„100.000 Mimen für den Wandel“ Neue Räume für Kreativität

„100.000 Mimen für den Wandel“
Foto: © Hassan Emad

Im „Gusour Cultural Center“ in Zamalek, im Zentrum Kairos, herrscht ein reges Treiben: Dutzende Künstler und Volontäre sind mit den Vorbereitungen eines Workshops und einer Kunstperformance für die Initiative „100.000 Mimen für den Wandel“ beschäftigt, die zum sechsten Mal in Ägypten stattfindet.
 

„Alle Vorführungen entspringen der darstellenden Kunst der Pantomime, die allein auf Körpersprache basiert. Es ist eine Art des stummen Schauspiels, das aus Gesten und Signalen besteht, die von Groß und Klein verstanden werden. In der Pantomime wird der Körper zu einem ausdrucksstarken Gemälde“, erklärt Ahmad Boraei, Koordinator der Initiative.

„100.000 Mimen für den Wandel“ Foto: © Hassan Emad „100.000 Mimen für den Wandel“ ist Teil einer globalen Initiative, die unter dem Titel „100.000 Poeten für den Wandel“ am 24. September 2011 von einer Gruppe Künstler und Poeten in den USA gegründet wurde. 2012 erging die Einladung an Pantomime-Künstler und Musiker sich der Initiative anzuschließen und sie überall in der Welt bekannt zu machen um gemeinsam für Frieden einzutreten.

Sich mit dem Körper ausdrücken

Um 11 Uhr morgens beginnt der erste Pantomime-Workshop mit Mädchen unterschiedlicher Altersgruppen. Die Workshopleiterin, Safaa Mohammadi, erklärt, dass der Workshop ausschließlich für Mädchen ist, um den Teilnehmerinnen einen privaten, sicheren und freien Raum zu bieten. 


„100.000 Mimen für den Wandel“ Foto: © Hassan Emad „Mit dem Workshop möchten wir unsere Körper neu entdecken und sie von den Hemmungen befreien, die sie festhalten. Außerdem wir möchten unsere vielschichtige Sinneswahrnehmung neu kennenlernen“, so Safaa. Sie erklärt weiter, dass es, um sich mit seinem Körper auszudrücken, neben schauspielerischem Können viel Mut und Selbstbewusstsein erfordert. Deshalb stehen diese Punkt während des Workshops verstärkt im Mittelpunkt. 

Dialog der Kulturen

Der zweite Workshop ist speziell für Kinder konzipiert und sticht durch die Internationalität seiner Teilnehmer heraus: sie kommen aus dem Sudan, Eritrea und Ägypten. Dadurch bietet er Raum für Offenheit gegenüber anderen Kulturen und verschiedenen Expressionsformen.

Ein Workshop speziell für Kinder Foto: © Hassan Emad "Ich habe die Initiative über das Internet kennengelernt und während des Workshops verschiedene Fähigkeiten im Körperausdruck gelernt", sagte Salma Shaker, eine Vorbereitende Schülerin der zweiten Klasse und eine der Teilnehmerinnen des Workshops. Salma ermutigte ihren jüngeren Bruder auch zur Teilnahme am Workshop.

„100.000 Mimen für den Wandel“ - Salma Foto: © Hassan Emad Salma träumt davon, eine professionelle Schauspielerin zu werden, weshalb sie gerne an noch mehr Pantomie- und Theaterworkshops teilnehmen möchte. Derweil träumt Ester, Schülerin der dritten Stufe, davon, in ihre Heimat, den Süd-Sudan, zurückzukehren wenn der Krieg dort endet. 

Ester lebt seit zwei Jahren in Ägypten. Sie spricht fließend Arabisch und ist in der Theater-AG ihrer Schule aktiv. Sie erklärt: „Pantomime macht mehr Spaß als die Theater-AG in der Schule. Mit Pantomime kann ein Künstler ganz allein und mit einfachen Mitteln, ein Theaterstück aufführen.“


Ein Workshop speziell für Kinder Ein Workshop speziell für Kinder | Foto: © Hassan Emad „Kinder sind talentierter im Ausdruck als Erwachsene. Eine Übung, für die wir eine Stunde brauchen meistern sie in fünf Minuten“, so Ahmad Boraei. Er weist darauf hin, dass der Workshop den Kindern die Kunst der Pantomime näherbringen soll. Er ermutigt sie zu Hause und in der Schule weiter zu üben und Pantomime als Mittel des Ausdrucks, des Vergnügens aber auch als Katalysator für Kreativität und Fantasie zu betrachten.

Fürs Leben lernen

„100.000 Mimen für den Wandel“ möchte sein Publikum über neue Kanäle erreichen und tritt in Straßen, auf öffentlichen Plätzen und in Schulen auf. Dieses Jahr arbeitet die Initiative unter dem Motto „Heraus aus der Box“ und präsentiert vier Performances: „Hayat“ (Leben) von Amro Ali und Engi Samir, „Maad Rarami“ (Date) von Moataz Salim, „Ya Ana Ya Enty“ (Oh ich, oh Du) von Kirolos Wageh, „Taht Al-Saytara“ (Unter Kontrolle) von Abd Al-Rahman Sameh und „MacKenzie“ von Hossam Khaled.

Stück „Ya Ana Ya Enty“ Stück „Ya Ana Ya Enty“ | Foto: © Hassan Emad Kirolos Wageh ist ein junger Pantomimekünstler aus Assiut, 375km südlich von Kairo. Nach siebenstündiger Zugfahrt erreicht er die Hauptstadt um sein Stück „Ya Ana Ya Enty“ aufzuführen. Es handelt von dem Kampf einer Person mit einer Fliege, die ihm das Leben zur Hölle macht. „Das Stück sendet keine direkte Aufforderung aus über unser Leben oder unsere Beziehungen zu den Dingen nachzudenken. Basieren diese Beziehungen auf Konflikten oder auf gegenseitigem Verständnis und Koexistenz?“ fragt Kirolos. 

Hossam Khaled - „MacKenzie“. Hossam Khaled - „MacKenzie“. | Foto: © Hassan Emad Hossam Khaled, Schüler an der Gewerbeoberschule in Kairo, präsentiert sein Stück „MacKenzie“. Der Name kommt aus dem Schottischen und bedeutet sinngemäß „Sohn schöner Menschen“. Das Stück handelt von Migration, Identität, Individualität und Pluralität. Er erzählt: „Ich bin mit dem Stück schon auf mehreren Theaterfestivals aufgetreten, doch dies ist das erste Mal, dass ich es an einem öffentlichen Ort und inmitten des Publikums aufführe.“

Auf dem Platz vor dem „Gusour Cultural Center“ stehen Leute aller Altersgruppen Schlange um sich die Aufführungen von „100.000 Mimen für den Wandel“ anzuschauen. Amro Ali und Engi Samir präsentieren eine Koproduktion mit dem Titel „Hayat“. In einer Art romantischer Komödie erzählen sie die Entwicklung einer Liebesgeschichte zwischen einem Mann und einer Frau in ihren verschiedenen Lebensabschnitten. Mit Sketchen stellen sie die paradoxen Wendungen dar, die einer Liebesbeziehung notwendigerweise innewohnen.


Amro Ali und Engi Samir- Stück "Hayat" Amro Ali und Engi Samir- Stück "Hayat" | Foto: © Hassan Emad

Erfolge und Herausforderungen

Die ersten Auftritte von „100.000 Mimen für den Wandel“ fielen in die Zeit des Arabischen Frühlings 2011/12. „Es gab damals in der Region einen hohen Bedarf an Spezialisierung in der Kunst der Gestik“, erklärt Ahmad Boraei, Koordinator der Initiative. „Straßen und öffentliche Plätze konnten damals für unkonventionelle Kunstformen genutzt werden, wodurch künstlerische Performances zu einem Zustand gesellschaftlicher Mobilität beitrugen.“

Boraei erzählt weiter, dass 2013 Veranstaltungen in verschiedenen Gouvernoraten stattfanden und mit Unterstützung des Arabischen Fonds für Kunst und Kultur sechs neue Stücke produziert wurden. Im dritten Jahr, 2014, stand die Initiative unter dem Motto „Vom Herzen der Straße“. Die Performances konzentrierten sich auf öffentliche Plätze und Straßenzüge in den kulturell und künstlerisch benachteiligten Orten.

„100.000 Mimen für den Wandel“ Foto: © Hassan Emad Trotz des Erfolgs und des Bestands der Initiative über die Jahre hinweg waren die vergangenen zwei Jahre von zahlreichen Schwierigkeiten geprägt. So fehlt es an Unterstützern und es ist sehr schwierig, die Genehmigungen für Auftritte in der Öffentlichkeit zu erhalten. Safaa Mohammadi erklärt, dass die Anstrengungen der Pantomimekünstler und der Volontäre stets die treibende Kraft hinter der Organisation der sechsten Reihe von „100.000 Mimen für den Wandel“ waren.

Und sie fügt hinzu: „Ein Pantomimekünstler muss das „Gesamtpaket“ mitbringen: er braucht kontinuierliches Training in Schauspiel und Gestik, muss geschickt sein in Kostüm und Make-Up und zusätzlich schreibt er seine Stücke selbst und führt Regie. Dies sind viele Herausforderungen, die der Pantomiemekünstler meistern muss.“