Eine Brücke zwischen zwei Medienwelten
Gegen die Klischees

Zeitungen und Diskussionen
© Goethe-Institut

Deutsche wissen oft wenig über Indien, Inder meist wenig über Deutschland. Ein Journalistenaustauschprogramm der Robert-Bosch-Stiftung hat fünf Jahre lang erfolgreich gegen die Defizite angearbeitet. Die Abschlussbilanz des Projekts fällt dennoch zwiespältig aus.

Von Martin Jahrfeld

Wer etwas über die Qualität des Journalismus in Deutschland erfahren will, sollte vielleicht einen externen Beobachter fragen: „Hier gibt es viel größere redaktionelle Ressourcen als bei uns. Die Journalisten haben mehr Zeit für eine Geschichte und arbeiten gründlicher. Dass ein Reporterteam für eine dreimonatige Recherche zusammen gestellt wird, kommt in Indien eher selten vor“, sagt G. Sampath, der als indischer Journalist in Deutschland sechs Wochen beim Hamburger Magazin „Der Spiegel“ gearbeitet hat. Auch beim Blick auf die Medienstrukturen zeigt sich der Journalist beeindruckt: „Es gibt hier hohe ethische Standards und ein effektives System der Selbstkontrolle. In Indien sind mediale und unternehmerische Interessen oft kaum voneinander zu trennen.“

Wie es in deutschen Presse- und Rundfunkhäusern zugeht, hat sich in der indischen Medienszene in den vergangenen Jahren ein wenig herum gesprochen. Zwischen 2015 und 2019 nahmen 40 Journalisten und Journalistinnen aus Indien an einem Programm der Robert-Bosch-Stiftung teil, das den Teilnehmern in Deutschland einen ausführlichen Einblick in die Strukturen der Branche ermöglichte. Eine gleich große Zahl deutscher Kolleginnen erhielt Gelegenheit die Medienlandschaft in Indien kennen zu lernen: Ein fünfwöchiges Weiterbildungsprogramm an renommierten Journalistenschulen des Landes, Begegnungen mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sowie eine anschließende sechswöchige Tätigkeit in einem indischen Medienhaus in Mumbai, Kalkutta oder Delhi, bot die Basis zur Recherche selbstgewählter Indien-Themen.

Initiativen wie das Medienbotschafter-Programm auch künftig notwendig sein werden, um unabhängigen Journalismus im globalen Kontext zu stärken."

Die journalistischen Resultate des in diesem Jahr auslaufenden Programms „Medienbotschafter Indien- Deutschland“ sind umfangreich: Die Teilnehmer haben in indischen und deutschen Medien an die dreihundert Berichte, Reportagen und Features über ihr Gastland veröffentlicht und dabei ein buntes Themenspektrum abgearbeitet. Während die Inder in Deutschland etwa über die Auswirkungen der Flüchtlingskrise, den neuen Rechtsextremismus, die Probleme der Energiewende oder die Herausforderungen des demographischen Wandels recherchierten, berichteten ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen unter anderen über die indische Frauenbewegung, Indiens Umweltprobleme oder den erstarkten Hindu-Nationalismus.

Fünf Jahrgänge

„Fünf Jahrgänge indischer und deutscher Journalisten, die für drei Monate das jeweils andere Land besucht haben, konnten mit ihren Berichten nicht nur einen tiefen und facettenreichen Einblick vermitteln, sondern sind auch zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen. Das zeigen die Alumni und ihre Aktivitäten ebenso wie die vielen bilateralen Kooperationen, die im Nachklang entstanden sind. Ich glaube, dass das Programm einen Beitrag zu einem besseren Verständnis für Indien in Deutschland und andersherum geleistet hat – und damit auch zur interkulturellen Verständigung“, betont Dr. Clemens Spiess, Projektleiter der Robert-Bosch-Stiftung. „Nicht zuletzt ging es uns darum, Stereotypen und Klischees in der Indien-Berichterstattung aufzubrechen. Wer drei Monate vor Ort recherchieren kann, erhält einen weit besseren Einblick in die Komplexität vieler Themen“, argumentiert Programm-Managerin Pradnya Bivalkar.

Eine Fortsetzung des Programms wird es dennoch nicht geben. Mit Hinweis auf die sich verändernden globalen Rahmenbedingungen hat die Stiftung ihre internationale Arbeit überprüft und neu ausgerichtet. Bereits 2018 wurde entschieden, die Förderung der bestehenden Projekte zu beenden. „Künftig werden wir unsere Arbeit im neu benannten Fördergebiet „Internationale Verständigung und Kooperation“ auf die vier Themen Konflikte, Klimawandel, Migration und Ungleichheit fokussieren“, erläutert Spiess.
 
Alumni auf der Abschlussveranstaltung im Januar in Berlin Foto: Jan Zappner

Auf der Abschlussveranstaltung des Programms, zu der sich im Januar mehr als fünfzig Alumni aus Deutschland, Indien und Österreich in Berlin trafen, wurde jedoch deutlich, dass Initiativen wie das Medienbotschafter-Programm auch künftig notwendig sein werden, um unabhängigen Journalismus im globalen Kontext zu stärken. Die wachsende Verbreitung von Fake News sowie die zunehmenden Einschüchterungsversuche gegen kritisch arbeitende Journalisten sind Phänomene, mit denen der Berufsstand in Indien wie in Deutschland zu kämpfen hat.

Unabhängigen Journalismus stärken

Die Situation in Indien stellt sich jedoch deutlich dramatischer dar als in der Bundesrepublik. Seit der Ermordung der südindischen Journalistin Gauri Lankesh im Oktober 2017 haben Gewalt und Gewaltandrohungen gegen Journalisten erheblich zugenommen. Wer etwa über Korruptionsfälle im Umfeld mächtiger Konzerne und Parteiorganisationen recherchiert, arbeitet inzwischen häufig unter Lebensgefahr. Angesichts wachsender Spannungen zwischen Hindus und Moslems und einer erstarkten hindunationalistischen Bewegung trägt die wachsende Verbreitung von Fake News zudem zu Gewaltakten gegen Minderheiten bei – etwa wenn Moslems im Internet der Tötung von Rindern bezichtigt werden und anschließend Opfer von Pogromen werden.

In deutschen Medien sind solche Ereignisse bis heute wenig präsent. In der deutschen Berichterstattung aus Asien steht meist China im Mittelpunkt. Erschwerend wirkt, dass deutsche Medien in Indien nur auf einen kleinen Pool an geeigneten Journalisten zurück greifen können. Nach Einschätzung von Sven Hansen, Asien-Redakteur der taz, verfügen weniger als zehn deutschsprachige Journalisten über einen permanenten Wohnsitz in Indien. Auch nach dem fünfjährigen Journalistenprogramm der Bosch-Stiftung führt das Land in der Asien-Berichterstattung hiesiger Leitmedien noch immer ein Schattendasein.

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