Holger Herschel
Ausstellung|Vergessene Zukunft
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Goethe-Institut Brüssel, Brüssel
- Preis Freier Eintritt
Holger Herschel wurde 1959 in Ost-Berlin geboren. Er studierte von 1980 bis 1985 Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, war von 1985 bis 1987 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bauakademie der DDR, anschließend bis 1991 Fotolaborant und Fotograf am Maxim-Gorki-Theater Berlin. Seit 1992 ist er freiberuflich als Fotograf tätig, vorwiegend in den Bereichen Denkmalpflege, Architektur und Porträt. Holger Herschels fotografische Tätigkeit begann um die Wendezeit. Viele Anfang der 1990er Jahre entstandene dokumentarische und sozialwissenschaftliche Serien widmen sich den Veränderungen der ostdeutschen Arbeits- und Lebenswelten nach dem Fall der Berliner Mauer und der deutschen Wiedervereinigung. Das Buch Vergessene Zukunft, 2025 im Christoph Links Verlag erschienen, mit Texten von verschiedenen Autoren, präsentiert zwölf dieser Serien.
Für die Ausstellung Vergessene Zukunft wurden zwei Serien ausgewählt, die sich schwerpunktmäßig mit den Veränderungen in der Arbeitswelt beschäftigen. Die Serie Schwarze Pumpe (Lausitz, Hoyerswerda/Brandenburg) entstand 1991. Fotografische Momentaufnahmen aus dem größten Energiekombinat der DDR, dem Braunkohletagebau und dem Gaskraftwerk in der Lausitz mit über 70.000 Beschäftigten, für die eigens eine neue Stadt bei Hoyerswerda (Hoyerswerda-Neustadt) aus dem Boden gestampft wurde. Schwarz-Weiß Aufnahmen zeigen eine Industrielandschaft im Nebel, der einen Grauschleier über die im Hintergrund gelegenen Betriebs- und Wohnanlagen und die Menschen legt. Holger Teschke nimmt in seinem Essay zu dieser Serie Bezug auf den Theatermacher Heiner Müller, der in Die Korrektur vom langsamen Umbau zum sozialistischen Menschen sprach. Für Teschke ist nach 40 Jahren, also zu dem Zeitpunkt der Wende, als der Rückbau der Landschaft begann, der Umbau zum neuen Menschen mit sozialistischem Bewusstsein noch nicht gelungen.
Die Serie Altes Eisen (Leipzig und Chemnitz, Sachsen) wurde zwischen 1990 und 1993 in zwei sächsischen Gießereien, VEB GISAG und Gießerei Rudolf Harlaß, aufgenommen. Hier gilt der Fokus des Fotografen den Menschen an ihrem Arbeitsplatz. Die Fotografien gewähren eine virtuelle Führung durch die Werke, mit Werkbänken, Schraubstöcken und Schalttafeln, jungen Mitarbeitern während ihrer Pause in der Kantine oder eine Besprechung, bei der Einsatzpläne für die Produktion besprochen werden.
Die Farbfotografien aus dem Werk in Chemnitz zeigen weitgehend leergeräumte Hallen. Was bleibt, sind Spuren aus der aktiven Zeit, wie die teils vergilbten Poster von nackten Frauen, ein ausgeschlachteter LKW, einige Kabelrollen und andere liegengebliebene Materialien eindrücklich demonstrieren. Spinde und Schränke sind leer, die Stühle bereits auf die Tische gekippt. Ein altes Poster aus dem Jahre 1982 lädt zur Teilnahme an der jährlichen Maikundgebung ein mit folgendem Slogan: „Alles für das Wohl des Volkes und den Frieden“.
Heute, 35 Jahre später, blicken wir über die Bilder der Serien Schwarze Pumpe und Altes Eisen in eine Zeitkapsel zurück. Wir werden Zeugen des radikalen Transformationsprozesses von der sozialistischen Planwirtschaft in die marktwirtschaftlich geführte Industriegesellschaft. Für die Betriebe und Regionen ging der Wandel stets mit Abwicklung, Deindustrialisierung und Privatisierung einher und verlangte eine große Anpassungsfähigkeit der betroffenen Menschen.
Herschels Fotografie-Serien aus der Wendezeit könnten aktueller nicht sein, lassen sie doch Parallelen zu der aktuellen digitalen und KI-Revolution zu, mit all ihren Unsicherheiten. Permanenter Wandel, damals wie heute, Sicherheiten gibt es nicht, weder damals noch heute. Der Mensch ist dazu verdammt, sich als anpassungsfähiges Wesen den Umbrüchen zu stellen, ganz gleich, ob diese ihren Ursprung in der Wirtschaft, in der Politik oder in der persönlichen menschlichen Biografie haben, und er hat die Chance, diese Umbrüche aktiv mitzugestalten
Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 09:00 - 18:00
Weitere Informationen zu Holger Herschel.
In Kooperation mit Berlin Brussels Art Projects.
Für die Ausstellung Vergessene Zukunft wurden zwei Serien ausgewählt, die sich schwerpunktmäßig mit den Veränderungen in der Arbeitswelt beschäftigen. Die Serie Schwarze Pumpe (Lausitz, Hoyerswerda/Brandenburg) entstand 1991. Fotografische Momentaufnahmen aus dem größten Energiekombinat der DDR, dem Braunkohletagebau und dem Gaskraftwerk in der Lausitz mit über 70.000 Beschäftigten, für die eigens eine neue Stadt bei Hoyerswerda (Hoyerswerda-Neustadt) aus dem Boden gestampft wurde. Schwarz-Weiß Aufnahmen zeigen eine Industrielandschaft im Nebel, der einen Grauschleier über die im Hintergrund gelegenen Betriebs- und Wohnanlagen und die Menschen legt. Holger Teschke nimmt in seinem Essay zu dieser Serie Bezug auf den Theatermacher Heiner Müller, der in Die Korrektur vom langsamen Umbau zum sozialistischen Menschen sprach. Für Teschke ist nach 40 Jahren, also zu dem Zeitpunkt der Wende, als der Rückbau der Landschaft begann, der Umbau zum neuen Menschen mit sozialistischem Bewusstsein noch nicht gelungen.
Die Serie Altes Eisen (Leipzig und Chemnitz, Sachsen) wurde zwischen 1990 und 1993 in zwei sächsischen Gießereien, VEB GISAG und Gießerei Rudolf Harlaß, aufgenommen. Hier gilt der Fokus des Fotografen den Menschen an ihrem Arbeitsplatz. Die Fotografien gewähren eine virtuelle Führung durch die Werke, mit Werkbänken, Schraubstöcken und Schalttafeln, jungen Mitarbeitern während ihrer Pause in der Kantine oder eine Besprechung, bei der Einsatzpläne für die Produktion besprochen werden.
Die Farbfotografien aus dem Werk in Chemnitz zeigen weitgehend leergeräumte Hallen. Was bleibt, sind Spuren aus der aktiven Zeit, wie die teils vergilbten Poster von nackten Frauen, ein ausgeschlachteter LKW, einige Kabelrollen und andere liegengebliebene Materialien eindrücklich demonstrieren. Spinde und Schränke sind leer, die Stühle bereits auf die Tische gekippt. Ein altes Poster aus dem Jahre 1982 lädt zur Teilnahme an der jährlichen Maikundgebung ein mit folgendem Slogan: „Alles für das Wohl des Volkes und den Frieden“.
Heute, 35 Jahre später, blicken wir über die Bilder der Serien Schwarze Pumpe und Altes Eisen in eine Zeitkapsel zurück. Wir werden Zeugen des radikalen Transformationsprozesses von der sozialistischen Planwirtschaft in die marktwirtschaftlich geführte Industriegesellschaft. Für die Betriebe und Regionen ging der Wandel stets mit Abwicklung, Deindustrialisierung und Privatisierung einher und verlangte eine große Anpassungsfähigkeit der betroffenen Menschen.
Herschels Fotografie-Serien aus der Wendezeit könnten aktueller nicht sein, lassen sie doch Parallelen zu der aktuellen digitalen und KI-Revolution zu, mit all ihren Unsicherheiten. Permanenter Wandel, damals wie heute, Sicherheiten gibt es nicht, weder damals noch heute. Der Mensch ist dazu verdammt, sich als anpassungsfähiges Wesen den Umbrüchen zu stellen, ganz gleich, ob diese ihren Ursprung in der Wirtschaft, in der Politik oder in der persönlichen menschlichen Biografie haben, und er hat die Chance, diese Umbrüche aktiv mitzugestalten
Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 09:00 - 18:00
Weitere Informationen zu Holger Herschel.
In Kooperation mit Berlin Brussels Art Projects.
Ort
Goethe-Institut Brüssel
Rue Belliardstraat 58
1040 Brüssel
Belgien
Rue Belliardstraat 58
1040 Brüssel
Belgien