Hidas Judit

Hidas Judit © Black Monty Studio

Du bist nicht mehr mein Vater


(1) S. 18-23.
Eine Woche nachdem mein Vater das Kochbuch mitgebracht hatte, waren wir bei meinen Großeltern mütterlicherseits zum Besuch befohlen. Mein Vater hatte sich jedoch in den Kopf gesetzt, an jenem Vormittag mit mir ins Museum zu gehen. Ich war sehr aufgeregt, denn wir verbrachten nur wenig Zeit miteinander. Er konnte nicht viel mit mir anfangen. Fand es lächerlich, dass ich gern mit Puppen spielte und später, dass mich Liebesfilme berührten. Überhaupt fand er ziemlich viele Dinge lächerlich, die mich interessierten.
„Wir müssen pünktlich zum Mittagessen bei meinen Eltern sein, ihr dürft nicht zu spät kommen!“, warnte uns meine Mutter.
Mein Vater versuchte sie zu beruhigen, wir würden schon rechtzeitig da sein, und lachte mich dabei komplizenhaft an, um anzudeuten, dass sich meine Mutter wieder einmal umsonst Sorgen machte.
Das beruhigte sie aber kein bisschen.
„Schleppst du deine Tochter wieder in irgendeine abstrakte Ausstellung?“, fragte sie, aber mein Vater lächelte nur überlegen, und ich versuchte es ihm nachzumachen. Natürlich so, dass es meine Mutter nicht merkte.
Im Museum streiften wir zwischen Gegenständen aus Metall- und Plastikmüll umher, die Titel trugen wie „Flucht vor dem Leben“, „Das Ende der Welt“, „Auferstehung“ oder „Unendliche Zeit“. Wir betrachteten die Exponate ausführlich und mein Vater beugte sich von Zeit zu Zeit stirnrunzelnd näher an sie heran, um jedes noch so kleine Detail genau unter die Lupe zu nehmen.
„Sehr interessant, wie hier Materialien ganz unterschiedlicher Breite miteinander verarbeitet sind, als wäre das Ganze ein Schiff“, sagte er, als er einen verhedderten Drahthaufen sah.
Ich nickte eifrig und zog eine anerkennende Miene um zu zeigen, wie gedankenanregend ich das Exponat fand.
„Was wohl diese Joghurtbecher bedeuten?“, fragte ich später zaghaft.
Mein Vater überlegte stirnrunzelnd, wusste aber selbst keine Antwort.
Wir verbrachten zwei Stunden in der Ausstellung, die Zeit reichte aber trotzdem nur für einen einzigen Saal. Mein Vater konnte es nämlich nicht leiden, wenn man nur anstandshalber durch die Ausstellungsräume raste.
„Ich hasse Oberflächlichkeit“, sagte er mit Nachdruck, als wir zum ersten Mal in der Kunsthalle waren und uns ausgeschlachtete Fahrzeuge anschauten. Aus den Lautsprechern quietschte und hämmerte es mal laut, mal leise. Ich hastete durch die Räume, und als mich mein Vater zwei Säle weiter vorne fand, durchbohrte er mich fast mit seinem Blick. Von da an war mir klar, was ich tun musste, wenn ich in seinen Augen nicht als ungehobelt und dumm dastehen wollte. Denn dass ich etwas langweilig oder uninteressant fand, durfte es nicht geben.
 Jedenfalls gelang es uns an diesem Samstag dank unserer gründlichen Kunstanalyse nicht, pünktlich zum Mittagessen zu erscheinen. Meine Mutter wartete schon erbost vor dem Eingang auf uns und fuhr meinen Vater sofort an.
„Wenn du doch nur ein einziges Mal pünktlich sein könntest!“ Er tat, als hörte er den Vorwurf gar nicht.
Alle saßen schon am Tisch, als wir in die Küche traten. Mit der Suppe waren sie schon fertig, meine Großmutter brachte gerade Gulasch. Mein Vater hatte einen Mordshunger und machte sich eifrig ans Essen, aber nach dem ersten Bissen hielt er, mit dem Löffel in der Luft verharrend, inne. Er drehte das Essen vorsichtig im Mund hin und her und starrte auf seinen Teller. 
„Kaumagengulasch“, teilte ihm meine Großmutter mit. „Den magst du doch, oder?“
„Klar“, sagte mein Vater und legte den Löffel zur Seite.
Meine Mutter stupste ihn wütend mit dem Ellenbogen und flehte ihn mit dem Blick an weiter zu essen. Erst verzog er den Mund, dann gehorchte er aber, überwand sich und tunkte mit den Kartoffeln die Soße vom Teller. Allerdings weigerte er sich, die Innereien auch nur anzurühren.
In ihrer Kochkunst wie in ihren politischen Ansichten beharrte Oma Márti auf ihren altbewährten Gepflogenheiten. Fortschrittlichkeit oder die Traditionen ihrer Vorfahren interessierten sie kein bisschen. Die jüdische Religion war für sie schon als Kind nur insofern wichtig, als sie in der Schule nicht zum christlichen Religionsunterricht musste. Ihre Familie war nicht religiös und hatte den Kontakt zum Allmächtigen nach dem Krieg endgültig abgebrochen. Oma Márti war der Meinung, in diesem Land lebten nur ungarische Menschen, egal ob sie als Juden oder als Christen geboren wurden, und hätten damals alle ihre Meinung geteilt, hätte es auch keinen Holocaust gegeben.
Lange Zeit wusste ich nicht, was dieses Wort bedeutetete, aber eines Tages, als ich schon größer war, setzte sich meine Oma zu mir, holte tief Luft und sagte, sie habe mir jetzt etwas sehr Wichtiges mitzuteilen. Ich versuchte eine ernste Miene aufzusetzen, während ich ihre aufgeblähten Nasenlöcher anstarrte. Mit düsterem Gesicht erzählte sie von den Nazis und den Pfeilkreuzlern, und dass sie nur dank Juci Tóth überlebt hatte, denn diese habe ihr damals gefälschte Dokumente besorgt und sie versteckt.
„Juci ist die nette alte Dame, die du auch schon bei dieser schönen Preisverleihung getroffen hast, weißt du noch?“, fragte sie.
„Meinst du die Frau mit den Warzen?“ Ich schauderte und dachte an den Vormittag, an dem mich Oma in einen großen, verstaubten Saal mit alten Menschen geschleppt hatte und wo ich stundenlang stillsitzen musste.
„So etwas will ich nie wieder von dir hören! Ihr hast du zu verdanken, dass du am Leben bist!“, fauchte sie mich an und schickte mich spielen.
Ich schlich mich mit Tränen in den Augen davon und begriff, dass es Dinge gab, über die man am besten keine Fragen stellte und für die ich dankbar sein musste, obwohl ich nicht verstand, wieso.
Meiner Großmutter war ihre jüdische Herkunft vollkommen egal, und auch das Kochen hatte sie in diesem Sinne gelernt. Entsprechend den damaligen Sitten und dem allgemeinen Patriotismus wurden ständig fettige ungarische Gerichte gegessen, von denen sie von Jahr zu Jahr dicker wurde. Am liebsten aß sie Spitzbeingulasch und Kohlrouladen, Sülze und gefüllte Paprika, und sie backte gern Pogatschen. Manchmal spannte sie mich als Küchenmädchen ein und dann musste ich den Teig ausstechen oder ihn mit Eiweiß bestreichen.
Mein Vater hingegen konnte fettige, zähe Speisen nicht ausstehen. Zwar kochte auch seine Familie nicht koscher und er liebte Schweinefleisch, aber Innereien bedeuteten für ihn eine psychologische Grenze, die er nicht überschreiten konnte.
Nach dem Mittagessen zog die Familie ins Wohnzimmer um. Mein Großvater kochte Kaffee für die Erwachsenen, Großmutter brachte Vogelmilch, sprang um die Gäste herum, kein Teller durfte auch nur für einen Augenblick leer bleiben.
„Mama, setz dich doch endlich, es können sich alle selbst bedienen“, sagte meine Mutter, als Oma alles zum dritten Mal herumreichen wollte. 
Nachdem sie sich überzeugt hatte, dass niemand sie für eine schlechte Gastgeberin halten würde, ließ sie sich in ihrem Sessel nieder. Die Erwachsenen unterhielten sich über die streikenden Taxifahrer, die angeblich vielerorts den Verkehr lahmlegten, und in der Zwischenzeit schlich ich mich an den Tisch heran, um von den Süßigkeiten zu stibitzen.
„Ihr werdet schon sehen, sie werden die Armee einsetzen, die schrecken vor nichts zurück“, sagte Oma Márti.
„Das sind doch keine Russen“, entgegnete ihr meine Mutter gereizt.
Oma nahm beleidigt einen Schluck Kaffee und hob dann den Zeigefinger.
„Wartet nur ab, ihr werdet den Russen noch nachtrauern!“, sagte sie, woraufhin meine Mutter sie verärgert anzischte:
„Wehe du kommst mir jetzt wieder mit der Judenverfolgung und Horthy, das ist Vergangenheit!“
„Gut, ich sage nichts mehr!“, antwortete meine Oma. Da lachte meine Mutter hämisch auf. 
„Begreift doch endlich mal, das wird eine andere Welt, in ein paar Jahren sind wir auch so weit wie die anderen.“ 
„Du bist naiv und hast keine Ahnung“, sagte Oma Márti abschätzig, und mein Großvater begann einen Vortrag über die Sünden des Kapitalismus und der Religion und über die Ausbeutung und Unterdrückung des Proletariats. Diesmal lachte mein Vater leise vor sich hin.
„Es gibt ja gar keine Proletarier mehr, dafür umso mehr Funktionäre, die anderen die Luft zum Atmen nehmen …“, sagte er. 
Alle schwiegen. Nur das rythmische Dröhnen der Autos auf den Straßen war zu hören.
„Du musstest ja auch gegen das Gesetz verstoßen!“, sagte schließlich meine Großmutter und Großvater nickte zustimmend.
Mein Vater antwortete nicht, sondern ging lieber auf den Balkon, um eine zu rauchen.


(2) S. 162-165.
Ich hatte Angst, dass mein Sohn, Simon, ausgegrenzt würde, auch wenn ich selbst in dieser Hinsicht nicht allzu viele schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Es gab lediglich einige kleinere Vorfälle, wenn etwa die Kinder auf dem Spielplatz oder beim Sport jemanden einen Juden nannten. Damals ging ich noch mutig dazwischen und sagte ihnen, sie sollten aufhören. Später gewöhnte ich mir hingegen eine andere Methode an, die ich von meiner Familie und meinem Umfeld lernte. Die meisten hängten ihre Herkunft einfach nicht an die große Glocke und schwiegen, wenn sie in unangenehme Situationen gerieten. Sie wollten keinen Ärger und sprachen nur mit denen über dieses wichtige, aber umso heiklere Thema, die aller Wahrscheinlichkeit nach tolerant waren. Und damit waren sie auch einigermaßen zufrieden.
Jüdisch zu sein war wie ein aufregendes Geheimnis, das in unserem Leben allerdings keine große Rolle spielte. Etwas, das mich unverständlicherweise teils mit Stolz erfüllte, von dem ich mich manchmal aber auch gern befreit hätte. Etwas, wovon du spürst, es könnte dir zum Verhängnis werden, aber du begreifst das nicht gänzlich.
Außer den Geburtsurkunden meiner Großeltern gab es keinerlei handfeste Spuren meiner jüdischen Herkunft. Selbst diese Dokumente habe ich nur einmal gesehen, als ich als Kind nach Israel fuhr und meine jüdische Abstammung beweisen musste. Diese Dokumente wurden bei der Gemeinde aufbewahrt, wenn ich wollte, konnte ich also so tun, als würden sie gar nicht existieren. Ich führte in jeder Hinsicht genauso ein Leben wie alle anderen in diesem Land. Ich dachte wie viele Juden: Wenn es darauf ankäme, wäre es am besten, wenn es keine Spuren gäbe, dann könne man ja einfach alles abstreiten. Eine Beschneidung lässt sich allerdings nicht leugnen.
„Dein Vater ist ja beschnitten, wenn auch nur aus medizinischen Gründen, und er wurde deswegen niemals angegriffen. Du kannst ihn ja fragen, was er von der Idee hält“, schlug meine Mutter vor, als ich ihr von Tamás’ Plan erzählte. 
„Ich kann auch ohne ihn eine Entscheidung treffen“, entgegnete ich sofort.
Als ich einige Tage später gerade mit Simon im Park spazierte, klingelte mein Telefon. Eine unterdrückte Nummer. Und eine vertraute Stimme.
„Leg bitte nicht auf!“ 
Mein Vater.
„Was willst du?“, fragte ich kühl.
„Geht es euch gut?“
Ich gab keine Antwort.
„Deine Mutter hat erzählt, was du vorhast.“
„Ich brauche deine Hilfe nicht.“
„An eurer Stelle würde ich es nicht tun, heutzutage ist das keine gute Idee. Tamás kann das nicht verstehen.“
„Auf jeden Fall besser als du.“
„Aber wozu soll das gut sein?“ 
Ohne zu antworten legte ich verärgert auf.
Ich beschleunigte meine Schritte, die Kieselsteine knirschten unter den Rädern des Kinderwagens. Simon wurde unruhig. Ich setzte mich auf eine Bank, um ihn zu stillen. Er schmatzte laut und schlief an meiner Brust ein.
In der Nähe spielte ein älterer Herr mit zwei Kindern Fußball, er zeigte ihnen einige Tricks und lobte sie, wenn sie ein Tor schossen. Auf einer Bank wickelte eine Frau ihr Baby, ihr Partner brachte einem größeren Mädchen das Fahrradfahren bei. Mir hatte damals meine Mutter das Fahrradfahren beigebracht und es war immer sie, die mit mir auf den Spielplatz ging. Mein Vater wollte nicht, dass ich Geschwister bekam. Er sagte immer, zwei Kinder wären für ihn zu viel.
Ich ließ Simon sein Bäuerchen machen und legte ihn vorsichtig in den Kinderwagen.
„Hat dich dein Vater erreicht?“, fragte meine Mutter, als ich wieder zu Hause war. „Ich verstehe nicht, warum er solchen Blödsinn erzählt, ich finde die Brit Mila eine gute Idee.“
„Seine Meinung interessiert mich nicht, ich habe mich schon entschieden“, sagte ich. „Ich werde einen guten Rabbiner suchen.“


 (3) S. 252-256.
Wir stiegen aus dem Auto und gingen die verschmutzte, marode Treppe hinauf.
Als wir das Gebäude betraten, stieg mir der Geruch von Desinfektionsmittel in die Nase. Wir riefen den Fahrstuhl und hörten, wie sich das alte Laufwerk quietschend in Bewegung setzte.
Im Krankenzimmer ließ sich Vater sofort, in Mantel und mit Hut, aufs Bett fallen. Im Bett nebenan lag ein dickbäuchiger Mann mit Glatze und Kopfhörer.  Er nickte uns zu, beachtete uns dann aber nicht mehr.
Mein Vater brauchte einige Minuten, um wieder zu Atem zu kommen, dann begann er sich umzuziehen und bat mich, seine Kleidung im Schrank zu verstauen. Er legte den Mantel ab und knöpfte das Hemd auf, ich zog ihm die Schuhe und die Hose aus und half ihm, den Schlafanzug anzuziehen.
Nie zuvor hatte ich meinen Vater auf diese Weise angefasst. Es fühlte sich an, als wäre er mein Kind, nur dass mich sein Körper abstieß. Statt zarter, süßer Formen und Düfte schlaffe Haut, Muskeln, Haare und Knochen. Es fühlte sich unangemessen und unnatürlich an.
Ich schüttelte sein Kissen auf, deckte ihn zu, gab ihm Wasser und legte das Besteck auf den Nachttisch. Er machte es sich im Bett gemütlich.
„Ich würde mich langsam auf den Weg machen, es ist schon ziemlich spät“, sagte ich, nachdem wir alles eingerichtet hatten.
Ich wollte hier endlich weg. Das alles war mir einfach zu viel, die Untersuchungen, die Übelkeit, das Ausgeliefertsein meines Vaters, seine Schwäche und seine Nacktheit. Mit meiner früheren Distanziertheit hatte ich mich sicherer gefühlt.
Mein Vater ahnte jedoch gar nicht, was sich in mir abspielte.
„Warte!“ Er sah mich an und griff nach meiner Hand. „Ich möchte dir noch etwas sagen.“
Widerwillig setzte ich mich. Er starrte nur vor sich hin.
„Glaub mir, ich wollte das alles gar nicht“, brach es plötzlich aus ihm hervor.
Unsere Blicke trafen sich, aber dann schaute ich weg – das alles war leichter zu ertragen, wenn ich auf den Boden starrte.
Und dann begann mein Vater zu erzählen: von der Vergangenheit und davon, wie er sich im jungen Alter vorgestellt hatte, dass die Beziehung zwischen ihm und seiner Tochter eine völlig andere sein würde als zwischen ihm und seinem Vater, er würde alles anders machen als dieser. Er hatte sich zu mir eine Beziehung auf Augenhöhe gewünscht, eine Art Freundschaft. Ich konnte ihm ansehen, dass er auf eine Reaktion wartete, womöglich wollte er eine Bestätigung, dass er es geschafft habe, das auch mindestens ansatzweise zu verwirklichen.
Was hätte ich denn dazu sagen können?
Je länger er sprach, desto unangenehmer fühlte ich mich. Ich dachte an die Abende, die ich als Teenagerin mit ihm in seiner Wohnung verbracht hatte. Ich sah das dunkle Wohnzimmer vor mir, den antiken Tisch und den Ledersessel, in dem ich ihm gegenübersaß wie bei einer ärztlichen Untersuchung. Der weise, mächtige Vater gab der einfältigen, schussligen Tochter gnädig Antworten.
Es war, als wollte er wieder dieses Spiel spielen. Nur diesmal so, als wäre er das hilflose Kind, während ich die weise Erwachsene geben sollte. 
Aber ich wollte weder sein Töchterchen noch seine Mutter sein.
Obwohl er keine Absolution von mir erwarten konnte, setzte er seine Rede fort.
Analysierte ausführlich sein Leben, als versuchte er endlich zu verstehen, was mit ihm geschehen war. Er erzählte von Frauen, von seiner großen Liebe vor meiner Mutter, die ihm seine eigene Mutter verboten hatte, weil sie keine Jüdin war. Dann erzählte er von meiner Mutter und davon, wie gut sie sich eine Zeit lang verstanden und beide gedacht hatten, endlich die Liebe fürs Leben gefunden zu haben. Er erzählte von der Scheidung, der angeblich schwierigsten Entscheidung seines Lebens. Von Katalin, die er für eine ebenbürtige Partnerin hielt und die er noch immer sehr anziehend fand, mit der er sich aber dennoch  – oder gerade deswegen – ständig nur gestritten hatte, bis er es nicht mehr mit ihr aushielt. Er erzählte auch von Olga, die er gar nicht als Frau wahrgenommen und zu der er sich in der Hoffnung auf Ruhe geflüchtet hatte, und in dem Glauben, ihre Beziehung könnte eben deswegen von Dauer sein. Dann stellte sich heraus, dass es auch mit ihr nicht funktionierte. Sie waren kurz vor der Trennung, als er krank wurde.
„Ich hatte immer das Gefühl, fehl am Platz zu sein, dass ich immer wieder mein Bestes gab, aber etwas nicht stimmte“, sagte er. „Womöglich bestand das Problem gerade darin.“ Er beugte sich näher zu mir.
Den fiebrigen Blick auf mich gerichtet, zeigte er auf seine Brust.
„Warum musst du ausgerechnet jetzt über all das sprechen?“, fragte ich leise.
„Weißt du, es ist, als fehlte etwas in meinem Körper. Ich musste immer alles mit dem Verstand begreifen. Die Frauen brauchte ich, um zu fühlen“, redete er weiter, als hätte er mich gar nicht gehört. Dann sank er ins Bett zurück.
Ich rutschte tiefer auf meinem Stuhl und starrte auf den Boden. Das Herz schlug mir bis zum Hals, meine Schläfen pulsierten, ich konnte kein einziges Wort hervorbringen. Und mein Vater redete immer weiter und hörte nicht auf, als würde ihn gar nicht interessieren, ob ihm jemand zuhörte.
„Die Frauen haben nur eine Zeit lang geholfen, verstehst du? Nur eine Zeit lang. Danach war da wieder diese Leere, ich habe einfach nichts gespürt.“ Er tippte sich wieder an die Brust. „Ich bin erschöpft, Eszter, ich habe keine Kraft mehr. Ich habe keine Lust, wieder neu anzufangen.“
Da sprang ich auf.
„Bist du fertig?“, fragte ich aufgebracht.
Er zuckte zusammen und schaute mich verstört an.
„Ich dachte, du willst es wissen … ich dachte, es würde dich interessieren, warum alles so geschehen ist wie es geschehen ist.“
„Was bildest du dir eigentlich ein? Warum kommst du jetzt mit all dem an?“
Mit zitternder Hand schnappte ich meine Jacke und Tasche, riss die Tür auf und stürmte ohne Abschied aus dem Zimmer.

Übersetzung: Tünde Malomvölgyi 

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