Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1) Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)
Logo Goethe-Institut

Max Mueller Bhavan | Indien

Filmkritik | „Not a Hero“ und „Members of the Problematic Family“
Resiliente Kindheit und Trauer in der Familie

Film: Members of the Problematic Family (2026) Director: R Gowtham | Photo: © Berlinale
Film: Members of the Problematic Family (2026) Regisseur: R Gowtham | Foto: © Berlinale

Von Prathap Nair

In ihrem Beitrag zur Sektion Generation Kplus der diesjährigen Berlinale nimmt Rima Das die Resilienz von Kindern in den Fokus. Der assamesische Film erzählt die Geschichte des Schülers Mivan, der mit seinen Eltern in der Stadt Assam lebt. Mivans Welt bricht zusammen, als er zur Trennung von seiner Familie gezwungen wird. Gegen den Protest der Mutter entscheidet der Vater aus Geldnot, dass der Sohn im Dorf seiner Familie bei der Tante leben soll.

Natürlich hasst Mivan alles am Dorfleben – die unzuverlässige Wasserversorgung, das fehlende heiße Wasser aus dem Hahn, die dreckigen Plumpsklos und das kostenfreie Essen an der neuen Schule. Seine Tante als neue Erziehungsberechtigte kann er ebenso wenig leiden. Das scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen, denn auch die Tante findet nicht sofort Gefallen an ihrem Neffen.

Umwege durch Wälder und Nähe zur Natur

Doch obwohl Mivan in seiner neuen Umgebung wie ein Fisch auf dem Trockenen gelandet ist, hat er einen entscheidenden Vorteil. Während seine neuen Schulkamerad*innen keinen Zugang zu einem Smartphone haben, nutzt er sein Gerät für alles von Recherchen auf ChatGPT bis zum Bezahlen seiner Chips mit UPI im Dorfladen.

Doch die höhere soziale Stellung, die Mivan offenbar innerhalb der Dorfgemeinschaft einnimmt, entfremdet ihn nicht von seinen Schulkameraden. Die können sich zwar nicht mit flinken Fingern das Wissen der Welt über das mobile Internet erschließen. Dafür führen sie ein Leben im Einklang mit der Natur. Die Kamera folgt ihnen dabei, wie sie barfuß durch die Wiesen und Wälder und entlang der Gewässer ihrer Umgebung streifen. Mit zärtlichem Blick fängt sie auch das Verhältnis der Kinder zu den Nutztieren des Dorfs ein – Rinder, Schweine und ein Pferd namens Mai.
 

Not a Hero by Rima Das Film: Not a Hero (2026) Regisseurin: Rima Das | Foto: © Berlinale

Waldkinder

Not a Hero spürt dem Innenleben von Kindern nach. Im Mittelpunkt steht der aus der Stadt vertriebene Mivan. Der Film erzählt bis ins kleinste Detail, wie ein Kind eine solche Entwurzelung empfindet. Das Ergebnis ist ein aufmerksam beobachtetes und in eindrucksvollen Bildern eingefangenes Porträt einer resilienten Kindheit.

„Es ist mir sehr wichtig, die Kinder während unserer Zusammenarbeit genau zu beobachten“, erklärte Rima Das auf der Premiere. „Wie sie auf unterschiedliche Situationen reagieren. Ich gebe ihnen Raum und Zeit, und mir ist ganz besonders daran gelegen, ihr wahres Ich auf die Leinwand zu bringen.“

Mit Not a Hero will Rima Das ihrem jungen Publikum zeigen, dass es in Ordnung ist, vorlaut, verwirrt, unsicher und wütend zu sein, weil keines dieser Gefühle von Dauer ist. „Es war fast so, als hätten die an unserem Projekt beteiligten Kinder die Regie übernommen.“

Laut Das reicht es schon aus, ehrlich zu sein und einen Schritt zurückzutreten, um ein Held zu sein. Manchmal geht es auch nur darum, den Tag zu überstehen. Und das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieses einfühlsamen Films.

Während Das die Kindheit als holprige Reise durch die frühen Lebensjahre inszeniert, berichtet R Gowthams Film vom anderen Ende des Lebenszyklus, nämlich vom Tod und den damit verbundenen emotionalen Belastungen für eine Familie.

Members of the Problematic Family

R Gowthams Spielfilmdebüt in der Sektion Forum wirft einen heiteren und schockierend realistischen Blick darauf, was Trauer und toxische Verhältnisse mit Familien machen. Der tamilische Film rast durch die Themen wie ein E-Bike über eine Schotterstraße. Doch trotz seiner chaotischen Fahrt vermittelt der Film viele Lektionen über das Leben, denn er erzählt von Tod und Trauer und wird zu einem Testament der Liebe und ihres Verlusts.

Mit fast schon dokumentarisch genauem, aber auch sanftem Blick beobachtet Gowtham Unzulänglichkeiten, emotionale Belastungen, Alkoholismus und häusliche Gewalt bei seinen Figuren. Das Ergebnis wirkt weniger wie ein Spiel- als wie ein Dokumentarfilm, obwohl alles auf einem Drehbuch basiert und genau inszeniert wurde.
 

Members of the Problematic Family Film: Not a Hero (2026) Regisseur: R Gowtham | Foto: © Berlinale

Morbide Faszination für Bestattungen

Members of the Problematic Family beginnt mit den Vorbereitungen für die Bestattung von Prabha, dem jüngsten Bruder der Familie. Der hat offenbar einmal davon geträumt, Sportler zu werden, doch dann hat ihn der Alkohol zur Strecke gebracht. Seine Bestattung ist von einer unangenehmen Stille erfüllt.

Gowtham räumt ein, er habe „eine morbide Faszination für Bestattungen“, denn in der tamilischen Kultur werde bei Todesfällen auch gefeiert. Die Trauerzüge haben einen festlichen Charakter, mit Lastwagen voller Blumen, die in die Menge geworfen werden, und explodierenden Knallern. Die Trauerfeiern ziehen sich über mehrere Tage.

Unkonventionelle Erzählweise

Interessanterweise haben Gowthams Figuren keine eigenen Charakterbögen. Am Rande der Premiere seines Films erklärte der Regisseur, er habe sich bewusst dazu entschlossen, die bisherigen Lebenswege seiner Figuren nicht zu erzählen. „Ich erinnere mich, dass ich am ersten Drehtag allen Beteiligten gesagt habe, ihre Figuren müssten nur skizzenhaft und oberflächlich und ein wenig rätselhaft wirken.“

Sein Film erzählt in der Gegenwart und in Rückblenden, wie die unterschiedlichen Figuren auf ganz eigene Weise mit der Trauer um einen schwierigen Menschen umgehen. Das changiert zwischen Gleichgültigkeit und explosiven Gefühlsausbrüchen. Oder betonter Gelassenheit. Im Verlauf der Geschichte stellt sich eine wichtige Frage: Wie trauert man um jemanden, dessen Existenz für die Angehörigen seiner Familie im Grunde nur Leid bedeutet?

Ist Trauer eine Form des Respekts oder die dauerhafte Abwesenheit eines geliebten Menschen? Darauf liefert der Film statt eindeutigen Antworten nur unzählige Denkanstöße.

Rima Das Not a Hero und R Gowthams Members of the Problematic Family haben ihre Premiere auf der 76. Berlinale gefeiert.
 

Top