Eloain Lovis Hübner
Vom Sprengen musikalischer Grenzen

Eloain Lovis Hübner komponiert, konzipiert und kuratiert zeitgenössische ´Musik.
Eloain Lovis Hübner komponiert, konzipiert und kuratiert zeitgenössische ´Musik. | Foto (Detail): © Brigitte Fink

Eloain Lovis Hübner gehört zu den prägenden Stimmen der zeitgenössischen Musik. Hübner schreibt Konzertmusik, entwickelt Vokalwerke, elektronische Stücke und zeitgenössisches Musiktheater. Erfolg misst sie jedoch nicht an Prestige, sondern an Resonanz. Ein Porträt.

Von Romy König

Was macht gutes Musiktheater aus? Da könnte einem vieles einfallen: Es könnte „von überall her“ tönen, singen, scheppern, es könnten sich Diskursräume öffnen, barrierefrei alle Menschen eingebunden werden – Musikprofis wie Laien, Jugendliche wie Senior*innen. Doch Eloain Lovis Hübner langweilt ein solch utopischer Entwurf. Auch wenn sie diese Vorstellung in einem Essay für die Anthologie Schnee von morgen von 2024 genussvoll ausmalt – am Ende würde es dem Wert des Musiktheaters „nicht gerecht“, schreibt sie.

Sie muss es wissen: Seit mehr als einem Jahrzehnt komponiert, konzipiert und kuratiert Hübner auf dem Feld der Neuen Musik. Die Künstler*in – die sich als non-binäre Person versteht und sich mit den Personalpronomen „they“ oder „sie“ wohl fühlt – entwickelt immersive Formate, unterrichtet an Hochschulen und engagiert sich kulturpolitisch. Ob Komposition, Performance- und Musiktheater, Kuration oder Lehre – Hübner arbeitet transdisziplinär, zwischen Raum- und Klangkonzepten, Vokalmusik und kollaborativen Formaten.

Ein künstlerischer Mensch, der aus „seiner Generation heraussticht“, urteilte die Jury des Deutschen Musikautor*innenpreises, als sie Hübner 2022 in der Kategorie Nachwuchs auszeichnete. Gekonnt kombiniere Hübner instrumentale, vokale und elektronische Klangräume und verknüpfe Texte, Theater sowie analoge und digitale Bildwelten zu einem breiten Œuvre. Auch der Bremer Komponistenpreis, der Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart und Aufenthaltsstipendien wie in der Villa Aurora Los Angeles oder in der Cité Internationale des Arts Paris belegen, wie weit das Schaffen der Künstler*in ausstrahlt.

Noten lernte sie zeitgleich mit Buchstaben

1993 in Bremerhaven geboren, entwickelt Hübner früh Interesse an der Musik: Schon als Fünfjährige spielt sie zunächst Trompete, bald auch Klavier und Orgel, lernt Noten. Und da sich das Lesen von Noten für sie kaum anders anfühlt als das Lesen und Schreiben von Buchstaben, erscheint es ihr ganz natürlich, selber Noten zu notieren. So sei sie zum Komponieren gekommen, erzählt sie der Sopranistin Irene Kurka in deren Podcast Neue Musik leben. Dass das Notensystem auch einschränken kann, bemerkt Hübner erst später – macht sich dann aber schnell auf, diese Begrenzungen kreativ zu sprengen.

Im Alter von 14 Jahren beginnt sie ein Frühstudium der Kompositionslehre an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und nimmt an Wettbewerben wie „Jugend komponiert“ teil. Den Bachelor absolviert sie im Fach Komposition an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Doch das reicht ihr nicht. Ihr fehlten der „Weitblick“ und die Zusammenarbeit mit anderen Künsten, der Diskurs. „Drei Leute kommen einfach auf mehr Ideen als eine einzelne Person“, so ihre Überzeugung, da diese sich „produktiv kritisieren“ könnten. Deshalb belegt sie außerdem ein theaterwissenschaftliches Studium in Gießen, an der Universität, an der sie später auch lehren wird. Später folgt die Meisterklasse für Komposition in Dresden, mit einem Auslandssemester in Oslo.

Funktioniert die Komposition? Selbstversuch mit eigener Stimme

Ihre Werke entstehen aus der Verbindung von präziser Partiturarbeit und experimentellen, improvisatorischen Prozessen. Hübner baut und präpariert Instrumente, bringt Objekte zum Klingen. Auch die menschliche Stimme fasziniert sie – „das individuellste Klangliche, das wir haben“, sagt sie im Podcast. Hübner arbeitet mit Jugendchören ebenso wie mit Shantysängern. Um zu prüfen, ob ihre Komposition wirklich für die Stimme funktioniert, singt sie sich die Musik selbst vor. Auch Kooperationen mit Vokalist*innen wie Frauke Aulbert, Julia Mihály oder Michael Taylor prägen ihr Schaffen.

Hübners Stücke werden von zahlreichen renommierten Ensembles aufgeführt. Dazu gehören das Ensemble Modern, das Decoder Ensemble, das Klangforum Wien, das Schallfeld Ensemble sowie das Arditti Quartet. Aufnahmen erschienen bei WERGO („BIG DATA“) und NEOS („Encounter“), ein Porträtalbum außerdem in der Edition Zeitgenössische Musik. Aktuell – und noch bis März 2026 – ist Hübner Villa-Concordia-Stipendiat*in in Bamberg.

Wichtige Impulse erhält sie aus der kollektiven Arbeit: Mit The Navidson Records oder der Performancegruppe the paranormal ϕeer group entwickelt sie Projekte zwischen Klanginstallation, Dauerperformance und Theorieoper. In diesen Zusammenhängen entstehen Werke, die konsequent die Grenzen von Musiktheater, Installation und partizipativer Praxis überschreiten.

Vor Schüler*innen oder vor Festivalbesucher*innen – Hauptsache Resonanz

Neben der künstlerischen Arbeit bezieht Hübner Position und setzt sich für die freie Szene ein. Seit 2024 ist sie Vorstandsvorsitzende der Initiative Neue Musik Berlin und engagiert sich im Sprecher*innenkreis des Netzwerks Freies Musiktheater und in Fördergremien. Ihr Ziel: mehr Sichtbarkeit, gerechtere Förderstrukturen, ein Klima, in dem künstlerische Prozesse sich entfalten können. „Authentisch bleiben zu können, ist ein Luxus“, sagt sie im Podcast. Mehrere Standbeine verhelfen ihr zu einer gewissen Sicherheit und damit auch Freiheit.

Ihr Rezept, sich bei all den Aufgaben, den Anfragen, den eigenen Ideen nicht zu verzetteln? Strukturiert arbeiten, sagt sie, nichts aufschieben, Dinge schnell angehen und umsetzen. Prestigeträchtige Veranstaltungen anzunehmen, treibt sie hingegen eher wenig an. Stattdessen: „Zu merken, man resoniert mit dem, was man macht“ – das mache für sie Erfolg aus, gleich ob vor einem Festivalpublikum in Donaueschingen oder vor einer Schulklasse. „Das kann beides gleichermaßen schön und wertvoll sein.“

Und das Musiktheater? Wie gelingt es nun, es gut auszurichten? Hübner, die schon mit 19 Jahren ihre erste Kammeroper geschrieben hat, ermuntert in ihrem Essay: „Die Mischung macht’s!“ Sie zählt 28 Attribute auf – von „bunt“ über „lehrreich“, von „rauschhaft“ über „nachhaltig“ bis hin zu „kollektiv“, „verantwortungsbewusst“ und „gut finanziert“. Jede Produktion, so fordert sie, sollte mindestens fünf dieser 28 Attribute erfüllen. Und wem es schwerfalle, sich ein solches Musiktheater vorzustellen, dem ruft sie in ihrem Abschlusssatz beherzt zu: „Wir, eine engagierte freie Szene voller Ideen, stehen schon bereit!“ Die Zusicherung ist besser ernst zu nehmen. Denn Aufschieben – war noch nie Hübners Ding.
 

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