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Obdachlos in Montreal
„Es gibt immer einen besseren Ort zum Leben als ein Heim“

Schneesturm in Montreal
Schneesturm in Montreal | © Colourbox

Die Obdachlosigkeit in den Straßen Montreals ist unübersehbar und hat viele Gesichter. Um die Betroffenen wirkungsvoll zu unterstützen, erproben Stadtverwaltung und Hilfseinrichtungen neue Konzepte.

Von Caroline Montpetit

Es sind ganz unterschiedliche Gründe, die Menschen in die Obdachlosigkeit treiben. Manche Spiel- und Drogensüchtige häufen Schulden an und können ihre Miete nicht mehr zahlen. Andere fliehen vor häuslicher Gewalt auf die Straße. Wieder andere finden nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis keine Bleibe. Dazu kommen Jugendliche, die aus der Obhut des Réseau de la protecion de la jeunesse (Quebecer Jugendschutzbehörde) entlassen werden, nachdem sie volljährig sind. Es gibt Obdachlose, die leben seit einigen Monaten auf der Straße, andere verbringen dort seit Jahren ihr Dasein.

Was die Obdachlosigkeit von Frauen angeht, so ist sie auf den Straßen Montreals zwar weniger präsent, doch ein Besuch in den Obdachlosenheimen zeigt, dass sie sehr wohl existiert. Obdachlose Frauen werden leicht Opfer von Gewalttaten im öffentlichen Raum. Aus diesem Grund setzen viele gefährdete Frauen alles daran, um nicht in der sichtbaren Obdachlosigkeit zu landen.

Mission Brewery Die Mission Brewery in Montreal | © Toni Schifer

Wir haben uns schuldig gemacht

Der ursprünglich aus Haiti gebürtige John steht mitten im Winter in Sandalen vor dem Obdachlosenheim Old Mission Brewery. Seine Frau hat ihn aus dem Haus geworfen, seit einigen Monaten lebt er im Heim. Neben ihm steht der spielsüchtige Marcello, dem seine Schulden über den Kopf gewachsen sind. Bevor er die Obdachloseneinrichtungen entdeckte, verbrachte er die Nächte im Winter auch mal im Freien.

Seit einiger Zeit haben sich mehrere Obdachlosenheime Montreals neu ausgerichtet. Sie bieten hilfesuchenden Obdachlosen dauerhaftere und umfassendere Unterstützung, die in deren Leben mehr Stabilität bringen soll. Die schon 1889 ins Leben gerufene Einrichtung Old Mission Brewery (OMB) ist hierfür ein gutes Beispiel. Die Mission wurde während eines besonders rauen Montrealer Winters von Mina Douglas und Eva Findley, zwei wohlhabenden Frauen aus dem Stadtviertel Westmount, gegründet, zunächst in Form einer öffentlichen Suppenküche. 125 Jahre später ist die Einrichtung auf dem Boulevard Saint-Laurent die größte Anlaufstätte für männliche und weibliche Obdachlose in der Provinz Québec. Vor kurzem hat sich die OMB entschieden, Obdachlosen für einen längeren Zeitraum als bisher Hilfestellung zu gewähren – mit Begleitung und Betreuung.

Matthew Pearce Matthew Pearce | © Caroline Montpetit Weil auch die OMB über viele Jahrzehnte nur Notunterkünfte ohne weitere Unterstützung angeboten hatte, zieht ihr Leiter Matthew Pearce eine selbstkritische Bilanz: „Wir haben uns schuldig gemacht, indem wir die chronische Obdachlosigkeit tolerierten.“ Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis hat die Einrichtung die Anzahl der Notfall-Betten reduziert, um primär das Wohnangebot mit Beaufsichtigung zu fördern. Bei dieser Entscheidung stützte sich die OMB auf eine interne Studie, gemäß der 80 Prozent der Obdachlosen in Montreal sich nur vorübergehend in dieser Situation befinden. Für den übrigen Teil ist die Obdachlosigkeit ein chronisches Problem.

Manche der Menschen ohne Obdach sträuben sich sogar im kältesten Winter dagegen, im Heim zu schlafen. Sie haben  Probleme damit, sich an die dort geltenden Regeln zu halten. Diese bestehen vor allem darin, keinen Alkohol und keine Drogen zu konsumieren. Deshalb bietet die Old Mission Brewery während des Winters einen Nachtshuttle-Bus mit 20 Plätzen an, der die Obdachlosen auf den Straßen der Stadt aufsucht. Wenn sie schon keine Unterkunft wünschen, sollen sie zumindest einen Ort zum Aufwärmen haben. Der Bus kann aber auch genutzt werden, um sich doch noch in ein Heim bringen zu lassen.

Bedarf an betreuten unterkünften

 2018 hat die Stadt Montreal zum ersten Mal nachts den Aufenthaltsraum der Mission Saint-Michaels freigegeben, die man auch „Le Toit Rouge“ nennt, das Rote Dach. Sogar Menschen mit Haustieren können dort Zuflucht finden. In den Jahren zuvor war dieser Raum, in dem man sich aufwärmen, eine Suppe essen oder einen Kaffee trinken kann, nur bei Temperaturen im zweistelligen Bereich unter dem Gefrierpunkt geöffnet.

Im Dezember 2017 gab die Stadtverwaltung außerdem bekannt, weitere 900 Plätze in Unterkünften zu schaffen, um den wachsenden Bedarf zu decken. Matthew Pearce führt die Tatsache, dass die Obdachlosenheime für Männer in der vergangenen Saison nicht so überfüllt waren, allerdings auch auf die erweiterten Öffnungszeiten des Aufenthaltsraums unter dem „Roten Dach“ zurück. „Der Aufenthaltsraum kann 80 Personen aufnehmen. Sobald er am Ende der Saison schließt, wohnen direkt wieder 60 Personen in unserer Cafeteria, weil sie nicht wissen, wohin“, sagt er.

Mission Brewery Die Mission Brewery in Montreal, Seitenansicht | © Klaus Gempel, Goethe-Institut Mehrere Einrichtungen, darunter das Réseau d’aide aux personnes seules ou en situation d’itinérance de Montréal (Hilfsnetzwerk für alleinstehende Personen oder Obdachlose in Montreal), wünschen sich eine echte „Unterkunft für kontrollierten Konsum“ in Montreal. Das soll ein Ort sein, an dem Alkoholiker unter Beaufsichtigung konsumieren können, ohne am Ende den Zugang zu ihrem Wohnraum zu verlieren. Aktuell gibt es nur eine Notaufnahme für Personen, die zu betrunken sind, um in einem Obdachlosenheim aufgenommen zu werden. Aber der maximale Aufenthalt dort ist auf 72 Stunden begrenzt – oder eben auf die Zeit, die zum Ausnüchtern gebraucht wird.

Es kommt auch vor, dass Obdachlose auf den Straßen Montreals erfrieren. Laut Matthew Pearce passiert dies jedoch nicht, weil niemand sie aufnehmen konnte oder wollte. „Manchmal konsumieren die Betroffenen so viel, dass sie ihr Bewusstsein verlieren und dann erfrieren. Oder sie haben sich dagegen entschieden, in ein Heim zu gehen und meinten, der Kälte trotzen zu können. Das funktioniert leider nicht immer.“

Die Frage, ob es im Winter mehr Obdachlose als im Sommer gibt, verneint Matthew Pearce. Der Unterschied liegt darin, so seine Erklärung, dass eine Person im Winter die Einrichtung nicht verlassen darf, ohne eine andere Unterkunft vorweisen zu können. „Im Sommer können wir schon aus hygienischen Gründen keine großen Menschenansammlungen in der Cafeteria zulassen.“

Demnächst muss die Stadt Montreal einen Bericht zur Reduzierung der Obdachlosigkeit vorlegen. Matthew Pearce zufolge schwanken die Daten kontinuierlich, die Obdachlosigkeit erlebe eine „geringe Steigerung“. Um das Problem sinnvoll und nachhaltig anzugehen, ist seiner Meinung nach das betreute Wohnen mit zusätzlicher medizinischer und psychosozialer Unterstützung unabdingbar. „Es gibt immer einen besseren Ort zum Leben als ein Heim“, sagt er.
 

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