Filmkritik | „C'est ma sœur“
Ein Tag im Juni

Anne Florence, Florence Saint-Yves in „C'est ma sœur“
Anne Florence, Florence Saint-Yves in „C'est ma sœur“ | © Zoë Pelchat

Zärtlichkeit und Glitzerlidschatten als Antwort auf unsichere und politisch turbulente Zeiten: Die quebecer Filmemacherin Zoé Pelchat setzt mit ihrem zweiten Berlinale-Beitrag „C’est ma Sœur“ ein starkes Statement für schwesterliche Solidarität und Akzeptanz und findet eine vielversprechende Filmsprache.  

Von Tatiana Braun

Für die Filmschaffenden aus Quebec ist die Berlinale-Sektion 'Generation' gewohntes Terrain: 2024 gewann Philippe Lesage mit Comme le feu (Who by Fire) den Preis für den besten Film in der Kategorie 14plus und auch Geneviève Dulude-de Celles, die dieses Jahr mit ihrem Film Nina Roza im Wettbewerb vertreten ist und den Silbernen Bären für das beste Drehbuch erhielt, wurde 2019 in der Kategorie Kplus mit dem Kristallbären für ihren ersten Langspielfilm A Colony (Une Colonie) ausgezeichnet.

Im Kurzfilm-Programm 2 der Kategorie 14plus präsentiert auch in diesem Jahr eine Filmemacherin aus Quebec ihren Film: Zoé Pelchat ist hier schon zum zweiten Mal vertreten, dieses Jahr mit ihrem Kurzfilm C'est ma sœur (That’s my Sister). Bereits 2023 präsentierte sie in der Generation Kplus Gaby les collines (Gaby’s Hills), damals noch in der Sektion Generation Kplus. Der Film, der nach der Berlinale noch in Toronto lief und unter anderem als bester Kurzfilm mit dem Quebec Cinema Award ausgezeichnet wurde, spielt auf den malerischen Magdalenen-Inseln im Südosten des Sankt-Lorenz-Stroms und erzählt die Geschichte einer jungen Frau und der Reaktionen ihres Umfelds auf ihre mit der Pubertät einhergehenden körperlichen Veränderungen. Auch bei C’est ma sœur geht es um Themen des Erwachsenwerdens, die Entdeckung des eigenen Körpers durch den Tanz sowie die nicht immer einfachen Beziehungen zu anderen.

Die Heuchelei der Erwachsenen

Der Film spielt an einem Sommertag, und ist in einer nicht weiter definierten quebecer Vorstadt angesiedelt. Er erzählt die Geschichte zweier Schwestern im Teenageralter, die eine, Camille, selbstbewusst und extrovertiert, die andere, Agathe, schüchtern und eher unsicher. Camille, gespielt von Florence Saint-Yves, auf die die Regisseurin via TikTok aufmerksam geworden ist, ist eine junge Frau mit Trisomie 21 und bereitet sich auf das Vortanzen für eine semiprofessionelle Tanzkompagnie vor. Am Tag der Audition, zu der Agathe (gespielt von Anne Florence) Camille begleiten soll, will sie eigentlich auf eine Party, um dort das Mädchen, für das sie heimlich schwärmt, anzusprechen. Die Eltern sind jedoch verhindert und so nimmt Agathe ihre Schwester notgedrungen auf dem Motorroller mit und macht auf dem Weg zur Party einen Umweg zur Audition. Das Vortanzen läuft dann leider nicht ganz so, wie Camille sich das vorgestellt hat. Die Kompagnie hat sich zwar Diversität auf die Fahne geschrieben, aber das Auswahlkomitee macht – wenn auch kleinlaut – klar, dass es ihnen eher um die Diversität der Herkunft (sprich: Hautfarbe) gehe und nicht um eine tatsächliche Inklusion aller Körper und Begabungen. Als sie die junge Tänzerin herauskomplimentieren wollen, platzt der eigentlich eher zurückhaltenden Camille der Kragen – es folgt ein starker Moment schwesterlicher Solidarität, in dem die beiden zum Ohrwurm Premier juin (Erster Juni) der Montrealer Singer-Songwriterin Lydia Képinski die von Agathe selbst entwickelte Choreografie performen und so die Heuchelei der Erwachsenen entlarven.

Ein starkes Zeichen für Inklusion und Diversität

Der Film, der auf dem Drehbuch von Léalie Ferland Tanguay basiert und im Rahmen eines Wettbewerbs entstanden ist, verhandelt – ganz entsprechend der Codes des Coming-of-Age-Films – nicht nur Fragen des Erwachsenwerdens, der schwesterlichen Liebe und Zuneigung, sondern kritisiert auch die Hypokrisie mancher sogenannter Inklusions- und Diversitätsprogramme im Kulturbereich. Kamera, Licht und Farben transportieren eine große Sensibilität, nähern sich den heranwachsenden Frauen mit Respekt und Zärtlichkeit, fangen Details, wie den liebevoll aufgetragenen Lidschatten oder den nervös zurechtgerückten Bikini genauso ein, wie sie die ablehnenden Erwachsenen auf Distanz halten. Damit unterstreichen sie die Nähe und Komplizinnenschaft der beiden Schwestern, deren Ungleichheit sich mehr durch die verschiedenen Temperamente als durch medizinische Diagnosen erklärt. C’est ma Soeur setzt ein starkes Zeichen für Inklusion und Diversität sowie die Normalisierung des Andersseins.

Abrechnung mit der Elterngeneration

Die anderen Filme des Programms verhandeln Themen, die sich auch in den anderen Sektionen des Festivals wiederfinden, wie die Frage der Kompromisse, die man bereit ist, einzugehen, um dazuzugehören, die Akzeptanz der eigenen Queerness (symbolisch hier wieder der Glitzerlidschatten in Edgar Adriáns Cuando llegue a casa / When I get home aus Mexiko) sowie die Beziehung zu Familie und Herkunft. Interessanterweise spielen in keinem der fünf Filme in dieser Sektion die Eltern der jugendlichen Protagonist*innen eine Rolle – diese seien langweilig und fügten der Geschichte nichts hinzu, so Emanuele Tresca Regisseur des italienischen Kurzfilms Mambo Kids, in dem der Fokus auf die Beziehung zum Land und zur Natur, zu den Großeltern, zur Gemeinschaft und zur Abstammung liegt. Es scheint, als wendeten sich die jungen Filmschaffenden enttäuscht ab von einer Elterngeneration, deren Konsumverhalten auf Kosten von Empathie und Natur gehen und als suchten sie den Sinn eher in der Verbindung mit der Weisheit der Ältesten. Eindrucksvoll dargestellt wird dies zum Beispiel im Kurzfilm Jülapüin Yonna (The Dream of Dance) der kolumbianischen Regisseurin Luzbeidy Monterrosa über das indigene Volk der Wayuu.

Fabrikgeburstage

Ein unerwartetes, aber wiederkehrendes Thema der diesjährigen Berlinale sind Fabrikgeburtstage, die man sowohl in Angela Schanelecs Meine Frau weint (My Wife Cries) als auch in Ich verstehe ihren Unmut (I Understand Your Displeasure) von Kilian Armando Friedrich findet. Auch in diesem Kurzfilmprogramm gab es einen Beitrag, in dem am Arbeitsplatz Geburtstag gefeiert wird – nämlich in Scorching von Wang Beidi. Das bringt uns wieder zu Lydia Képinskis Premier juin und die Liedzeile: „Aujourd’hui c’est mon anniversaire / Ce que je n’ai pas fait je vais le faire“ (Heute ist mein Geburtstag / Was ich nicht getan habe, werde ich tun). Mit diesem Ohrwurm geht es wieder hinaus in den Berliner Winter, der ja trotz des unerwarteten Schneeeinbruchs nicht ganz so kalt ist wie der Winter in Kanada und es bleibt einem nichts anderes übrig, als angesichts verspäteter S-Bahnen von warmen Junitagen zu träumen, in freudiger Erwartung der kommenden Filme von Zoé Pelchat, einer der Filmemacher*innen aus Quebec, die man zukünftig auf dem Schirm haben sollte.
 

„C'est ma sœur“

Kanada | 2026 | Kurzfilm
Regie: Zoé Pelchat
Drehbuch: Léalie Ferland Tanguay
Mit: Florence Saint-Yves, Anne Florence, Stéphane Jacques, Pascale Desrochers, Alexandre Bergeron

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