Janosch Aus der Hölle in die Hängematte

Horst Eckert alias „Janosch“.
Horst Eckert alias „Janosch“. | Foto: Mike Barth / Janosch film & medien AG

Gerade ist er 85 Jahre alt geworden: „Janosch“, einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren und Illustratoren von Büchern für Kinder. Das Goethe-Institut Israel feiert ihn gleich doppelt. Mit einer Ausstellung von Zeichnungen seiner beliebtesten Figuren, und mit einer szenischen Lesung seines bekanntesten Werks während der kommenden „Deutsch-Tage“ im April. 

Sie prangen auf Tellern, Tassen und T-Shirts. Auf Schulranzen, Hausschuhen, Fahrrädern, Regenschirmen und Wärmflaschen. Auf Postkarten und auf den Briefmarken noch dazu. Sie gibt es aus Plüsch genäht und aus Holz geschnitzt. Die „Tigerente“, der „kleine Bär“, der „kleine Tiger“ oder „Günter Kastenfrosch“ – die Figuren aus dem „Janosch“-Universum sind in Deutschland so präsent wie keine anderen Helden der deutschsprachigen Kinderliteratur. Janosch – er ist immer irgendwo, längst nicht mehr nur zwischen Buchdeckeln.

Derart massiv hätte sich ein solches Merchandising nie entwickeln können, wären Janoschs Geschichten nicht seit Generationen so beliebt – bei Eltern, die sie ihren Kindern vorlesen, bis diese die Bücher dann selbst nicht mehr aus der Hand legen. Oft gehört Janoschs größter Erfolg „Oh, wie schön ist Panama“ zu den ersten Büchern, an denen sich Jungen und Mädchen im Lesen versuchen. Ein Buch, das ihnen erzählt, wie nah das Glück doch liegen kann: zuhause. Wenn man einen guten Freund hat, so wie es der Bär und der Tiger füreinander sind. Und wie zufrieden jeder eigentlich schon sein kann, wenn er ein Dach über dem Kopf hat, unter dem es sich satt und friedlich leben lässt.

„Wenn man einen Freund hat“, sagt der kleine Bär, „der Pilze finden kann, braucht man sich vor nichts zu fürchten. Nicht wahr, Tiger?“ (Aus dem Buch: „Oh, wie schön ist Panama“)

Freundschaft, Solidarität, Wärme und Bescheidenheit macht die Welt in den Geschichten von Janosch aus, liebevoll gezeichnet und nie ohne Witz erzählt. Sie sind der gewollte Gegenentwurf zu dem, was er selbst erlebt hat. Als „Hölle“ hat Janosch seine eigene Kindheit in Interviews und Büchern wiederholt beschrieben.

Geboren 1931 als Horst Eckert im damaligen schlesischen Hindenburg, dem heutigen Zabre in Polen, wuchs Janosch in einer ärmlichen Familie auf, in der Gewalt so selbstverständlich wie alltäglich war. Seine Mutter schlug ihn, sein alkoholkranker Vater griff sogar zur Peitsche. In der Schule sah sich der junge Janosch von Lehrern wie Mitschülern schikaniert. Was katholische Geistliche ihn lehrten, erfüllte ihn mit Angst: die Furcht vor dem Fegefeuer nach dem Tod, wenn er sich nicht so verhalte, wie Gott es verlangt. Vehement kritisiert und lehnt Janosch bis heute die katholische Kirche als Instanz und Institution ab. Als „Quälerei“ empfand Janosch ebenso die Zeit in der Hitlerjugend, zu deren Beitritt er gezwungen war. „Die ersten Jahre meines Lebens“, erklärte er einmal in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, „waren die totale Zerstörung meiner Person.“ Als er Jahre später 1970 seinen autobiografischen Roman „Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm“ verfasst, habe er, wie er selbst sagt, insgesamt 41 Flaschen Gin gebraucht, um ihn aufs Papier zu bringen, eine qualvolle Psychotherapie mit sich selbst.

„Meine Lieblingsjahreszeit ist die Zeit der Ewigkeit nach dem Leben. Immer Sonne und kein Gott in der Nähe.“ (Aus der Janosch-Biografie von Angela Bajorek „Wer fast nichts braucht, hat alles“)

Seiner Biografin Angela Bajorek antwortete er auf die Frage, ob er ein Optimist sei: „Von Geburt bin ich ein Unglücksmensch. Mein Vater war jeden Tag besoffen, meine Mutter nicht intelligent genug, um ein Kind zu behandeln. Optimist bin ich erst später geworden. War viel Arbeit daran. Nach dem gesunden Menschenverstand ist Optimismus nicht möglich. Es ist eine Illusion, aber eine gute Illusion ist besser als die Realität. Ein gütiger Gott ist auch eine Illusion, aber sie hilft durch das Leben.“ 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Janosch 1946 mit seiner Familie seine Heimat Schlesien verlassen, zog ins niedersächsische Oldenburg, im Westen Deutschlands. Hier begann er eine Ausbildung zum Textilzeichner, in Schlesien hatte er zwei Jahre zuvor bereits eine Lehre zum Schmied in einer Schlosserei absolviert und dabei, wie er sagt, etwas Entscheidendes fürs Leben gelernt: „Es gibt nichts, was nicht geht.“

Doch Janosch will mehr. Erfolglos jedoch bewirbt er sich an der Akademie der Schönen Künste in München, muss nach zwei Probesemestern das Studium wegen „mangelnder Begabung“, wie die Professoren meinen, abbrechen. Zunächst arbeitet er wieder als Textilzeichner, beginnt schließlich mit dem Schreiben, erst fürs Feuilleton, dann als Autor: „Als ich anfing, Bücher zu machen, da war ich um die zwanzig, und eigentlich schrieb ich für die Mädels, um die rumzukriegen, was mir dann nicht gelungen ist.“

„Was gehört zum perfekten Fernsehabend dazu? Man braucht jemanden, mit dem man sich vor den Fernseher setzen kann. Und wenn man genau den Richtigen hat, braucht man eigentlich gar keinen Fernseher mehr.“ (Aus dem Buch: „Herr Wondrak rettet die Welt, juchhe!“)

Dafür stellte sich schließlich der kommerzielle Erfolg ein. 1960 veröffentlich er seine ersten Bücher. Den Künstlernamen wählte er nicht selbst, sondern sein Verleger Georg Lentz. Als Horst Eckert sich ihm das erste Mal in seinem Büro vorstellen wollte, hielt der Verleger ihn für jemand anderen, und verpasste ihm kurzerhand den Namen von dem, den er eigentlich erwartet hatte: Janosch. 1978 gelang Janosch dann mit „Oh, wie schön ist Panama“ der große Durchbruch. Für das Buch erhielt er noch im gleichen Jahr den Deutschen Jugendbuchpreis. Längst gibt es von diesem Klassiker Adaptionen als Kinofilm und Kinderoper.

Über 300 Titel umfasst Janoschs Werk bis heute, in über 40 Sprachen wurde es übersetzt. Dazu zählen nicht nur seine Bücher für Kinder, sondern auch Romane für Erwachsene wie „Polski Blues“ oder „Gastmahl auf Gomera“. Seinen Erfolg hat er selbst einmal Janosch-typisch bescheiden und ironisch zugleich kommentiert: „Ich bin aus Irrtum ein sogenannter Künstler geworden, weil ich gedacht habe, das ist keine Arbeit.“ 

2010 kündigte Janosch an, keine Bücher mehr schreiben zu wollen. Nichts mehr zu tun, das hält er aber offensichtlich auch nicht aus. Seit 2013 hat er im Magazin der Zeitung „Die Zeit“ eine Kolumne, antwortet Woche für Woche mit einer Zeichnung auf eine ihm gestellte Frage. Eine davon galt der Geschichte „Oh, wie schön ist Panama“, in dem sich der Bär und der Tiger unbedingt aufmachen wollen in das fremde Land „Panama“. Und das nur, weil es in einer von ihnen gefundenen Kiste mit der Aufschrift Panama so herrlich nach Bananen roch. Der Duft des Paradies, wie sie glauben. Naiv und voller Lust aufs Abenteuer ziehen sie los. Die Frage der Redaktion: „Herr Janosch, was wäre eigentlich gewesen, hätten Tiger und Bär Smartphones gehabt?“ Janoschs Antwort: „Sie hätten Panama einfach gegooglet und wären im übrigen am Tisch sitzen geblieben.“

„Mein Lieblingswein ist der rote. Habe ich aber keinen, kommt es zu keiner Trauer, dann trinke ich weißen. Habe ich keinen weißen, trinke ich Wasser. Habe ich auch kein Wasser, vergesse ich den Durst. Das sind so die Kunststücke meiner Seligkeit“ (Aus dem Buch: „Von dem Glück, als Herr Janosch überlebt zu haben“)

Seit 1980 ist die Insel Teneriffa zu Janoschs „Panama“ geworden, seinem persönlichen kleinen Paradies. Wo man ihn dort am ehesten antrifft, hat er seiner Biografin Angela Bajorek verraten: „in der Hängematte“. In hunderten Emails hat er ihr bereitwillig auf all ihre Fragen für ihr Buch geantwortet. Zum Titel ihrer erst vor kurzem erschienenen Biografie hat sie dann seine Weisheit gemacht, die auch in seinem Werk immer wieder durchscheint: „Wer fast nichts braucht, hat alles.“
 

Hinweise

 

  • Janoschs „Oh, wie schön ist Panama“ wird als szenische Lesung bei den Deutsch-Tagen „Germanit x 3 – 3 Länder, 1 Sprache“aufgeführt: in Haifa (10.4.),Be'er Sheva (11.4.) und Tel Aviv (12.4.). 
  • Die erste vollständige Janosch-Biografie ist auch in der Bibliothek des Goethe-Instituts in Tel Aviv zu finden: „Wer fast nichts braucht, hat alles“ von Angela Bajorek. Ebenso weitere Titel von Janosch, einige auch in der hebräischen Übersetzung. 
  • Die Ausstellung von Janosch-Zeichnungen ist noch bis zum 15. April 2016 im Goethe-Institut in Jerusalem zu sehen. Danach wird sie in diversen Bibliotheken in Israel zu sehen sein.