Cocktailbar Europäischer Sprachen
Sprache und Kultur der Roma – präsentiert vom Goethe-Institut

Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest
Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest | Foto: Zoltán Kerekes

Am 26. September 2016 fand der Europäische Tag der Sprachen statt. Zum ersten Mal waren im Programm, vom Goethe-Institut initiiert und organisiert, auch Sprachen der europäischen Roma vertreten. Ein Bericht über die Events in Budapest, Bratislava und Prag.

Schauen sie sich unsere Videoreportage über die Budapester Veranstalung an.

„Eine Nation lebt in ihrer Sprache“ – so sagt es ein Sprichwort. Trifft das aber auch auf die in Ungarn lebenden Roma zu, die sich, wenn das als Muttersprache geltende Ungarische sie nicht verbände, womöglich nicht einmal miteinander unterhalten könnten?

Im rund 800 Millionen Einwohner zählenden Europa existieren mehr als 200 gesprochene Sprachen. 24 von ihnen werden als offizielle Sprachen der Europäischen Union geführt, weitere sechzig sind als Regional- bzw. Minderheitensprachen anerkannt. Etwa zwölf Millionen Europäer betrachten sich als Roma, die Mehrzahl unter ihnen hat jedoch schon den Verlust der Muttersprache zu beklagen. In Ungarn werden die Roma in drei Volksgruppen aufgeteilt. Diese sind: die assimilierten Romungros (ungarische Roma), die ihre Sprache verloren haben, die Beasch sprechenden Roma, deren Sprache eine aus der Zeit vor der Spracherneuerung datierende, archaische Version des aus dem Lateinischen stammenden Rumänischen darstellt, und die Oláh-Roma, die mindestens ein Dutzend aus dem Indischen stammende Dialekte sprechen, meist den in Ungarn verbreiteten Lovari-Dialekt des Romani. Man sollte noch das vom Deutschen beeinflusste Sinti-Romani und den damit verwandten karpatischen Roma-Dialekt erwähnen. Letzterer wird auf der einen oder anderen kleinen Sprachinsel von den Romungros gesprochen.

Das sprachliche Kaleidoskop

Im Sinne einer Entscheidung des Europarates wird jedes Jahr am 26. September der Europäische Tag der Sprachen gefeiert. In Verbindung mit diesem europäischen Tag wurde in diesem Jahr am 23. September im Italienischen Kulturinstitut in Budapest bereits zum siebten Mal die „Europäische Cocktailbar der Sprachen“ veranstaltet, um mit unterhaltsamen Programmpunkten die sprachliche und kulturelle Vielfalt Europas zu zelebrieren.

Jarosław Bajaczyk, stellvertretender Direktor des Polnischen Instituts in Budapest, begrüßte die Interessierten auf 18 Sprachen und ermunterte sie anschließend auf Ungarisch, das farbenreiche Europa zu erkunden. Gian Luca Borghese, Direktor des Italienischen Kulturinstituts Budapest, beschrieb in seiner Eröffnungsrede die Cocktailbar als ein Treffen, das aufzeigt, warum es gut ist, in einem derart vielsprachigen und -farbigen Europa zu leben.

An den Ständen konnten die Besucher auf spielerische Weise mit den Sprachen und Kulturen der unterschiedlichen Länder bekannt werden, sie konnten gemeinsame Wörter entdecken, aber auch – im Rahmen von Mini-Sprachstunden – Lektionen in 18 unterschiedlichen Sprachen absolvieren. Mittels eines „Reisepasses“, auf dem man auf der Reise zwischen Ländern und Sprachen Visumstempel sammeln konnte, war es überdies möglich, die Teilnahme an Sprachkursen zu gewinnen. Das Goethe-Institut präsentierte dieses Jahr – neben der deutschen Sprache – auch die in Ungarn meistgesprochenen Roma-Sprachen: das Romani und das Beasch.

Europas Kultur ist nicht vollständig ohne die Kultur der Roma

Warum fühlt sich gerade das Goethe-Institut – das weltweit als Botschafter der deutschen Sprache gilt und in über neunzig Ländern deutsche Sprachkurse anbietet – der Roma-Kultur und -Sprache verpflichtet? Michael Müller-Verweyen, Direktor des Goethe-Instituts in Budapest, begründet dies folgendermaßen: „Die europäische Kultur ist nicht denkbar ohne den kulturellen Beitrag der Roma. Daher war es für das Goethe-Institut als Kulturbotschafter nur konsequent, sich dafür einzusetzen, dass an diesem europäischen Feiertag der Sprachen auch die Roma-Sprachen vertreten sind.“

Das Goethe-Institut unterstützt die Arbeit von RomArchive – Digitales Archiv der Sinti und Roma, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes, und flankiert es mit eigenen Veranstaltungen. RomArchive wird ab 2018 die künstlerische Produktion der Sinti und Roma erstmals international sichtbar machen und eine verlässliche Wissensquelle schaffen, die Stereotypen und Vorurteilen mit Fakten begegnet.

Márta Nagy, Kulturbeauftragte des Goethe-Instituts, hob hervor, dass in Pécs ein Lehrstuhl und Forschungsinstitut für Romologie auf universitärer Ebene angesiedelt ist. Der selbstständige Ausstellungsstand der Romani- und Beasch-Sprachen bei der diesjährigen Cocktailbar der Sprachen ist das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit der beiden Institute.

Wissenschaft – in Kinderschuhen

Laut Anna Orsós, der Inhaberin des Lehrstuhls für Romologie und Erziehungssoziologie der Universität Pécs, ist es ein bedeutendes Resultat und eine große Chance, dass die Roma-Sprachen bei der Europäischen Cocktailbar der Sprachen präsentiert werden konnten. Es kursieren doch viele Irrtümer im Zusammenhang mit diesen Sprachen, etwa die Vorstellung, die Roma würden Rumänisch sprechen und sich daher untereinander alle gut verstehen. Dabei besteht in Wirklichkeit zwischen dem Lovari und dem Beasch ein riesiger Unterschied. Des Weiteren betonte Orsós, dass die den Sprachgebrauch betreffenden Forschungen in den Kinderschuhen stecken: Gemäß einer Studie aus dem Jahr 1971 sprachen 21 Prozent der ungarischen Roma einen der Dialekte des Romani, dieser Wert ist jedoch heute wahrscheinlich niedriger. In der überwiegend im Süden des Landes lebenden, 40 000 bis 50 000 Personen umfassenden Beasch-Gemeinschaft ist der Sprachverlust wohl noch weiter vorangeschritten, zumal die Sprache bei den Lovari sprechenden Oláh-Roma einen höheren Stellenwert hat.

Anna Orsós hob hervor, dass Beasch heute eine gefährdete Sprache ist, die, falls sie keine kräftige sprachpolitische Unterstützung erfährt, innerhalb von wenigen Generationen aussterben könnte. Die Romologin betrachtet das Fehlen einer strukturierten Sprachlehrer-Ausbildung als ernsthaften Mangel, ebenso die Tatsache, dass anstelle fachlich kompetenten Sprachunterrichts oft Roma-Sprachen sprechende Personen einfach nur „so vor sich hin unterrichten“.

  • Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest Foto: Zoltán Kerekes

    Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest

  • Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest Foto: Zoltán Kerekes

    Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest

  • Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest Foto: Zoltán Kerekes

    Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest

  • Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest Foto: Zoltán Kerekes

    Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest

  • Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest Foto: Zoltán Kerekes

    Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest

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    Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest

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    Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest

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    Cocktailbar Europäischer Sprachen in Budapest

Mehr Sprachen – mehr Menschen

Auch Judit Ignácz, diplomierte Romologin und Französisch-Lehrerin, betonte die Wichtigkeit von sprachlicher Wertebewahrung. Sie ist in einer Beasch-Gemeinschaft im Komitat Baranya aufgewachsen. Zwar wird in ihrer Familie noch in der „Ursprache“ kommuniziert – dennoch spürt sie, dass auch sie bereits viel verloren hat. Der vergessenen Wörter versucht sie sich mit Hilfe ihrer Eltern, Großeltern und anderer Verwandter zu entsinnen. Judit absolvierte ihr Abitur am Gandhi-Gymnasium in Pécs, dem ersten Gymnasium der Volksgruppe der Roma in Europa. Heute ist sie Mitarbeiterin des Forschungszentrums für Romologie, wo sie sich, gemeinsam mit Anna Orsós, mit der Ausarbeitung einer Schriftlichkeit des Beasch befasst – zwischenzeitlich hat sie sich allerdings auch den Lovari-Dialekt angeeignet. Neben der Weitergabe der Sprachen innerhalb der Familie hält sie es für wichtig, an den Schulen bereits in der Primar- und Sekundarstufe Roma-Volkskunde, -Kultur und -Sprachen zu unterrichten, helfe doch das Verständnis für Sprache und Kultur auch der gegenseitigen Verständigung.

Der Fernsehjournalist János Joka Daróczi ist im ostungarischen Bedő in der Gemeinschaft der Oláh-Roma aufgewachsen, die einen Dialekt des Lovari sprechen. In der an der rumänischen Grenze befindlichen Gemeinde leben Menschen aus drei Nationen. Dort lernte er in der Grundschule als Pflicht-Fremdsprache neben dem Russischen auch das Rumänische; heute allerdings spricht er nur noch die Roma-Sprache. Laut Aussage dieses bekannten Reporters und Redakteurs kommt er mit dieser einen Sprache in jeglichen Ländern Europas wunderbar zurecht, da er beruflich ausschließlich mit den Roma-Gemeinschaften befasst ist. Der Sprachverlust betrifft ihn dennoch: Seine Frau ist Ungarin, so eignete sich auch sein Sohn nicht mehr die Muttersprache seines Vaters an, lernte er doch auch in der Schule die „großen“ europäischen Sprachen.

Es sind aber eben die Schönheit und der Wert der kleinen Sprachen, die István Kovács, ein dreißigjähriger Programmierer und Mathematiker, der sich im Rahmen der Cocktailbar am Romani-Stand über Sprache und Kultur der Roma informierte, hervorhob. Auch er wusste bislang nicht, dass die ungarischen Roma zwei unterschiedliche Sprachen sprechen; der Cocktailbar-Stand jedoch hat ihn derart inspiriert, dass er Lust bekam, seine Kenntnisse der englischen, deutschen und russischen Sprachen durch die der Roma-Sprachen zu ergänzen.

EUROPÄISCHER TAG DER SPRACHEN IN BRATISLAVA
DIKH, ČHAJE UND LOVE

Europäischer Tag der Sprachen in Bratislava © © Goethe-Institut Bratislava Europäischer Tag der Sprachen in Bratislava © Goethe-Institut Bratislava

Gleich nach der Eröffnung der Veranstaltung mit insgesamt rund 2000 Besuchern durch den Direktor des Österreichischen Kulturforums Wilhelm Pfeistlinger begrüßten Roma-Schüler und -Schülerinnen mit ihrem Auftritt das Publikum. Die 11 Kinder trugen Roma-Gedichte und -Lieder vor, von denen zwei die kleinen Akteure auch ins Englische übersetzt hatten.

Das Goethe-Institut und seine Roma-Partner hatten einen gemeinsamen Stand: Die Mitarbeiter des Instituts Roma-Studien der Philosoph-Konstantin-Universität Nitra stellten literarische Werke in Roma-Sprachen, Roma-Sprachlehrbücher und Prospekte aus. Das Goethe-Institut Bratislava veranstaltete ein Roma-Quiz, verteilte thematisch illustrierte Notizblöcke und betrieb auch eine Buttonmaschine, mit der man Ansteckplaketten mit ausgewählten Roma-Wörtern erstellen konnte. Dies war nun ein besonderer Erfolg, da viele der Wörter ja auch von Slowaken gebraucht werden: so etwa dikh für schau, čhaje für Mädchen oder love für Geld. Die Präsentation der Sprachen und Kultur der Roma ergänzte ein Portraitfilm über den Roma-Maler Tibor Oláh.

 

EUROPÄISCHER TAG DER SPRACHEN IN PRAG
„SPEAK DATING“ – IN ÜBER 20 EU-SPRACHEN

Europäischer Tag der Sprachen in Prag © © Goethe-Institut Prag Europäischer Tag der Sprachen in Prag © Goethe-Institut Prag

Am diesjährigen Sprachentag, für den sich die Interessenten im Vorlauf mit einem Online-Sprachenquiz wappnen konnten, nahmen zahlreiche Institute mit Filmen, Märchen, Sprachspielen und Schnupperstunden teil.

Die erfolgreichste Veranstaltung hierbei war das gemeinsame „Speak Dating“ im Palais Lucerna, wo auch Sprachen der europäischen Roma vertreten waren: Der Roma-Muttersprachler wurde vom Europäischen Zentrum für Roma-Musik, einem Partner des Goethe-Institut Prag, eingeladen. Bezeichnend für die Atmosphäre des turbulenten Nachmittags ist, dass man das „Speak Dating“ gar nicht offiziell eröffnen musste, da die besondere Räumlichkeit den Andrang harmonisch aufnahm und das Publikum gleich ins Geschehen einführte. Die Besucher, alle Altersgruppen gemischt, auch viele Schüler und Studenten, kamen sowohl aus Prag als auch von außerhalb der Hauptstadt. Für die Roma-Sprachen interessierte sich mehr die jüngere Generation.

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