Künstlerresidenzen
Zwölf Künstler, zehn Hosts, eine Stadt

bangaloREsidency 2015
bangaloREsidency 2015 | Foto: © Simone Schiffer

Zwölf Künstler, zehn Hosts, eine Stadt, unzählige Projekte: Zwischen vier und acht Wochen stand die indische Hightech-Metropole Bangalore ganz im Zeichen der bangaloREsidency 2015. Ein Besuch.

Es ist zwei Uhr morgens, als die zwölf bangaloREsidents aus der Sicherheitsschleuse des Bangalore Flughafens treten und trotz langer Reise frisch und aufgekratzt ihre Blumenketten zur Begrüßung entgegen nehmen.

Ausgestattet mit Willkommenstaschen, Handys und Moskitocreme macht sich die Taxikolonne auf gen Zentrum, nicht ohne dass Fotografin Sabine Schründer eine erste indische Erfahrung machen darf: Plötzlich fliegt ihr Koffer durch die Nacht – vom Autodach volle Kraft voraus! Ohne Gepäckschäden, dafür mit guter Laune wird ein Künstler nach dem anderen bei den Hosts abgesetzt.

Die kulturellen Oasen der Stadt

Doch nicht viel Zeit bleibt den zwölf Künstlern – ein Mix aus Fotografen, Zeichnern, Filmemachern, Designern, Architekten und Installationskünstlern – zur Ruhe. Direktor Christoph Bertrams und Programmkoordinatorin Maureen Gonsalves haben gemeinsam mit vier Assistentinnen den ersten Tag der bangaloREsidency genau durchgeplant. Die Neulinge sollen in kürzester Zeit die kulturellen Oasen der Stadt kennenlernen.

Los geht’s bei den beiden Theatern Jagriti und Ranga Shankara. Deren Gründer Arundhati und Jagdish Raja sowie Arundhati Nag erzählen die einzigartigen Geschichten der Spielhäuser und erklären zugleich die indische Kulturpolitik und -finanzierung. Die bangaloREsidents können nicht genug davon bekommen, ihre indischen Gastgeber zur Kunstszene Bangalores auszufragen.

Namma Metro-Manager U R Vasanth Rao berichtet von seinem Doppelleben als Metrogesellschafts-Manager und Kunstliebhaber. Er empfängt die Gruppe im Auditorium des Rangoli Metro Arts Centre, einer Ansammlung kleiner Galerien direkt unter den Gleisen des Nahverkehrs. Es ist bereits die zweite Metrostation, an der Vasanth Rao Raum für Kunst etablierte. Nun betreut er Fotografin Kathrin Delhougne als erste bangaloREsidentin der Namma Metro überhaupt.

Von der Metrostation unter die Straßenüberführung: Archana Prasad, Leiterin des Künstlerkollektivs Jaaga DNA, zeigt stolz ihr Projekt UFO – Under the FlyOver. Ganze 15 Kilometer der zuhauf in Bangalore anzutreffenden Flyover werden von Jaaga künstlerisch bespielt und sind nun  die neue Spielwiese für Architekt Hermann Hiller und Performance Künstler Jérôme Chazeix.

Industrieregale und hängende Gärten

Fernab des Verkehrslärms präsentiert Archana bei 1 Shanthi Road gemeinsam mit Suresh Jayaram weitere Projekte. 1 Shanti Road ist die älteste Künstlerresidenz Bangalores und Jayaram deren Gründer. Archanas Aktionen im öffentlichen Raum sorgen bei Speis und Trank auf der Terrasse für Gesprächsstoff unter den bangaloREsidents.

Und während die Künstler sich in den Folgetagen einleben und zu arbeiten beginnen, organisieren Christoph Bertrams und Maureen Gonsalves weitere Vorträge und Führungen: National Gallery of Modern Arts (NGMA), Suchitra Film Society, die urbanistische NGO MOD Institute, InCITE Gallery für Architektur und die Tasveer Gallery für Fotografie. Alle sind Partner des Goethe-Instituts und laden die deutschen Gäste ein, stellen ihre Projekte in der Stadt vor und geben einen ersten Einblick in das Funktionieren einer dynamischen Megacity.

Am Ende der ersten Woche heißt es schließlich „Rendezvous with bangaloREsidents“, ein Abend, an dem die zwölf Künstler ihre Arbeiten und anstehenden Projekte in Bangalore vorstellen. Es ist immer ein Höhepunkt im Eventkalender des Instituts. Neben Vertretern aus der Kunst- und Kulturszene Bangalores ist auch Riyas Komu, Mitbegründer der Kochi-Muziris Biennale (KMB), dabei.

Mit Sabine Schründer hat er bereits seine eigene bangaloREsidentin. Sie wird in Kochi für Riyas‘ KMB-Foundation Fotografie-Workshops geben. Begeistert von den Präsentationen lädt er außerdem spontan den Hamburger Deisgner Christian Schüten nach Kerala ein, einen Vortrag über seine Arbeit in der Circular Economy zu halten. Und so unterrichtet Christian nicht nur wie geplant an der Srishti School of Art, Design & Technology, sondern reist gleich zweimal nach Kerala. Die bangaloREsidency streut!

Das chaotische Treiben einer Millionenmetropole

Die zwölf Künstler stecken – egal, ob sie für vier oder acht Wochen in der Stadt bleiben – mitten in ihrer Arbeit. Während die Filmemacher Miriam Jakobs und Gerhard Schick von ihren Gastgebern Anand Varadaraj, Prakash Belawadi und Naresh Narasimhan durch die urbanen Hotspots Bangalore geführt werden und beginnen, eine Nacht- und Nebelaktion zur Stadtgeschichte zu planen, schlagen sich Jérôme und Hermann gemeinsam mit lokalen Assistenten durch die wimmelnden Märkte. Jérôme sucht nach Stoffen für die Kostüme seiner geplanten Parade, Hermann verhandelt mit Händen und Füßen um Autospiegel für seine Performance und Warnwesten für „Nichtüberfahrenwerdentaschen“. Den beiden stehen der Schweiß und die Überraschung auf der Stirn und doch fallen sie am Abend mit Einkaufstaschen bepackt und zufrieden auf die Stühle im  Intellektuellen-Restaurant Koshy’s.

Derweil klappert Fotografin Kathrin Delhougne die Metrostationen der Stadt ab und dokumentiert Bauarbeiten unter Tage. Julia Knop entdeckt am Stadtrand Bangalores Abwasseranlagen der NGO BORDA, Stepan Ueding verliert sich im Chaos und zeichnet seine Begegnungen, Paul Hutchinson begleitet Hip Hop Tänzer, Christian unterrichtet Studenten in Bad-Design, und Sabine Felber trifft Frauen Bangalores, um durch ihre Selbstporträts und persönlichen Erfahrungen Zeugnis über ihre Sicherheitslage abzulegen. 

Stadtgeschichte bei Nacht und Nebel

Schließlich setzen Filmemacher Miriam und Gerhard um, wovon ihre Hosts Prakash und Naresh schon lange träumen: das ehemalige Fort Bangalores und damit die Vergangenheit der heutigen IT-Metropole für eine Nacht zum Leben erwecken! Sie erhalten die offizielle Erlaubnis, nachts gemeinsam mit hunderten rot gekleideten Bangaloreans die Grenzen des alten Fort der Stadt abzuschreiten, sie wieder sichtbar zu machen. Die Lokalpresse überschlägt sich, das Telefon im Institut klingelt pausenlos, und dann treffen sich tatsächlich knapp 300 Bürger, gehen um 2 Uhr morgens die Straßen des alten Stadtkerns ab, tauschen sich über die Vergangenheit aus, singen, feiern. Alle sind begeistert – und Miriam und Gerhard haben Szenen im Kasten, aus denen sie später ihren Film über die „Red Kote Night“ produzieren werden.

Körperliche Talfahrt statt Wohlfühlresidenz

Zwischen Arbeit, Planung und der Auseinandersetzung mit ungewohnten Produktionsgeschwindigkeiten macht sich derweil auch körperliche Anstrengung bemerkbar. Die bangaloREsidency ist keine Wohlfühlresidenz. Kathrin Delhougne erwischt das Dengue-Fieber, fast allen schlägt das ungewohnte Essen irgendwann auf den Magen, manche erkranken kurzzeitig an der unumgänglichen AirCondition-Grippe. Das Team des Goethe-Instituts weiß, wie intensiv diese Wochen sind. Entsprechend versorgen Mitarbeiter und Hosts die Angeschlagenen bis zur Genesung. Suresh von 1 Shanthi Road braut Kathrin gar einen Saft aus Papayablättern, der sie in wenigen Tagen wieder auf die Beine bringt.

Arbeit mit Folgewirkung

Nach vier bis acht Wochen intensiven Schaffens präsentiert jeder bangaloREsident seine Arbeit. Christoph Bertrams und Maureen Gonsalves ist es wichtig, dass die bangaloREesidency nicht einseitig funktioniert, sondern die deutschen Künstler ihren Gastgebern und der Stadt etwas zurückgeben. Miriam und Gerhard führen gemeinsam mit ihren Workshopteilnehmern ihre Filme vor, Paul präsentiert seine Fotografien zur Hip Hop Kultur in 1 Shanthi Road, Simona empfängt zur Ausstellung im National Centre for Biological Sciences, Julia führt ihre Gäste bei BORDA durch ihre Bilder, Sabine Felber lädt ihre porträtierten Frauen zur Ausstellung ins Auditorium des Goethe-Instituts ein.

Der Veranstaltungskalender und die Zeitungen sind voll, die Events gut besucht. Während ihrer Zeit in Bangalore haben die Residenten eigene Netzwerke aufgebaut, sich mit lokalen Künstlern ausgetauscht und wertvolle Kontakte geknüpft. So folgt denn eine große Gruppe junger Bangaloreans Jérômes Parade „We Make the City“ tanzend unter den Flyover, Fotografen und Fotografie-Studenten besuchen Kathrins Buchvorstellung „First Phase“ im Rangoli Metro Arts Centre. Und das Auditorum des Instituts ist voll, als die Gruppenausstellung „Rendezvous Reloaded“ die Arbeiten von Sabine Schründer, Simona, Sabine Felber, Stepan und Hermann vereint. Den Abschluss bildet Christian, der nicht nur die Arbeiten seiner 16 Studierenden von Srishti ausstellt, sondern vier Vertreter wichtiger Design-Institutionen zur Diskussion über Design und Produktion in Indien einlädt. Christoph Bertrams ist zufrieden: „Christian ist der erste bangaloREsident aus dem Bereich Design. Mit seiner Arbeit hat er wichtige, neue,  deutsch-indische Kontakte geknüpft. Genau dafür ist die bangaloREsidency da.“

Und als ein bangaloREsident nach dem anderen ins Flugzeug zurück nach Deutschland oder auf das Motorrad weiter Richtung Südindien steigt, sitzen Christoph Bertrams, Maureen Gonsalves und ihr Team im Büro, analysieren die vergangene bangaloREsidency und planen schon wieder die nächste. Wiederkehrer stehen bereits fest: Miriam und Gerhard werden 2016 an ihrem Filmprojekt weiterarbeiten. Die bangaloREsidency hat Folgewirkung.     

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