Produktionsbedingungen von Mode Todschick

Ruinen des Rana Plaza Gebäudes, Bangladesch 2013
Ruinen des Rana Plaza Gebäudes, Bangladesch 2013 | Foto und © Gisela Burckhardt

Bei dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch am 24. April 2013 starben 1.130 Menschen, mehr als 2.000 wurden schwer verletzt. Der Unfall löste eine breite Diskussion über die Billigproduktion von Textilien in Asien aus. Goethe.de sprach mit der Autorin Gisela Burckhardt über Ursachen und Wirkung des Unglücks.

Frau Burckhardt, in Ihrem Buch „Todschick“ schildern Sie die menschenverachtenden Produktionsbedingungen des Rana Plaza und anderer Textilfabriken in Bangladesch. Nach Ihren Recherchen vor Ort kommen Sie zu dem Ergebnis, dass nicht nur Discounter wie H&M und C&A hier billigst produzieren ließen, sondern auch Edelmarken wie Hugo Boss und Tommy Hilfiger. Ein hoher Preis ist also keine Garantie für faire Produktionsbedingungen? 

Viele denken, wenn ich bei Hugo Boss einkaufe, dann kaufe ich damit auch gute Arbeitsbedingungen ein. Teure Kleidung ist aber nicht per se fair hergestellt. Hugo Boss lässt teilweise in den gleichen Fabriken produzieren, wie H&M oder C&A. Design und Stoff haben vielleicht eine bessere Qualität aber die Arbeitsbedingungen der Näherinnen sind die gleichen.

Wie kann man das ändern?

Der erste Schritt wäre, dass die Unternehmen ihre Lieferkette kennen und sich um die Arbeitsbedingungen kümmern. Dazu ist jedes Unternehmen nach den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte international verpflichtet. Und der zweite Schritt wäre, dass man den Lieferanten unterstützen sollte, indem man ihm faire Arbeitsbedingungen ermöglicht, was vor allem heißt, einen fairen Preis zu zahlen.

Näherinnen in einer Textilfabrik von Dhaka 2013 Näherinnen in einer Textilfabrik von Dhaka 2013 | Foto und © Gisela Burckhardt

Die Textilindustrie beruft sich ja auf Zertifikate – unter anderem vom TÜV – die Sicherheit und soziale Standards garantieren sollen. Können diese die Beschäftigten schützen?

Nein. Die Zertifikate vom TÜV oder von der Organisation Social Accountability International (SAI) sind zwar hochwertig, werden aber in den Produktionsorten gekauft oder der Kontrolleur wird hinters Licht geführt. Es findet eine Prüfung nach der anderen statt, ohne dass sich dadurch in den letzten 20 Jahren die Arbeitsbedingungen verbessert hätten. Nur die Auditgesellschaften verdienen daran, das ist ein Milliardengeschäft. In Bangladesch und Pakistan gibt es Fabriken, die im Hinblick auf die Einhaltung von Sozialstandards geprüft worden waren und die ein paar Monate später abbrannten oder einstürzten! Erst im Nachhinein stellte man fest, dass es keine Fluchtwege gab.

Aber diese Audits kontrollieren nur die Einhaltung der Sozialstandards, nicht die Statik der Gebäude…

Ja, aber sie müssen prüfen, ob das Gebäude über korrekte Papiere der staatlichen Aufsichtsbehörde verfügt. Beim Rana Plaza zum Beispiel, wurden einige Etagen ohne Genehmigung aufgestockt. Das hätte das Audit feststellen müssen.

Eigentlich sind die Unternehmen den OECD-Leitsätzen unterworfen, einem Verhaltenskodex für weltweit verantwortliches Handeln. Diese haben sich unter anderem nachhaltige Entwicklung und das Vorsorgeprinzip auf ihre Fahnen geschrieben haben. Warum greifen die OECD-Leitsätze nicht?

Weder die OECD-Leitsätze, noch die UN-Leitprinzipien sind rechtlich einklagbar. Es handelt sich um freiwillige Maßnahmen und daran können sich Unternehmen halten oder eben nicht. Deshalb verlangen wir eine gesetzliche Regelung, weil nur so ein Unternehmen auch in Haftung genommen werden kann.

Demonstration für einen sicheren Arbeitsplatz, 2013 Demonstration für einen sicheren Arbeitsplatz, 2013 | Foto und © Gisela Burckhardt

Muss also der Verbraucher recherchieren, woher sein T-Shirt kommt und unter welchen Bedingungen es hergestellt wurde? 

Bisher ist das so. Zusammen mit dem Bundesentwicklungsminister Gerd Müller verhandeln wir gerade mit der Wirtschaft über das neue Textilbündnis. Die Industrie kommt inzwischen auf uns zu und will dem „Bündnis für nachhaltige Textilien“ beitreten, aber auch das funktioniert nur auf freiwilliger Basis. Deshalb wünschen wir uns eine gesetzliche Regelung für alle Unternehmen.

Gibt es denn kein einheitliches und vertrauenswürdiges Nachhaltigkeitssiegel?

Nein, das wird es wohl auch künftig nicht geben. Wir unterscheiden zwischen einem Produktsiegel und einem Unternehmenssiegel: Während das Produktsiegel nur das einzelne Produkt prüft und einem Unternehmen meist einen grünen Anstrich verleihen soll, bekennt sich beim Unternehmenssiegel der gesamte Betrieb zu fairem Handel und zu fairer Einkaufspolitik. Wir unterstützen daher ein Unternehmenssiegel, ähnlich der Fair Wear Foundation.

In der Textilproduktion scheint es insgesamt an Transparenz zu mangeln.

Ja, diese Auditberichte werden nicht veröffentlicht. Die gehen an den Auftraggeber, in der Regel ist das die Fabrik. Denn nur eine Fabrik mit Audit erhält auch Aufträge. Arbeiterinnen oder die Gewerkschaften bekommen diese Ergebnisse nicht zu sehen.

Wie hat die deutsche Modewelt nach dem Unglück in Bangladesch auf diese Zustände reagiert?

Rund 200 Unternehmen sind dem Accord-Gebäude- und Brandschutzabkommen in Bangladesch beigetreten. Zu den Unterzeichnern gehören 55 deutsche Unternehmen, aber Hugo Boss beispielsweise ist nicht dabei. Die Teilnehmer an dem Abkommen haben sich verpflichtet, ihre Zulieferer dem Accord-Gremium offenzulegen. Das untersucht nun erstmalig die Produktionsstätten vor Ort auf Statik, Elektrizität und Feuerschutz. Da hat es einen großen Schub in Richtung Verbesserung der Produktionsbedingungen gegeben. Auch die Öffentlichkeit ist aufgewacht. Die Presse berichtet und das Thema ist viel stärker im allgemeinen Bewusstsein als noch vor dem Einsturz der Fabrik. 

Die Entschädigungszahlungen kommen unterdessen sehr schwer voran …

Ja, das ist ein regelrechter Skandal: In dem von der ILO geführten Fond sind 8,5 Millionen US-Dollar Entschädigungszahlungen offen. Ohne diese Zahlungen können die betroffenen Familien ihr Leben aber kaum wieder in normale Bahnen zurückführen. Mindestens 14 Unternehmen haben noch nichts oder zu wenig eingezahlt, um die Opfer angemessen zu entschädigen.
 
Gisela Burckhardt ist entwicklungspolitische Expertin und Vorstandsvorsitzende von Femnet (Feministische Perspektiven auf Wirtschaft, Politik & Gesellschaft). Seit fast 15 Jahren setzt sie sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie im Rahmen der CCC (Clean Clothes Campaign) ein.

Gisela Burckhardt: Todschick. Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert. Heyne Verlag München, 2014 ISBN: 978-3-453-60322-6