Die virale Stadt

Jens Pecho - Housebound © Foto (Ausschnitt): Monik Richter

Im August 2020 riefen wir Videokünstler*innen aus Kanada und Deutschland dazu auf, uns ihre Ideen zu dem Thema „Die Stadt in Zeiten des Virus“ einzureichen. Der Ausdruck inspirierte Künstler*innen zu traumhaften Visionen der Innenstadt als Spielplatz, als Insel einer - vielleicht trügerischen - Ruhe, in denen die Menschen und Körper sich frei bewegen und sich den Stadtraum zu eigen machen. Auf dieser Seite stellen wir euch die Künstler*innen, die Jury und die präsentierten Werke mit ihren Projektionsdaten vor.

Die (Groß-)Stadt nach COVID-19

Die Stadt während bzw. nach Covid-19 – in dem Ausdruck schwingen Sehnsüchte städtischer Utopisten nach grünen und autofreien Innenstädten, breiten Gehwegen – ja ganzen Flaniermeilen –, ausladenden Fahrradstraßen und zu Terrassen umgebaute Parkplätze. Gleichzeitig waren und sind die am dichtesten besiedelten urbanen Stadtzentren auch die während der Krise am härtesten getroffenen Spots: Wir denken dabei an dystopische Szenarien ausgestorbener Innenstädte, leere Straßen, verschlossene Ladenzeilen und ein quasi eingefrorenes kulturelles Leben und mittendrin temporäre Teststationen auf öffentlichen Plätzen, zu Krankenstationen umgebaute Parkhäuser und öffentliche Parks. 

Unser Aufruf richtete sich an Künstler*innen aus Deutschland und Kanada. Die eingereichten Videoarbeiten beschäftigten unter anderem mit folgenden Fragen: Wie lebt es sich in der (Groß-)Stadt während einer Pandemie? Wie wirken sich soziale Regeln und medizinische Hygienevorgaben auf unsere Körper aus? Wie bewegen wir uns im urbanen Raum? Wie interagieren und kommunizieren wir miteinander in Zeiten des social distancing? Und vor allem, wie halten wir es noch Zuhause aus?  

Die Werke blicken auf ungewisse - vielleicht sehr menschenleere - Zukünfte, richten das Augenmerk aber auch auf die Tatsache, dass in einigen Teilen der Welt - in Konflikt- und Kriegsgebieten und in unfreien Gesellschaften - das Eingeschlossensein auch ohne Pandemie traurige Realität ist. 
 

Von den zahlreichen Einreichungen hat unsere Expert*innen-Jury acht Arbeiten aus Kanada und Deutschland ausgewählt, die jeweils zwei Wochen lang, zwischen Oktober 2020 und März 2021, nach Einbruch der Dunkelheit auf den Schaufensterleinwänden des Goethe-Instituts Montreal präsentiert werden.

Die Künstler*innen und ihre Arbeiten

Vom 15. Oktober bis 31. Oktober 2020
 

Housebound

Video, 4:46 min. | Deutschland, 2020 
Regie : Jens Pecho

Housebound - Jens Pecho
© Jens Pecho
Der Film kombiniert eine Szene des Thrillers Copycat (1995) mit einem Mitschnitt des künstlerischen Arbeitsprozesses des Filmemachers. Dabei werden Fragen künstlerischer Originalität sowie die Automatismen kreativer Verwertungslogik beleuchtet, die selbst die aktuelle Gesundheitskrise nutzbar machen sollen. Housebound wurde von den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen gefördert und ist Beitrag zur Frage des Festivals: „Kann und muss man jetzt Filme machen?“ 
 

Jury Statement

Mit dem spontanen Aufruf „Kann und muss man jetzt Filme machen?“ luden die diesjährigen Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen eine Reihe von Video-Künstler*innen ein, ihr Statement in Form einer kurzen Video-Arbeit abzugeben. In diesem Kontext entstanden, reflektiert Housebound kritisch die Auswirkungen der Pandemie und derartiger Calls auf die Kunstproduktion. Als Screen-Video produziert, stellt die Arbeit zudem pointiert heraus, dass Computerscreens und Internet in Zeiten von Kontakteinschränkungen zum primären Medium der Wahrnehmung, der Produktion und zugleich der Diskussion von Kunst werden und mehr denn je die Rolle eines „Fenster zur Welt“ einnehmen.
(Anna Lena Seiser)

Über Jens Pecho

Jens Pecho studierte an der Kunsthochschule für Medien Köln sowie der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule in Frankfurt am Main. Er arbeitet als bildender Künstler, meist installativ, mit Text und Video. Seine Arbeiten wurden international in Museen und auf Filmfestivals gezeigt, darunter die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, das Forum d'Art Contemporain – Casino Luxembourg, das Herzliya Museum of Contemporary Art, Israel, die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, das Message to Man IFF St.

Vom 1. November bis 15. November 2020
 

jardins paradise

Video, 5:24 min. | Kanada, 2020 
Regie: Yza Laure Nouiga 

Jardins Paradise
Jardins Paradise | © Yza Nouiga
Garten Eden, jardin à la française, Englisch, Zen, Bahai, arabisch-islamisch: Gärten spiegeln Geschichte, Kultur und Erbe wider. Sie sind einige der seltenen Orte, an denen Intimität, Versammlungen, Spaß und Religion nebeneinander existieren. Jardins Paradise lenkt ironischerweise das Bild des Gartens als Verkörperung eines paradiesischen Garten Edens ab. Er hebt den bürgerlichen Erfindungsreichtum von Gemeinschaften hervor, die durch einen Mangel an Grün in ihrer Nachbarschaft stigmatisiert sind, sowie den Beitrag der ethnokulturellen Vielfalt zur Stadtlandschaft.

Der Film stellt sich vor, wie junge Mitglieder der arabischen Diaspora in Montreal mit den zur Verfügung stehenden Mitteln eine säkulare und demokratische Version des Gartens im arabisch-islamischen Stil entwickeln. Ein Parkplatz, eine Trockenzone ähnlich der Wüste, in der diese Gärten ursprünglich entstanden sind, wurde in einen ephemeren Garten umgewandelt. In Treue zu den Hauptbestandteilen des arabisch-islamischen Stils ist die Wasserquelle das Herzstück, Plätze mit Pflanzen besetzen die Parkplätze, ebenso wie Blumen und Früchte, und die Kontemplation ist die Hauptaktivität. Die Natur wird künstlich dargestellt, da sie nur ein momentanes Paradies ist, das der individuellen Freizeitgestaltung dient.

Und was wäre, wenn das Paradies nichts anderes wäre als ein grüner Parkplatz, der nach den eigenen Vorlieben gestaltet ist?
 

Jury statement

Das Projekt Jardins Paradise von Yza Laure Nouiga ist eine ambivalent surreale Erzählung, in der Strandschirme, Grasfliesen und ein Kinderplanschbecken auf einem nicht mehr genutzten Parkplatz einen Raum der Freizeitgestaltung geschaffen haben. Ein Moment der Entspannung am Strand oder der Zugang zu Wiesen und Feldern sind für Stadtbewohner*innen aufgrund der vielen Auswirkungen der Pandemie nicht leicht zu erreichen. Dieser komplexe Film wirft viele Fragen auf, unter anderem diese: Wie können wir unsere städtischen Betongärten für die darin lebenden Menschen neu organisieren? (Anyse Ducharme) 

über yza laure nouiga

Yza Nouiga ist eine aufstrebende französisch-marokkanische Regisseurin und Drehbuchautorin mit Sitz in Montreal. Sie ist in Marokko geboren und aufgewachsen und lebt seit 10 Jahren in Kanada. Sie hat gerade das „Programme d'aide à la création émergente“ der SODEC für einen ersten Spielfilm, Circo, erhalten, den sie zusammen mit Lamia Chraibi geschrieben hat. Zurzeit arbeitet sie auch an einem Kurzspielfilm, L'Oasis, zu den Themen Identität, doppelte Staatsbürgerschaft und Heimkehr.

Vom 1. Dezember bis 15. Dezember 2020

imperial valley (cultivated run-off)

Video, 13:58 min. | Deutschland, 2020 
Regie: Lukas Marxt 

Vom 5. Januar bis 20. Januar 2021

statu quo

Video, 10:00 min. | Kanada, 2020
Regie: Lamia Chraibi und Marion Chuniaud-Lacau 

Vom 21. Januar bis 4. Februar 2021

why or why not?

Video, 6:46 min. | Deutschland, 2020
Regie: Kerstin Honeit 

Vom 5. Februar bis 20. Februar 2021

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Video, 10:41 min. | Kanada, 2020
Regie: Andrée-Anne Roussel

Vom 21. Februar bis 7. März 2021

documentation report (no. 0617 - 0918)

Video, 4:50 min. | Deutschland, 2017-2019
Regie: Béatrice Schuett-Moumdjian 

Vom 8. März bis 22. März 2021

confinement.lands

Video, 14:55 min. | Kanada, 2020
Regie: Cinzia Campolese

Die Jury

Miryam Charles © Julie Artacho
Miryam Charles ist eine in Montreal ansässige kanadische Filmemacherin. Sie studierte Film an der Concordia-Universität und hat als Regisseurin, Produzentin, Autorin und Kamerafrau gearbeitet. Zu ihren Kurzfilmen gehören Fly, Fly Sadness (2015), Towards the Colonies (2016), A Fortress (2018) und Three Atlas (2018). Ihre Werke wurden bei verschiedenen Filmfestivals auf der ganzen Welt gezeigt. Ihr jüngster Kurzfilm Second Generation (2019) wurde bei TIFF präsentiert. Eine Retrospektive ihres Werks wurde in der Cinémathèque québécoise (2019) gezeigt. Im Jahr 2020 wurde eine zweite Retrospektive während der vierten Ausgabe des Third Horizon Film Festivals zusätzlich zu einer Installation in der Leonard and Ellen Bina Gallery in Montreal präsentiert. Zurzeit arbeitet sie an ihrem ersten Dokumentarfilm, der mit einem Stipendium des Programms Talents to watch (Telefilm Canada) ausgezeichnet wurde. 

Anyse Durcharme © Gary Franks
Anyse Ducharme
ist eine französisch-ontarische Medienkünstlerin aus dem Nordosten Ontarios. Ihre künstlerische Praxis beschäftigt sich mit der Zirkulation digitaler Bilder und der Verformbarkeit von Daten. Sie hat in Sudbury, Ottawa, Toronto, Vancouver, Winnipeg, Middlesbrough, Boston und New York ausgestellt. Ducharme arbeitet als künstlerische Programmkuratorin im Knot Project Space - SAW Video Media Art Centre (Ottawa) und ist im Vorstand von La Galerie du Nouvel-Ontario und dem Media Art Network of Ontario. Sie hat einen MFA von der University of British Columbia (Vancouver), einen BFA von der University of Ottawa und ein Hochschuldiplom in 3D-Animation von La Cité collégiale (Ottawa). 

Peter Haueis © Nadine Mayer
Peter Haueis
ist Filmemacher und Kurator aus Hamburg. Er studierte in Weimar, Lyon und Hamburg. Neben seiner Arbeit als Regisseur und seiner Tätigkeit für das Kurzfilmfestival Hamburg ist er seit 10 Jahren festes Mitglied der Künstlergruppe A Wall is a Screen. Die Arbeit des Kollektivs konzentriert sich darauf, Kurzfilm, Architektur und soziale Räume zu kontextualisieren. Als mobiles Kurzfilmkino interveniert A Wall is a Screen weltweit im öffentlichen Raum und nutzt urbane Strukturen als Leinwände. Dabei schlagen sie immer wieder Perspektivwechsel vor, indem die Rezeption von Kurzfilmen und Medienkunst in einen neuen Kontext gestellt wird. Dabei werden oft gesellschaftspolitische, stadtpolitische und soziale Themen problematisiert.

Annette Hegel ist eine Multimedia-Künstlerin, die ihre Werke in Kanada und in Europa ausgestellt hat. Sie arbeitet von ihrem Atelier in der Innenstadt von Ottawa aus, ist Gründungsmitglied des Slipstream Collective und arbeitet mit vielen Künstler:innen in der ganzen Stadt zusammen. Darüber hinaus hat sie eine 30-jährige Karriere im kulturellen Marketing und in der Kommunikation, in der Entwicklung von Identitäten und der erfolgreichen Etablierung von Marken sowohl im gewinnorientierten als auch im nicht-gewinnorientierten Sektor hinter sich. Bevor sie sich dem SAW Video-Team anschloss, produzierte und leitete sie die Umsetzung von gezielten Marketing- und Kommunikationsstrategien für nationale Organisationen und internationale Marken. Sie ist Trägerin zahlreicher Auszeichnungen, darunter die Auszeichnung „Kulturmarke des Jahres“.


Anna Lena Seiser © Ina Niehoff
Anna Lena Seiser ist Medien- und Kulturwissenschaftlerin und leitet das Video-Forum des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.). Als Kuratorin an der Kunsthalle, als Kuratorin an der Kunsthalle Düsseldorf realisierte sie in den letzten Jahren umfassende Einzel- und Gruppenausstellungen, darunter Fire on the Mountain mit Megan Rooney, 2019, Simon Fujiwara: Figures in a Landscape, 2016/2017, und in Ko-Kuration mit Jasmina Merz Welcome to the Jungle, 2018, mit Jonathas de Andrade, Kristina Buch, Laura Lima, Liu Shiuyan, Alvaro Urbano u. a. Von 2011–2015 war Seiser für die Künstlerförderung der Studienstiftung des deutschen Volkes sowie das postgraduale Karl Schmidt-Rottluff-Stipendienprogramm tätig. 2009/2010 war sie Teil des Programmteams der transmediale – Festival für Kunst und digitale Kultur. Seiser forschte und publizierte u. a. zur Mediengeschichte des lebendigen Bildes an den Schnittstellen von Kunst und Naturwissenschaft. Schwerpunkte ihrer kuratorischen Arbeit bilden experimentelle, ortsspezifische Ausstellungsformate, Performance und zeitbasierte Medien.

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