György Dragomán - Goethe-Institut Ungarn


György Dragomán

Heimweh erfahren

Das wird jetzt eine unbeschreiblich schwierige Übung.

Versuche dir vorzustellen, dass du nicht zu Hause bist. Dass du ganz woanders bist. Du bist schon sehr lange dort, seit Monaten, seit Jahren.

Es geht nicht? Ich helfe dir.

Stell dir vor, du stehst ganz oben auf einem Hügel, inmitten eines schönen, gepflegten Parks in einer fremden Stadt, es ist kühl, doch du frierst nicht, der frische Wind bläst dir ins Gesicht, du schaust hinauf in die aufgetürmten Quellwolken, für einen Sekundenbruchteil denkst du, du könntest hier sogar zu Hause sein, du seufzt, ja, zu Hause, und als hätte die Kraft deines Seufzers alles in diesem Bruchteil einer Sekunde umgewandelt, befällt dich das Heimweh.

Du schaust hinauf in den Himmel, er ist nicht ganz so, wie er sein sollte, gerade nur ein kleines bisschen anders, gerade nur ein kleines bisschen unbekannt, fremd.

Fremd ist der Himmel, fremd ist die Erde, fremd ist das Land, fremd ist die Stadt, du selbst bist auch fremd. Du gehörst nicht hierher.

Du senkst den Blick zu Boden und gehst, du kannst hier nicht bleiben.

Deine Sohlen rutschen auf dem feuchten Gras, der Schotter knirscht, du machst, dass du wegkommst, nur weg von hier, zurück nach Hause, du willst auf dem kürzesten Weg zurück, jetzt sofort. Du kommst an eine große Pfütze, das Wasser des Springbrunnens hat die Senken der Promenade überflutet, du watest durch, es ist tiefer als du dachtest, deine Schuhe füllen sich mit Wasser.

Du bleibst stehen, siehst hinunter, noch wirbelt das Wasser vom Schwung deiner Schritte um deine Füße, dann verlaufen die winzigen Wirbel und du erblickst im Spiegel dein eigenes Gesicht.

Ein Fremder schaut dich von unten an, du bist es, freilich, du hast dieses Gesicht schon hunderte, tausende Male gesehen, und dennoch erkennst du dich nicht wieder, du siehst einen Fremden, der entsetzt sein eigenes Spiegelbild anblickt, sein Gesicht zuckt, es zeigt seine Angst, eiskaltes Grauen, die Kälte des Wassers kriecht langsam deine Wade herauf zu den Knien, und du weißt, sie macht dort nicht Halt, bald schon erreicht sie dein Herz.

Du betrachtest das fremde Gesicht, du weißt nicht, was es hier sucht.

Wer ist das, was will er, wie kommt er hierher, warum ist er gekommen, warum ist er da? Warum gibt es ihn überhaupt?

Du stehst dort, starrst das Wasser an, und plötzlich weißt du nicht mehr, wer du bist, und auch nicht, woher du kommst und wohin du gehst.

Nein, das kann nicht sein, du musst Gewissheit haben. Du bist von zu Hause aufgebrochen, aus der schönsten Stadt der Welt, und dorthin willst du auch zurückkehren, jetzt sofort wirst du dorthin zurückgehen, du verstehst gar nicht, warum du stehen geblieben bist, du verstehst nicht, warum du dich nicht rühren kannst.

Du willst an dein Zuhause denken, an den Ort, an dem du aufgewachsen bist, an die Straße, in der du gewohnt hast, an euer Haus, an dein Zimmer, an dein altes Leben. Du willst dich erinnern, du willst alles in Schönheit sehen, und du erinnerst dich tatsächlich, hier im Wasser spiegelt sich alles wider – für einen Sekundenbruchteil ersteht deine Geburtsstadt um dich herum, du stehst wieder auf dem Boden deiner Heimat und nicht in einer fremden Pfütze.

Du bist nie von dort fortgegangen, und nie bist du von hier fortgegangen. Du bist dort und hier, an zwei Orten zugleich, du siehst diese alte Stadt ganz klar, doch siehst du sie nicht mehr mit denselben Augen wie vordem, vor deinem Aufbruch, dein Blick ist präziser und kälter, du siehst mittlerweile ihre Fehler und Hässlichkeiten, du siehst dich selbst in ihr, du wünschst dir, du wärst nie von dort weggegangen, dass du nie hättest weggehen müssen, doch du weißt zugleich, dass du weggehen musstest, dort konntest du nicht länger bleiben, du fühlst dich feige und mutig zugleich, in dir liegen Selbstmitleid und Zorn im ewigen Zweikampf, mal denkst du, du hättest nicht gehen dürfen, mal glaubst du, dass es doch richtig war, du versuchst dich zu erinnern, dabei weißt du sehr wohl, du erinnerst dich gar nicht mehr an deine Erinnerungen, vielmehr nur an die bloße Geste des Erinnerns, du hast genug von diesen Wutanfällen, von dieser röchelnden Ohnmacht, von diesem lähmenden Nicht-hier-nicht-dort und Auch-hier-auch-dort, davon, wie dieses Gefühl alles um dich herum in Grau taucht, als könntest du die Welt um dich herum von nun an für immer nur noch über das Spiegelbild des grauen, wirbelnden Pfützenwassers wahrnehmen.

Du stehst da, versuchst in den Himmel zu blicken, der Himmel ist grau, die Wolken sind auch grau, der Taumel reißt dich nach oben, die Kälte des Wassers zieht dich nach unten, dein Magen rebelliert, als dich ein unwiderstehlicher, vertikaler Sog erfasst und dich um deinen Bauchnabel herumwirbelt, das Spiegelbild des Himmels tauscht Platz mit dem Himmel selbst, dann kommt alles an seinen Platz, nur um dann wieder Platz zu tauschen, die Realität oszilliert hin und her, nichts ist dort, wo es hingehört, du bist auch nicht dort, wo du hingehörst, du stehst in einem endlosen Korridor aus Spiegeln, eingeschlossen in einem langen Moment, du glaubst, für immer dort festzusitzen.

Fertig. Das war’s.

Die Übung ist zu Ende. Hast du sie richtig gemacht, wirst du dich immer ein bisschen an dieses Gefühl erinnern, oder zumindest wirst du irgendwie wissen, was es in wirklich hoffnungslosen Momenten bedeutet, heimatlos zu sein.

Natürlich kannst du sagen, das führe zu nichts, du seist nicht so, das seist nicht du, dir könne so etwas nie passieren, doch du musst wissen, weist du schon die Möglichkeit dessen zurück, wirst du dich selbst wahrscheinlich nie wirklich kennen lernen.

Übersetzt von Ágnes Nagy

In: Vasárnapi Hírek, 3. Okt. 2015, S. 14. (Originaltitel: Átélni a honvágyat).

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