herring zum Gruß zu, der hier als Künstler unter dem Namen ShowzArt arbeitet.

„Die Leute sagen, sie wollen 16 Hektar und ein Maultier“, so ShowzArt. „Ich habe 50 Blocks“.
Hier im Viertel, in dem fast 17.000 Menschen wohnen, ist er eine Berühmtheit. Wo er auch vorbeikommt, winken ihm Frauen und Männer lächelnd zu. Wer neben ihm herläuft, bemerkt unweigerlich den tiefen Zusammenhalt und den gemeinsamen Erfahrungshintergrund, der die Leute hier zusammenschweißt. Auch andernorts ist ShowzArt gefragt. Ungefähr eine Meile von hier entfernt wird in einer Pop-Up-Galerie in einem schicken Kunstviertel im Rahmen einer 10-tägigen Veranstaltung namens We Rise eine Arbeit von ihm ausgestellt. Die vom L.A. County Department Of Mental Health organisierte Präsentation läuft noch bis Montag und bietet Life-Performances, interaktive Workshops und zahlreiche Kunstaktionen, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie wichtig Früherkennung und -behandlung beim Thema psychische Gesundheit sind.

Jeder, der schon mal in L.A. war, kennt ShowzArts Arbeiten. Manche wissen nur nicht, wer dahintersteckt.

Yosi Sergant

Produziert wird das We Rise Projekt von Yosi Sergant und seiner Firma TaskForce, die wiederum Anna Bulbrooks Girlschool L.A. beauftragt hat, einen Großteil der hier gezeigten Inhalte zu kuratieren. Beide Organisationen widmen sich zahlreichen Projekten rund um soziale Gerechtigkeit. Bekannheit erreichte Sergant vor allem mit dem von ihm in Auftrag gegebenen Gemälde Hope, das Shepard Fairey von Barack Obama anfertigte. Im Anschluss hat Sergant unter Obama im Weißen Haus Jugendkunstprojekte durchgeführt, später war er Leiter der Kommunikationsabteilung des National Endowment For The Arts, einer staatliche Stiftung zur Förderung von Kunst und Kultur. Der Secret Service verpasste Sergant übrigens seinerzeit den Spitznamen Hollywood, weil dieser an seinem ersten Arbeitstag einen Nietengürtel trug, der sogleich die Metalldetektoren in Alarmbereitschaft versetzte. Sergant glaubt felsenfest daran, dass Kunst die Kraft hat, entrechtete Gruppen zu vereinen und zu verbünden. Er ist überzeugt, dass die We Rise Gallery es in Sachen Qualität mit jedem anderen Museum in der Stadt aufnehmen kann. ShowzArts unbenanntes Acrylgemälde hängt gleich neben Koshin Finley, einem ehemaligen Studenten am Otis College Of Art And Design und Sohn des prominenten Designers und Guerilla-Gärtners Ron Finley. Außerdem sind Werke von Fairey, Andrea Bowers, Mel Kadel sowie den bekannten Straßenkünstlern Vhils und Swoon zu sehen.
Der Künstler ShowzArt steht vor dem von ihm mitgestaltete Wandbild "The Living Water" nahe der Ecke Fifth Street und Central Avenue in Los Angeles
ShowzArt und das von ihm mitgestaltete Wandbild The Living Water nahe der Ecke Fifth Street und Central Avenue in L.A. | © Luis Sinco / Los Angeles Times
„Jeder, der schon mal in L.A. war, kennt ShowzArts Arbeiten. Manche wissen nur nicht, wer dahintersteckt”, so Sergant. „Er hat nicht nur seine eigenen Erfahrungen bildlich ausgedrückt, sondern auch die vieler anderer, die selbst nicht in der Lage sind, dies zu tun.” ShowzArt hat an zahlreichen bunten Wandbildern mitgearbeitet, die quasi als Mahnmal über den vielen Erniedrigungen stehen, die Obdachlose täglich erdulden müssen. Er geht weiter zu einer Gasse beim Gladys Park, in dem man einige Schönheitsmaßnahmen vorgenommen hat, damit sich hier jeder wohlfühlen kann, der sich ein wenig ins Gras legen, die kostenlose Handyladestation nutzen oder gebrauchte Spritzen sicher entsorgen will. „Ich bin hier, um meinen kleinen Beitrag zu leisten, aber jedem kann ich nicht helfen”, so ShowzArt. „Ich leiste hier Wiedergutmachung.”

Geboren wurde der 41-jährige ShowzArt in Kansas City, Missouri. In der fünften Klasse zog er in den Süden von Los Angeles und ging dort auf die Martin Luther King Jr. Elementary School. Er spielte am Bakersfield College Basketball, später betrieb er eine Vollkontakt-Variante dieses Sports namens Slamball, was ihm Reisen um die ganze Welt, darunter auch Italien und China, einbrachte. Alles schien gut zu laufen, so dachte er zumindest. „Aber irgendwie hat es nicht richtig funktioniert, egal, was ich auch tat”, erinnert er sich. Als er in die Staaten zurückkam, fühlte er sich immer öfter wegen seiner Hautfarbe diskriminiert und hatte das Gefühl, dass sämtliche Menschen in mächtigen und privilegierten Positionen ihm einfach das Label „weniger wert” aufdrückten, egal, wie sehr er sich auch bemühte, den sozialen Anforderungen zu genügen. Also beschloss er, wie er es ausdrückt, genau das zu werden, was diesen Leuten am meisten Angst macht. Mit 21 begann er, in der Skid Row Crack Kokain zu verkaufen. Mit dem verdienten Geld wollte er einen Laden eröffnen, in dem er seine eigene Bekleidungskollektion und Skateboard-Designs verkaufen wollte. Die Kehrtwende gelang ihm schließlich durch ein Baby: Als 2006 sein Sohn geboren wurde, hörte er mit dem Dealen auf. ShowzArt ging zurück in die Skid Row, aber diesmal als Helfer. Er wollte sich für die Anwohner innerhalb einer Non-Profit-Organisation namens Life is, aus der inzwischen die Organisation Sidewalk hervorgegangen ist, engagieren; ihnen Zugang zur Kunst ermöglichen und gesunde Mahlzeiten verschaffen.

2015 holte ihn jedoch seine Vergangenheit ein, als er sich auf einmal mit einer, wie er sagt, falschen Beschuldigung konfrontiert sah und wegen Drogenbesitzes 10 Jahre ins Gefängnis sollte. Er konnte sich erfolgreich dagegen zur Wehr setzen, aber danach war er pleite und landete auf der Straße. Im vergangenen Jahr wurde ihm ein versuchter Raub vorgeworfen, den er nach eigenen Angaben nicht begangen hat. Angeblich hatte er gerade in der Nähe von Sixth And Spring Street auf Essen gewartet, als ihm plötzlich ein Officer gegenübertrat und ihn der Tat beschuldigte. ShowzArt trug daher bis zu seiner Gerichtsverhandlung im Juni eine Fußfessel. Es sind Rückschläge wie dieser, die ihn immer wieder zurück auf die Straße bringen. Es scheint, als könne er sich nicht von seiner Vergangenheit befreien. Am Ende, so sagt er, sei es jedoch eine bewusste Entscheidung, in der Skid Row zu leben und sich damit gegen ein Leben in einer Gesellschaft zu positionieren, denen Menschen wie er egal sind. Sein mittlerweile 13-jähriger Sohn und seine 8-jährige Tochter leben bei ihrer Mutter in Long Beach. Die beiden sind schon seit vielen Jahren verlobt. ShowzArt erklärt, dass er etwas zur Miete und zum Unterhalt der Kinder beisteuert und auch von Zeit zu Zeit bei ihnen bleibt, auch wenn er unter „Hausarrest“ steht.

„Sie hat die ganze Zeit Unterstützung von mir bekommen”, sagt er über seine Verlobte und betont, dass sie sein Bedürfnis versteht, lieber in der Skid Row zu leben als in einem kaputten System. Er möcht eben lieber bei seinen Gefährten auf der Straße sein und sich direkt vor Ort für sie engagieren. „Mir ist klar geworden, dass ich immer noch versuche, in dieses von der Gesellschaft gemachte System hineinzupassen. Aber ich kann bei diesem Rennen nicht mitlaufen, es ist nicht mein Rennen, da bin ich raus”, erklärt er. Seine dunklen Augen blitzen vor Wut und Frust. „Ich kann mich ausklinken. Ich muss da nicht mitmachen. Ich spiele so lange nicht mit, bis ich die richtigen Werkzeuge in die Hand bekomme, um mitspielen zu können.” Er schüttelt den Kopf, Tränen steigen ihm in die Augen.

„Aber diese Werkezuge geben sie mir einfach nicht, weißt du”, sagt er noch einmal, diesmal fast zu sich selbst. ShowzArt such sich seine Werkzeuge darum lieber selbst zusammen. Er hat einen Instagram-Account mit fast 1.000 Followern. Seine eigene Bekleidungs-Linie namens Hating Is A Crime („Hass ist ein Verbrechen”) gibt es bei Sportie L.A. auf der Melrose Avenue und Soul On Ice in West Adams. Ab und an nimmt er als Maler Auftragsarbeiten an, das reiche aber, wie er scherzt, noch nicht ganz, um seine Miete zu bezahlen.

Mir ist klar geworden, dass ich immer noch versuche, in dieses von der Gesellschaft gemachte System hineinzupassen. Aber ich kann bei diesem Rennen nicht mitlaufen, es ist nicht mein Rennen, da bin ich raus.

Showzart

Am späten Vormittag redet er über seine Zukunftsaussichten, während wir zur We Rise Galerie laufen, wo er freundlich von den Organisatoren begrüßt wird, darunter auch Sergant und Mimi Martinez McKay, stellvertretende Direktorin der Abteilung Strategische Kommunikation beim L.A. County Department Of Mental Health. Die Galerie will den Leuten einen Weg aufzeigen, sich nicht mehr als von der Gesellschaft abgetrenntes Individuum wahrzunehmen und sie den Sinn ihres Daseins erfahren zu lassen,“ beschreibt McKay das We Rise Projekt . Ziel dieser Abteilung sei es, Kontakte zu den Ärmsten der Armen zu knüpfen. Für diese Pop-Up-Show haben die Kuratoren Menschen mit psychischen Problemen mit Leuten zusammengebracht, die über die Gefahren informieren wollen, diese Krankheiten nicht richtig zu diagnostizieren und zu behandeln. Sergant begleitet ShowzArt in den Galerieraum, wo dieser sein Werk zum ersten Mal an der Wand hängen sieht.
ShowzArt steht neben seinem grossformatigen unbenannten Werk in der We Rise Pop-Up Gallery im Zentrum von Los Angeles
ShowzArt neben seinem unbenannten Werk in der We Rise Pop-Up Gallery im Zentrum von L.A. | © Luis Sinco / Los Angeles Times
Auf dem Gemälde ist ein Mann zu sehen, der seinem kleinen Sohn zeigt, wie er sich die Schuhe zubinden muss. Der Vater lehnt sich dabei zärtlich über seinen Sohn. Dieses friedliche Bild wird jedoch durch eine Montage lauernder Gefahren, die die beiden umgeben, gestört. Zu sehen sind hier etwa der Ku Klux Klan, waffenschwingende Polizisten und Gangmitglieder, die bedrohliche Gesten zeigen. „Ich sage meinem Sohn ,Hey, du bist toll’, nicht ‘Du wirst mal was Großartiges machen, wenn du groß bist‘”, erklärt ShowzArt und wiederholt seine Botschaft: „Du bist jetzt schon toll, so wie du bist.” Dann tritt er einen Schritt zurück und schaut sich mit verschränkten Armen und vor Stolz glänzenden Auge sein Werk an. Später am Abend wird es noch eine private Feier in der Galerie geben. Schon bald wird ShowzArt Zeuge sein, wie sich der schicke weiße Raum füllen wird … mit lauter privilegierten Menschen mit lauter guten Absichten.
 

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