Michael Buthe
„Mein inneres Marrakesch“
Arabischer Prinz, Zauberer, Zeremonienmeister und Reisender zwischen den Welten: Michael Buthe (1944–1994) gehört zu den schillerndsten Figuren der deutschen Kunstszene. Als Teilnehmer an Harald Szeemanns legendärer Ausstellung „When Attitudes Become Form“ in der Kunsthalle Bern (1969) und den Individuellen Mythologien der Dokumenta 5 (1972) gehört er zu einer Künstlergeneration, die sich im Zuge der Erweiterung des Kunstbegriffs mythischen Welten und anderen Kulturen zuwandten. Das Münchener Haus der Kunst widmet Michael Buthe eine Retrospektive mit Werken von 1960 bis 1994.
„Es begab sich vor einigen Jahrhunderten eine gar wunderbare Begegnung in Samarkand, welches von einem weisen König beherrscht wurde, der die Künste großzügig und wohlwollend an seine Hof förderte…“, schreibt Buthe in seiner Hommage an einen Prinzen aus Samarkand 1977. Diese Märchenwelt korrespondiert mit der gleichnamigen Rauminstallation, die man wie eine Schatzkammer aus Tausendundeiner Nach betritt: ein duftendes rötlich schimmerndes Interieur aus schweren Stoffen, Feder- und Glitzerobjekten und einer wie zufällig hier abgestellten goldenen Sonnenscheibe. In diesem 1977 im Kunstmuseum Düsseldorf inszenierten Innenraum konnte man verweilen, versinken oder tastend, riechend, fühlend weiterspielen, umhüllt von einer einladenden sinnlichen Welt, befreit von Sachzwängen, rentablen Überlegungen und anderen Hirngespinsten westlichen Erwachsenseins.
Wanderer zwischen den Welten
Michael Buthes Werk kreiert eine vitale narrative Atmosphäre, in der Farben, Zeichen und Fundstücke aus den Alltagswelten eigener und fremder Kulturen zu mythischen Sinnbildern und Spielwelten arrangiert werden. Farben, Zeichen und Formen entführen in die Welt des „Michel de la Sainte Beauté“, wie sich der zuweilen exzentrisch im Federputz auftretende Buthe selbst nannte. Ab den 1970er Jahren lebte dieser zwischen Köln und Marrakesch und wurde ebenso wie sein Zeitgenosse Joseph Beuys als Wanderer zwischen den Welten verstanden. Auch in der Münchner Ausstellung im Haus der Kunst fordern Stoffbilder, Zeichnungen, Assemblagen und Rauminstallationen dazu auf, sich auf die Reise zu begeben, einen inneren Orient aufzutun – an dem sich der Sehnsuchtsraum des Künstlers als Spielfläche anbietet.In der Installation Taufkapelle mit Mama und Papa, die Buthe 1984 für seine Ausstellung Inch Allah im Stedelijk Museum in Gent kreierte, bildet ein mit Wachs überzogener großer Quader das Zentrum. Auf seiner Oberfläche liegt – wie in einem Taufbecken – flüssige goldene Farbe auf. Drum herum wurde ein offener, mit expressiv-farbig bemalten Paravents, Pappen und Alltagsgegenständen abgetrennter Raum gezogen. Ritualraum, religiöses Feld aber auch improvisierte Spielfläche, auf der die Objekte als Überreste einer Handlung zurückgeblieben sind. In jedem Fall umgibt die Installation die Aura des Prozesshaften, Improvisierten, die dem Betrachter Freiheit lässt. Viele der Arbeiten Buthes sind prozesshaft gedacht, sind Relikte seiner Installationen und Rituale oder wurden über Jahre hinweg weiterentwickelt. Zum Beispiel die Arbeit Boulli Africaa: ein aus verschiedensten Objekten des Afrikanischen Kontinents sich zusammensetzendes Arrangement, dessen Ausgangsbasis ein paar Schuhe waren, die Buthe von einem Freund aus dem Senegal geschenkt bekam.