Satu Herrala Ein Theaterfestival als Verbündeter indigener Völker

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Bild: Tani Simberg

Die Veranstaltungsreihe Vuosttaš álbmogat (Die ersten Völker) während des Festival Baltic Circle im November 2017, deren Hintergründe und der Realisierungsprozess.

Das Festival Baltic Circle fand vom 14. bis zum 19.11.2017 in Helsinki statt. Die Reihe Vuosttaš álbmogat, die sich mit den Rechten der indigenen Völker auseinandersetzte, wurde von der skoltsamischen Künstlerin und Aktivistin Pauliina Feodoroff kuratiert und beinhaltete das Auftragswerk Autonomian aika (Zeit der Autonomie) von Maryan Abdulkarim, Pauliina Feodoroff und S. Nousiainen, die Gemeinschaftsausstellung Maadtoe von Michiel Brouwer und Anders Sunna, ein zweitägiges Diskussionsprogramm Sijdsååbbar, das die herkömmliche Form einer skoltsamischen Dorfversammlung hatte, eine Filmvorführung und einen Clubabend. Produzentin von Vuosttaš álbmogat war Hanna Parry. Die Reihe wurde mit Unterstützung der Stiftung Koneen Säätiö realisiert.
 

Ausgesetzt in Australien

Im Frühjahr 2014 arbeitete ich im Rahmen des Austauschprogrammes des australischen Kunstzentrums Campbelltown und Zodiak – des finnischen Zentrums für neuen Tanz – drei Wochen in Sydney, gemeinsam mit fünf anderen ChoreografInnen. Das war mein erster Aufenthalt in Australien und das erste Mal, dass ich den dortigen Kulturen, Geschichten und Praktiken ausgesetzt war. Die Praktiken des Kunstzentrums ließen ein Bewusstsein für Kolonialismus und die indigenen Völker erkennen. Jeder öffentlichen Veranstaltung ging eine Zeremonie voran, bei der man das Recht des örtlichen Stamms auf das umgebende Land anerkannte und den Stammesältesten Respekt erwies. Zu wichtigeren Veranstaltungen wurden Stammesälteste eingeladen, die eine ”Welcome to Country” –Zeremonie durchführten.
Ich weiß nicht genau, welche Bedeutung diese symbolischen Gesten zur Förderung der Rechte der indigenen Völker haben, glaube aber an die performative Macht von Worten und Gesten, so lange man darüber hinaus Entscheidungen trifft, die die Gleichberechtigung fördern und sie in die Tat umsetzt.

Lyndsay Urquhart, eine Mitarbeiterin des Kunstzentrums Campbelltown, die selbst zum indigenen Yuin-Volk gehört, hat mir viele Fragen zu den Samen gestellt. Auf viele konnte ich keine Antwort geben oder habe mit Annahmen geantwortet, die sich später als total falsch herausstellten. Diese Erfahrung hat mir klar gemacht, wie wenig ich über die Rechte, Geschichte und Kultur des indigenen Volkes weiß, das in meinem eigenen Land lebt und ich fragte mich, warum man über diese Dinge nichts in der Schule erfährt oder warum sie in den finnischen Kunst- und Kulturinstitutionen so wenig sichtbar sind.
Auf dieser Reise und durch diese Diskussionen begann mein Lernprozess über die koloniale Geschichte Finnlands und über heutige Praktiken, die kolonialistische Strukturen aufrechterhalten. Ich fing an, mich damit zu beschäftigen, wie ich als Festivalkuratorin, als „Verbündete“ der Samen dazu beitragen kann, dass ihre Gleichstellung Realität wird.
 


Beispiele für finnischen Kolonialismus

Leider versteht ein Großteil der Finnen nicht, dass die Samen ein eigenes Volk sind und dass sie das Recht haben sollten, über ihre eigenen Angelegenheiten zu bestimmen. Das finnische Schulsystem, das systematisch eine einheitliche Nationalität, das Finnentum, aufbaute, offenbarte die Zwangsassimilation der Samen mit der übrigen Bevölkerung Finnlands am krassesten. Zwangsassimilierende Strukturen finden sich auch immer noch in der sogenannten Sektorengesetzgebung, bei der die Rechte der Samen nicht durchgehend berücksichtigt werden, sowie in der Verwaltung finnischer Naturschätze.

In Gefahr sind neben den samischen Sprachen die traditionellen Gewerbe und Lebensweisen, die durch die industrielle Forstwirtschaft und die rücksichtlose Nutzung der Gewässer bedroht sind. Auch die Gesetzgebung schränkt weiterhin die Rechte der Samen ein. Dies zeigt zum Beispiel der Vertrag zum Fischfang am Fluß Teno aus dem Jahr 2017, in dem die Lachsfischerei der am Fluss lebenden Menschen eingeschränkt wird und der so die Überlieferung der traditionellen Fangweisen von einer Generation zur nächsten gefährdet.

Meiner Meinung nach ist es eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst, genau das aufzuzeigen, was in der Gesellschaft versteckt oder unsichtbar bleibt oder auch das, was sein könnte bzw. anders sein könnte. Ich glaube nicht, dass die Kunst an sich in der Lage ist, die politische Wirklichkeit zu verändern, aber sie kann ein Bewusstsein der Leute für bestimmte Dinge erwecken oder den Weg für einen Paradigmenwechsel bereiten, um ihn später in den Tiefenstrukturen der Gesellschaft – wie zum Beispiel Bildungs-, Rechts-, Wirtschafts- und Verwaltungswesen – zu verankern.
 

Dekolonisation in der Praxis

Im Mai 2016 lud ich Pauliina Feodoroff zum Kaffee ein und fragte sie, ob sie Interesse hätte, für das Festival Baltic Circle 2017 ein Auftragswerk zu realisieren und ein zweitägiges Diskussionsprogramm zu kuratieren. Ich habe ihr kein bestimmtes Thema vorgeschlagen, wusste aber, dass es in der Kunst von Pauliina immer um ihren Kampf um die Rechte der indigenen Völker geht. Zu meiner Freude nahm Pauliina meinen Vorschlag an.
Auf Pauliinas Entscheidung hin setzte sich die Veranstaltungsreihe aus einem vielfältigen Ökosystem, bestehend aus Menschen, Räumen, Ressourcen, Verhältnissen und Materialien zusammen, in dem verschiedene Akteure ihre Verbindungen und Kräfte miteinander verhandeln. Eine zentrale Frage beim Prozess war für mich: Was ist Dekolonisierung in der Praxis, und wie kann man in einer Kunstorganisation wie Baltic Circle Bewusstsein für diskriminierende Strukturen entwickeln, sie dem Publikum sichtbar machen und somit aktiv versuchen, sie zu verändern – sowohl in der eigenen Tätigkeit, als auch in der Gesellschaft?

In der Dorfversammlung und bei der Filmvorführung wurden u.a. die Verbindungen der indigenen Völker mit den Land- und Wasserrechten thematisiert, und wie man durch die Wiederherstellung der ursprünglichen Fließwege der Flüsse auch bestimmte Fischarten und damit wiederum herkömmliche Gewerbe und Kulturen der indigenen Völker wiederbeleben kann.

Die Ausstellung Maadtoe hat die rassistische Eugenik des schwedischen Staates sichtbar gemacht, dessen rassenbiologische Untersuchungen von den 1930ern bis in die 1970er Jahre bis nach Finnland reichten. Die Aufführung Autonomian aika („Zeit der Autonomie“) bot drei verschiedene Perspektiven auf den Kolonialismus: die historisch-juristische, die persönliche und die politische. Im Club Vuosttaš álbmogat war zum ersten Mal das Duett der Sängerin/Liedermacherin/Joik-Künstlerin Hildá Länsman und des Musikers und Tonkünstlers Tuomas Norvio zu hören und das Publikum hat zu den der Contemporary-Indigenous-Musik gewidmeten Raves ekstatisch getanzt.
 

Kunst als Richtungsgeber

Die Veranstaltungsreihe Ensimmäiset kansat („Die ersten Völker“) hat eine sichere Grundlage für die Behandlung der Rechte der indigenen Völker innerhalb des Kunstkontexts geschaffen und Missstände hinsichtich der Lage der Sami-Bevölkerung in Finnland und den nordischen Ländern hervorgehoben. Sie hat zudem zeitgenössische samische Kultur in den verschiedensten Formen präsentiert und samische und finnische AkteurInnen und AktivistInnen innerhalb von Kunst und Wissenschaft mit dem Publikum zusammengebracht.

Der gemeinsame Arbeitsprozess hat gezeigt, dass das Verbündetsein nicht auf Einmaligkeit basieren kann, sondern langfristige Verpflichtungen erfordert. Es geht um einen generationenübergreifenden Kampf, der nicht als jährlich variierender Kunsttrend ausgenutzt werden darf. Das Stó:lō-Volk in Britisch-Kolumbien hat nach einem Kampf von beinahe 130 Jahren territoriale Rechte erhalten.

In Finnland und den nordischen Ländern bedarf es einer Volksbewegung auf breiter Basis, die für die gleichen Rechte der Samen kämpft. Im Kontext der Kunst können wir den Horizont erweitern und Gesten und Taten umsetzen, die in der Welt erst am Kommen sind. Nur wenn wir zugeben, welches Unrecht in der Geschichte passiert ist, und wenn wir nach Versöhnung suchen und den Samen das Selbstbestimmungsrecht geben, können wir im Frieden mit uns selbst, miteinander und mit unseren Staaten leben.