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„Erinnern und nicht vergessen“
ein Vermächtnis, das die Vergangenheit in die Zukunft trägt

Keramik‑Bildergalerie
Foto: Gila Einam © Archiv Schefajim


Am israelischen Holocaustgedenktag halten wir inne und erinnern an die Millionen Menschen, deren Leben durch die Shoah ausgelöscht oder für immer zerstört wurde. Doch Gedenken lebt nicht nur in Büchern oder Archiven – es lebt vor allem in den Familiengeschichten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.

In einem Kibbuz in Israel bewahrt Ruth Doron diese Erinnerung auf besondere Weise: als letzte Hüterin der Briefe, Fotografien und persönlichen Dokumente ihrer ermordeten Angehörigen. Für ihre Kinder und Enkelkinder schuf sie ein künstlerisches Werk, das die Geschichte ihrer Vorfahren nicht nur dokumentiert, sondern erlebbar macht, ein Vermächtnis, das eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft schlägt.
Rutis persönlicher Weg zeigt, wie wichtig es ist, dass die Stimmen der Opfer nicht verstummen. Und er erinnert daran, dass die Verantwortung für die Erinnerung auch ein Verantwortungsbewusstsein für die Zukunft beinhaltet. Welche Geschichten oder Erinnerungen an Ihre Vorfahren wurden an Sie weitergegeben?

Ich wurde am 10.10.1942 im Kibbuz Schefajim geboren. In meiner Kindheit hörte ich keine Geschichten über die Shoah. Erst als mein Onkel, ein Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz, zu uns kam und damit begann, die Familiengeschichte zu erzählen, öffnete sich für mich eine neue Welt.
Diese Begegnung weckte in mir ein tiefes Interesse. Später begann ich, alles zu sammeln, was ich in den Familienalben finden konnte: Fotos, Briefe, kleine persönliche Gegenstände. So nahm mein Weg der Bewahrung und Dokumentation Gestalt an.

Wie fühlen Sie sich in der Rolle derjenigen, die das Gedächtnis Ihrer Familie bewahrt?

Viele Jahre lang habe ich darüber nachgedacht, wie ich die Erinnerung an meine Familienmitglieder, die in der Shoah ermordet wurden, für die Nachwelt lebendig halten kann.
Die Fotos im Album meiner Mutter vergilbten mit der Zeit, und mir wurde klar, dass ich Verantwortung trage, nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft.
Diese Rolle erfüllt mich mit einer tiefen Ernsthaftigkeit, aber auch mit Dankbarkeit.

Können Sie Ihr künstlerisches Werk beschreiben, das Sie für Ihre Kinder und Enkelkinder geschaffen haben?

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Keramikarbeit und Bildhauerei. Ich wollte die Fotos meiner Familie nicht nur konservieren, sondern ihnen einen würdigen, dauerhaften Rahmen geben. So gestaltete ich Keramikrahmen, die die Bilder schützen und ihnen zugleich eine künstlerische Präsenz verleihen.
Doch ein Bild allein reicht nicht aus, um eine Geschichte zu erzählen. Darum schrieb ich eine Legende, ein erklärendes Begleitheft, das meinen Angehörigen hilft, die Zusammenhänge zu verstehen und sich ein Bild vom Leben unserer Familie vor der Shoah zu machen.
Meine Nichten, Neffen und Enkelkinder, die an Gedenkreisen nach Polen teilgenommen haben, nutzten sowohl diese Ausstellung, als auch das Begleitheft. Die Begegnung mit dem Werk löste viele Gespräche aus und half ihnen, auf eine tiefere Weise zu begreifen, was geschehen war.


Warum ist es Ihnen wichtig, dass zukünftige Generationen, auch außerhalb Ihrer Familie, diese Geschichte kennen?

Ich empfinde den Prozess des Erinnerns als entscheidend, sei es für unsere Familie, für die Gesellschaft oder für unser gemeinsames Gedächtnis. Durch die Bewahrung der Geschichte geben wir Gefühle, gelebte Wirklichkeit und Erinnerungen weiter.
Erinnerung ist nicht nur Wissen, sondern auch Empathie. Sie verbindet uns mit denjenigen, die wir nie kennenlernen konnten, und hilft zukünftigen Generationen zu verstehen, woher wir kommen. Von großer Bedeutung ist die Aufbewahrung jener Gegenstände, die eine greifbare Verbindung zur Vergangenheit vermitteln – wie zum Beispiel der gelbe Stern und der Löffel, den mein Onkel sich im Konzentrationslager selbst anfertigte.
Meine berufliche Tätigkeit in der Bibliothekswissenschaft hat mich zusätzlich geprägt und mir gezeigt, wie wichtig die Dokumentation unseres Erbes ist und hoffe sehr, dass dieses Vermächtnis, auch über meine Familie hinaus, weitergegeben wird.

 
Ruth Doron in ihrem Garten im Kibbutz

Ruth Doron in ihrem Garten im Kibbuz | Foto: Edwina Shilian © Goethe-Institut Israel

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