Lukas Bärfuss über seine Mutter
Im Schatten der Königin

Karl Friedrich Schinkel: Die Sternenhalle der Königin der Nacht, Bühnenbild zur „Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart, 1815 (Ausschnitt)
Karl Friedrich Schinkel: Die Sternenhalle der Königin der Nacht, Bühnenbild zur „Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart, 1815 (Ausschnitt) | Karl Friedrich Schinkel, Public domain, via Wikimedia Commons

Das neue Buch von Lukas Bärfuss handelt zunächst von seiner lieblosen Mutter, die den Sohn geboren, aber nie gewollt hat. Am Ende steht eine Generalabrechnung mit der westlich-kapitalistischen Gesellschaft, in der sie leben musste.

Von Holger Moos

In seinen Büchern arbeitet sich der Schweizer Autor Lukas Bärfuss oft an der Vergangenheit ab, an seiner persönlichen wie an der seines Landes. In Vaters Kiste (2022) verbindet er die Lebensgeschichte seines Vaters, eines kleinkriminellen Obdachlosen, mit einer „Geschichte über das Erben“ und kritischen Gedanken zum kapitalistischen Begriff des Privateigentums. Nun hat Bärfuss mit Königin der Nacht „ein kurzes Buch über meine Mutter“ geschrieben. Auch in seinem neuen Werk verwebt er Persönliches mit Gesellschaftskritik.

Er setzt genau dort an, wo das Vater-Buch endet und beginnt mit dem Tod der Mutter, die dem Sohn einen rosa Bankauszug hinterlässt:

Sechzig Franken. Ein  wertloser Mensch. Der Sohn schämt sich. Er hat nicht verstanden, wie schwach sie war.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil reflektiert der Erzähler über die exzessive Lebensweise seiner Mutter, danach geht es um die Konsequenzen dieses Verhaltens auf seine Kindheit. „Die Kindheit ist ein dunkler Schlaf, von Träumen erhellt“, heißt es. Im letzten essayistischen Teil ordnet Bärfuss das Schicksal der Mutter in den größeren Kontext der Schweizer Geschichte und Gesellschaft ein.

Bärfuss: Königin der Nacht (Buchcover) © Rowohlt

Nichts ist leicht

Eigentlich hat es der Sohn geschafft. Er hat sich aus seinem Herkunftsmilieu befreit, sein Leben ließe sich als Erfolgsgeschichte erzählen, als Geschichte eines sozialen Aufsteigers. Er ist ein bewunderter, preisgekrönter Schriftsteller geworden. Doch: „Das ist alles falsch. In Wahrheit ist er dumm. Und blind. Und geizig. Er hätte helfen können. Helfen müssen. Es wäre ein Leichtes gewesen.“

Doch nichts ist leicht, weder im Leben des Sohnes noch in dem der Mutter, die aus dem Volk der „Fahrenden“ stammt. Das Verhältnis des Sohnes zu seiner Mutter ist ein einziger Zwiespalt. So verwandelt sie sich nach der Arbeit im Autohaus in seinen Augen in eine „Königin der Nacht“, deren Schönheit er als Kind bewundert. Doch später nennt er sie seine „schwarze Sonne“ oder ein derbes „Flittchen“ mit einem „knochigen, zähen Körper“, das im „Dunstkreis von Prostitution und illegalen Geschäften“ lebt. In den 15 Jahren vor ihrem Tod hat er keinen Kontakt zu ihr. Diese Mutter-Sohn-Beziehung ist irreparabel beschädigt. Und das ist nur zu verständlich, hat sie ihn doch in seiner Kindheit verwahrlosen lassen, ihn als Verdingbub an eine Bauernfamilie abgegeben und mit 15 auf die Straße gesetzt:
Meine Mutter hatte sich von mir abgewendet, als ich ihre Liebe und Unterstützung benötigte. Sie hatte mich bestohlen, wegen ihr war ich auf der Straße gelandet, und anstatt eine Ausbildung zu beginnen, als Erster in meiner Familie, war ich obdachlos geworden. Dass ich um ein Haar in einem Sumpf aus Drogen, Armut und Kriminalität und Gewalt versunken wäre, hatte sie in Kauf genommen.

Flucht in die Karibik

Bärfuss bleibt jedoch nicht bei dem Nicht-Verhältnis zu seiner Mutter stehen, sondern versucht, ihr Handeln zu verstehen. In der Folge zeichnet er die Mutter als Opfer, beschreibt, in was für einer Gesellschaft das alles passiert. Sie ist alleinerziehend, wird ausgegrenzt und grenzt daraufhin selbst aus. Sie will keine Mutter, sondern frei sein. Da ihre Rente in der Schweiz nicht zum Leben reicht, wandert sie mit einem neuen Partner in die Dominikanische Republik aus.

Krieg gegen die Armen

Mit seinem Heimatland, der Schweiz, liegt Bärfuss bekanntlich über Kreuz. Auch in diesem Buch, spart er nicht mit Fundamentalkritik: „Wie wird man zum reichsten Land der Welt? Durch Fleiß, schmutzige Geschäfte und den Krieg gegen die Armen innerhalb der eigenen Grenzen.“ Seit Generationen führe die Schweiz einen „Kriegszug gegen die Fahrenden“ als „genozidales Projekt“.

Bärfuss‘ so radikal ehrliches wie empfindsames Buch ist eine permanente Selbstbefragung, in die der Schriftsteller, insbesondere im letzten Teil, essayistische Passagen mit gesellschaftskritischen Einlassungen einflicht. Und auch wenn die wütenden und anklagenden Antworten, die Bärfuss gibt, wenn das Persönliche ins Politische kippt, bisweilen etwas Ab- und Ausschließendes haben, öffnet sich das Buch durch seine hohe Literarizität jedes Mal wieder und bietet einen Ausweg ins Freie.
Lukas Bärfuss: Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter
Hamburg: Rowohlt, 2026, 128 S.
ISBN: 978-3-498-00321-0

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