Gestaltung der Vergangenheit
Turning One's Attention to Knowledge

Each One Teach One (EOTO),
Each One Teach One (EOTO), Bibliothek und Communityzentrum im Afrikanischen Viertel Berlins | © Each One Teach One (EOTO)

Each One Teach One (EOTO), Bibliothek und Communityzentrum im Afrikanischen Viertel Berlins, ist ein Raum, der Menschen afrikanischer Herkunft die Möglichkeit bietet, ihre Vergangenheit in Ideen für die Zukunft zu transformieren. Autor und Kurator Michael Götting zur Bedeutung und Geschichte dieses besonderen Ortes.

Von Michael Götting

Unsere Visionen sind größer als wir selbst, größer als wir als Einzelne sein können

EOTO

Wellen, die sich um einen ins Wasser geworfenen Stein verbreiten. Das ist die Metapher für Imagination, für Ideen, für Wissen, das seine Kreise zieht und dass sich jede Generation aufs Neue zu eigen machen muss: Visionen von Zukunft, die sich manifestieren.

Das ist die Vergangenheit: Einer der Orte, an denen sich Raum die Zeit erobert. Sagen wir, die Weisse Rose in Berlin-Schöneberg, die Werkstatt der Kulturen in Berlin-Neukölln oder das Kulturzentrum irgendeiner deutschen Stadt im Maßstab der hunderttausend Einwohner*innen aufwärts.

Vera Heyer ist Mitte 40, eine zierliche Schwarze Frau mit Sommersprossen, die dort bereits merklich gegen ihre Krankheit anatmet. Sie steht auf der Verkaufsseite eines Büchertischs. Ich bin auf der anderen Seite, der Seite des Empfängers, schaue von den Buchcovern auf, als sie mich anspricht – mein Blick muss vollgesogen gewesen sein mit dem, was ich noch kurz zuvor gesehen hatte: Roots, Invisible Man, The Souls of Black Folk. Sie sagt: „Du interessierst dich für Bücher!?”. Ich sage: „Ja!”
 
Das war Anfang der 1990er Jahre. Damit war ein Stein ins Wasser getaucht und die Wellen breiteten sich langsam aus. Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, Katharina Oguntoye, Nouria Asfaha, Ricky Reiser,  May Ayim, gehörten zu den Schwarzen Frauen, die gerade erst den Begriff „Afro-Deutsch“ für sich entdeckt hatten und die Bücher von Toni Morrison, Alice Walker, Mariama Ba, Audre Lorde, bell hooks, Angela Davis vor mich hinschoben und meinten, „das musst du lesen!”.

Vergangenheit zu gestalten heißt auch, Wissen bereitzuhalten

Aus Vera Heyers kleiner Wohnung in Mainz-Bretzenheim war eine Bibliothek geworden und sie lud die Bibliophilen der Schwarzen Community zu sich nach Hause ein, zum Lesen, zum Austausch über das Wissen Schwarzer Menschen oder um einfach nur dazusitzen und den Blick über die Reihen der Bücherrücken schweifen zu lassen. Eines Tages sagte sie zu mir: „Ich möchte, dass daraus mal eine Bibliothek wird, die für alle zugänglich ist”. Daran musste ich denken, als ich zum ersten Mal die Räume von Each One Teach One (EOTO) e.V. betrat – damals, 2016, noch ein Ort, der der kleinen Wohnung Vera Heyers ganz ähnlich war: Zwei kleine Zimmer, Bücherregale, die vom Boden bis dicht unter die niedrigen Decken reichten, vollgestopft mit dem Wissen Afrikas und der afrikanischen Diaspora. Knapp zwanzig Jahre nach Veras Tod, Mitte der 1990er Jahre, hatte sich ihre Vision manifestiert. Mit ihren Büchern eröffnete EOTO 2014 seine Bibliothek - das ist die Gegenwart.
Each One Teach One (EOTO)
Die Bibliothek von Each One Teach One (EOTO) | © Each One Teach One (EOTO)
„Turn your attention to knowledge and improvement; for knowledge is power”, verkündete Maria W. Stewart in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als die Sklaverei in den USA noch in vollem Gange war – eine der frühen afroamerikanischen Feministinnen, deren Reden und Texte überliefert sind.

Ich erfahre von Maria W. Stewart aus einem Buch, das zu der Zeit herauskam, als ich Vera Heyer zum ersten Mal an einem ihrer Büchertische traf: Black Feminist Thought. Knowledge, consciousness and the politics of empowerment von Patricia Hill Collins, zuerst veröffentlicht im Jahr 1990. Ich entdecke das Buch in EOTOs Bibliothek, deren Sammlung inzwischen auf mehr als achttausend Bücher und Dokumente angewachsen ist – Stiftungen derselben Schwarzen Frauen, die mir Jahre zuvor empfohlen hatten, diese Bücher zu lesen. 

Vergangenheit zu gestalten, heißt auch, Wissen bereitzuhalten, damit man es in die Gegenwart hinüberholen kann, es für die Zukunft verfügbar zu machen. Aus den Wohnzimmern, in denen das Wissen von Menschen afrikanischer Herkunft in zwei, in drei Reihen hintereinander auf Bücherregalen gesammelt stand, ist ein Raum geworden, eine Bibliothek, die der Zeit Kraft verleiht, indem sie die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet.
 
Die Arbeit von Each One Teach One (EOTO) e.V. geht weit über das Bereitstellen von Wissen in Büchern und Dokumenten hinaus. EOTO schafft Räume, in denen Schwarze Menschen zusammenkommen und sich austauschen, in denen junge Menschen afrikanischer Herkunft ihre Geschichte neu erfahren und sich diese Geschichte auf ihre eigene Weise erschließen können. Das heißt auch Safe-Spaces zu kreieren, in denen Selbstbestimmung möglich wird, es heißt, sich selbst und die eigene Position innerhalb gesellschaftlicher Machtstrukturen kennenzulernen, die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu definieren, gemeinsam Strategien zur Veränderung zu entwickeln. Turn your attention to knowledge and improvement!
 
EOTO ist seit der Gründung im Jahr 2012 schnell zu einer professionellen Organisation geworden, die Bildung im Sinne Schwarzer Menschen gestaltet, Literatur und afrodiasporische Denktraditionen vermittelt, Diskriminierungen dokumentiert, analysiert, bekämpft und Informationen über die Lebenssituation Schwarzer Menschen sammelt.

Wissen, das seine Kreise zieht

Vergangenheit zu gestalten bedeutet auch, sich ihr immer wieder neu zu stellen, sie aufgrund der Erfordernisse der Gegenwart und im Hinblick auf eine gemeinsame Vision von Zukunft zu prüfen und zu verändern, wenn es notwendig ist.
 
Noch einmal 20 Jahre zurückgehen und sich dann wieder in die unmittelbare Gegenwart bewegen: Die Gleichbehandlungsrichtlinien der Europäischen Union aus dem Jahr 2000 und dessen Umsetzung durch die Bundesrepublik Deutschland ab 2006, Die Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban 2001 und deren Folgekonferenz in Genf, acht Jahre später. Der Nationale Aktionsplan gegen Rassismus der Bundesregierung von 2017 und die laufende UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft (2015 – 2024) haben unsere Vision von einer gemeinsamen Zukunft in erheblichem Maße geprägt.
Each One Teach One (EOTO)
Veranstaltung im Zentrum Each One Teach One (EOTO) | © Each One Teach One (EOTO)
Da ist das Bild von den Wellen, die sich um einen Stein ausbreiten der ins Wasser taucht, Ideen, auch Ideologien, die ihr Wissen verbreiten. Da ist die Bibliothek, die der Zeit Macht verleiht, EOTOs Räume mitten im Afrikanischen Viertel Berlins. Das Afrikanische Viertel: In den 1930er Jahren ein Ort, an dem die Nationalsozialisten die koloniale Herrschaft Deutschlands (und damit die Ideologie der Vorherrschaft Weißer Menschen) wiederaufleben lassen wollten. Ein Ort, an dem koloniale Vorstellungswelten aus den verbliebenen Straßennamen sprechen. So lange, bis Aktivist*innen auf die Bedeutung der Straßennamen, die Geschichte hinweisen und Bewusstsein schaffen, erreichen, dass die Straßen umbenannt werden. Was kommt danach?  Straßennamen, die die Präsenz Schwarzer Geschichte in Berlin, in Deutschland markieren, die koloniale Geschichte aus der Sicht Schwarzer Menschen transportieren. Was bleibt? Das Wissen, das die Veränderung bewirkt hat, an einem Ort, der Wissen über die Vergangenheit und deren bewusste Veränderung manifestiert - und EOTO als Raum, mitten in diesem Ort, im Afrikanischen Viertel, in dem Schwarze, afrikanische und afrodiasporische Menschen Wissen erfahren, Wissen produzieren, gemeinsam Strategien entwickeln und umsetzen. Ein Ort, der die Menschen und die Zeit empowert. Manchmal bedeutet Vergangenheit zu gestalten nichts weiter, als das die Gegenwart das Vergangene korrigiert, ein weiterer Stein, der ins Wasser eintaucht und um den sich die Wellen ausbreiten, Wissen, das seine Kreise zieht.
“Du interessierst dich für Bücher!?”
“Ja!”

Gestaltung der Zukunft

Das könnte unsere Zukunft sein: Ich betrete einen Raum, der zuerst ein virtueller Raum ist, bevor er dann zu Orten wird, die dem an dem ich Vera Heyer, damals in den 1990er Jahren zum ersten Mal traf, ähneln. Ich bin unterwegs. Ich sitze in einem Flugzeug, das auf dem Weg ist nach Toronto. Ich krame mein Smartphone aus der Hosentasche und öffne eine App, sie könnte Ife heißen, Yoruba für Liebe oder Sankofa, ein Wort, das auf Twi die Vergangenheit als Ausgangspunkt für eine erfolgreiche Zukunft beschreibt oder ADIAGA, die African Diasporic Guidance App. Eine App, mit der ich alles finde, was das Leben von Menschen afrikanischer Herkunft an einem bestimmten Ort ausmacht: die historischen Gedenkstätten mit den dazugehörigen Beschreibungen, ein Audio-Podcast, ich kann mir alles in Ruhe anhören.

Die App informiert über die afrikanischen Läden, die Barbershops, die Organisationen, die Räume, in denen sich Schwarze Menschen versammeln.  Sie verweist auf die Bibliotheken, in denen ich die Geschichte Schwarzer Menschen recherchieren kann, auf die Archive, wo die privaten Sammlungen gelagert sind. Es gibt einen Kalender mit Veranstaltungen, Informationen über Anwälte, Übernachtungsmöglichkeiten. Sie verbindet mit einer Notfallhotline, die speziell für Schwarze Menschen eingerichtet ist. Ich weiß, wenn ich nach Brasilien, nach Guayana, in die USA, nach Frankreich, England, Schweden, Nigeria, Südafrika, Ghana, Äthiopien, Senegal, reise, ziehe ich mein Smartphone aus der Hosentasche, informiere mich und bin nach einer Stunde mitten drin in der Gegenwart von Menschen afrikanischer Herkunft, afrikanischen Menschen, der afrikanischen Diaspora und erlebe, wie sie ihre Zukunft mit Blick auf die Vergangenheit, in der Gegenwart täglich gestalten.
 
© EOTO
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