Wissenschaft in Ägypten Forschung und Tameya

Taameya in wissenschaflicher Arbeit
©Goethe-Institut Kairo

Tameya ist eine der berühmtesten Speisen der ägyptischen Küche. Da sie bei der Vorbereitung in Öl gebraten wird, wird sie danach auf Papier zum Abkühlen gelegt. Einfache Straßenverkäufer nutzen dafür Altpapier, das per Kilo gekauft wird. Dem Tameyaverkäufer ist es egal, was auf dem Papier steht, solange es das extra Öl gut aufsaugt. Es können Zeitungspapier, Schulbücher oder Doktorarbeiten sein… Ein Beispiel, wie der einfache Ägypter von den Forschungsarbeiten seines Landes profitiert.

Ausschließlich quantitative Entwicklung reicht nicht

Zurzeit besitzt Ägypten 18 staatliche, 22 private Universitäten und 77 Forschungsinstitutionen. Die Anzahl ist deutlich seit dem letzten Jahrhundert gestiegen, die Nummer von Universitätsablsolvent(inn)en folglich auch – ein positiver Schritt der Entwicklung im Bereich höherer Bildung. Allerdings haben die Regierungen nur quantitativ und nicht qualitativ gedacht.

Höhere Bildung in Ägypten leidet vor allem unter mangelhafter Qualität. Einer der Gründe dahinter ist das Verhältnis zwischen der Studentenanzahl und der promovierter Lehrerschaft. Eine Studie, die unter der Leitung der UNESCO 2006 veröffentlicht wurde, berichtete, dass das Verhältnis Schüler zu Lehrer von 20 : 1 (1993) auf 37 : 1 (2003) stieg.
 

Instabile Wirtschaft - der Teufelskreis Ägyptens

Ein weiterer Grund sind die unzureichenden Forschungsausgaben. 2010 hat die UNESCO ihren „Wissenschaftsbericht“ veröffentlicht, eine weltweite Studie, die den internationalen Zustand der Wissenschaft, Technologie und Forschung überprüft. Ägypten galt mit 1.3 % Forschungsausgaben im Verhältnis zu ihrem Bruttoinlandsprodukt als durchschnittlich unter OECD Ländern (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), was allerdings unzureichend für die Entwicklung der Forschung im Land ist. Es hängt damit zusammen, dass private Investitionen in private und keine staatlichen Universitäten gelangen. Tatsächlich sind daher viele arabische und ägyptische Universitäten nicht als Forschungsuniversitäten ausgestattet.
 

Dienen Forschungsarbeiten tatsächlich der Forschung?

 
In Ägypten gehört die Mehrheit der Akademiker der Mittelschicht an, insbesondere am Anfang ihrer akademischen Laufbahn. Sie müssen daher gegen eine Absenkung des ökonomischen Niveaus kämpfen. Hier bieten sich Promotionen als eine Lösung. Wie überall auf der Welt gilt: je höher die akademische Stufe, desto höher das Einkommen. Und falls es dazu kommen soll, dass die Lage im Land zu unstabil wird, dann ist es nicht so schwierig für einen Träger eines akademischen Titels eine Berufsmöglichkeit mit einem respektablen Gehalt im Ausland zu finden. In vielen Fällen, insbesondere während einer kritischen Wirtschaftslage wie die Jetzige, geht es bei einer Forschungsarbeit nicht wirklich um Forschung, sondern um Geld! Vorwürfe kann man jedoch niemanden machen, wenn man das Einkommen von Akademikern in Ägypten mit dem Einkommen von Akademikern in einem entwickelten Land wie Deutschland oder den USA vergleicht.
 

Die „Mafia der Forschungsarbeiten”

 
Im März 2017 hat die ägyptische “Dostor“ Zeitung einen schockierenden Beitrag veröffentlicht: Ein paar Reporter haben inkongnito mehrfache Büchereien rund um vier staatliche Universitäten Ägyptens (Kairo, Ain Shams, Al Azhar und Al Menofeia) besucht. Bei jedem Buchhändler fragten sie nach fertigen Forschungsarbeiten zum Kauf! Vor den besuchten Geschäften stand immer „Hier werden Forschungsarbeiten gedruckt“, aber Leute in der Gegend wissen, dass es sich hierbei um mehr als „Drucken“ handelt. Die Reporter der Dostorzeitung fanden heraus, dass ein Ägypter 8.000 bis 20.000 EGP bezahlen kann, um eine fertig geschriebene Master- bzw. Doktorarbeit seine eigene nennen zu können. Man muss nachher noch die Master- bzw Promotionsprüfung der jeweiligen Universität erfolgreich bestehen und dann hat man den akademischen Titel in der Tasche. Die Buchhändler erzählten den Reportern, dass sie mehrere Quellen für die Forschungsarbeiten haben: entweder gehören sie gestorbene Menschen aus weit entfernten Universitäten oder sie werden von Professoren, deren Identität aus Angst vor Bestrafung verborgen bleiben müssen, geschrieben und verkauft.

Mit ihren auf Beweisen beruhenden Informationen gingen die Dostorreporter zum Ministerium für höhere Bildung und Forschung. Da lautete die Antwort, dass es „kein Artikel in der ägyptischen Konstitution gibt, das solches Unternehmen illegal macht. Allein laut der Universitätsordnung gilt es als ein Verbrechen, der mit Entlassung aus der Universität bestraft wird.[..] Bis jetzt wurden jedoch keine Professoren erwischt.“
 

Was passiert mit den Forschungsarbeiten?

Schon wieder die Geldfrage! Kein Wunder, dass die berühmtesten Wissenschaftler Ägyptens ihren Erfolg im Ausland erreicht haben. Dr. Ahmed Zoweil, Dr. Magdi Yakoub, Dr. Farouk elBaz, ihnen war bewusst, dass ihre Forschungen die passende Investition und Aufmerksamkeit nur in ausländischen, entwickelten Staaten bekommen werden. Ägypten ist nicht arm an Ressourcen, sondern arm an strategischer Planung.

Das Gebiet, in dem am meisten investiert werden muss ist die Forschung – die Nutzung von Tausenden Forschungsarbeiten, die jährlich für die praktische Forschung produziert werden. Stattdessen werden sie in den Universitätsbibliotheken gestapelt, bis sie zu alt sind und weggeschmissen werden. Dann gelangen sie in den Händen eines Buchhändlers, der sie an Absolvent(inn)en ohne jegliche Moral verkauft. Oder er verkauft sie einem Tameyaverkäufer als Altpapier, das Koch Öl gut saugen kann.