Wirtschaftliche Situation
Einblicke in die indische Tageszeitungs-landschaft

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© Goethe-Institut

Wer im Journalismus arbeitet, steht vor zahlreichen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Doch genau diese Herausforderungen sind es, die Zeitungen und Journalistinnen und Journalisten dazu zwingen, Nachrichten zu entdecken – nicht nur, um zu überleben, sondern auch, um zu wachsen und zu gedeihen.

Von Uttaran Das Gupta

Der 43-jährige Fotojournalist Amit Sen aus der Nähe von Kolkata, einer Großstadt im Osten Indiens, wurde Ende 2019 plötzlich arbeitslos. Zuvor war er vier Jahre lang bei der Zeitung Hindustan Times (HT) angestellt. „Es war bereits das zweite Mal, dass ich für die HT gearbeitet habe”, so Sen. „Ich bin schon 2009 zu dieser Zeitung gestoßen, gleich nach der globalen Rezession. Ich habe dort fünf Jahre lang gearbeitet und bin dann zur Daily News Analysis (DNA) gegangen.“ Als er danach zur HT zurückkehrte, arbeitete er eine Zeit lang in Bengaluru in Südindien, ging aber dann wieder zurück nach Kolkata. Inzwischen ist er als Freiberufler tätig.

Sens Situation ist nicht ungewöhnlich. HT, die drittgrößte englischsprachige Zeitung des Landes mit einer Auflage von 954.221 Exemplaren (Stand Juni 2019), hat seit 2017 im Zuge eines Kostensparplans zahlreiche Journalistinnen und Journalisten entlassen und viele Ausgaben eingestellt. Andere große Zeitungen haben es ähnlich gemacht, etwa die DNA, die im Oktober vergangenen Jahres ihre Regionalausgaben für Mumbai und Ahmedabad eingestellt hat.

Nicht kostendeckend

Die Gesamteinnahmen des nationalen Zeitungsmarkts im indischen Finanzjahr 2018/2019 beliefen sich auf ca. 3,9 Millionen € (INR 321 Milliarden) Das bedeutet im Vergleich zu den Vorjahreseinnahmen einen Zuwachs von fünf Prozent. In Indien kostet eine Tageszeitung nur wenige Cents. Damit kann sie sich fast jeder leisten, die Zeitungen verdienen so allerdings nur sehr wenig. „Trotz steigender Kosten waren die Tageszeitungen in den vergangenen Jahren sehr zögerlich, wenn es darum ging, ihrer Leserschaft einen höheren Preis abzuverlangen. So kommt es, dass die Zeitungen mit jeder Ausgabe einen kleinen Verlust machen, denn der Kaufpreis deckt bei weitem nicht die Kosten für Produktion, Druck und Auslieferung. Das Defizit wird nur durch die Werbung ausgeglichen“, so Divya Guha, leitende Redakteurin bei der Nachrichtenwebsite The Wire.
Zeitungen in Indien © Goethe-Institut

Aber das sind längst noch nicht alle Probleme. 

In der Rangliste der Pressefreiheit, die im April 2020 von der NGO Reporter ohne Grenzen veröffentlicht wurde, fand sich Indien auf Platz 142 wieder und ist damit im Vergleich zu 2019 zwei Plätze nach unten gerutscht. Im Bericht dieser Organisation heißt es, dass im Jahr 2019 in Indien keine Journalistin und kein Journalist ermordet wurden. Im Jahr 2018 waren es noch sechs. Auf den ersten Blick ist die Situation für Medienschaffende offenbar sicherer geworden. Allerdings hat es in letzter Zeit kontinuierlich Verstöße gegen die Pressefreiheit gegeben, darunter Polizeigewalt gegen Journalistinnen und Journalisten, Überfälle auf politische Aktivisten und von kriminellen Organisationen oder korrupten Beamten angezettelte Anschläge.

In einigen Fällen endeten solche Anschläge in einer Tragödie.

So war der 5. September 2017 ein schwarzer Tag für den Journalismus in Indien. An diesem Tag wurde Gauri Lankesh, Herausgeberin der in der Sprache Kannada erscheinenden Zeitung Lankesh Patrike, vor ihrem Haus in Bengaluru durch einen Kopfschuss getötet. Die Zeitung war extrem kritisch gegenüber der Regierung des Premierministers Narendra Modi und der regierenden Bharatiya Janata Partei und ihrer vorherrschenden hinduistischen Mehrheitsideologie eingestellt.

Allerdings stand der Journalismus in Indien seit seinen Anfängen im 18. Jahrhundert schon immer vor vielen großen Herausforderungen und hat dennoch immer wieder einen Weg gefunden, diesen zu trotzen und sich gegen alle Widrigkeiten zu behaupten."

Uttaran Das Gupta

Die erste in Indien (und Asien) gedruckte Zeitung war Hickey’s Bengal Gazette, die von einem exzentrischen irischen Gentleman namens James Augustus Hickey in Kolkata gegründet wurde. Die von 1780 bis 1782 erschienene Zeitung legte sich offen mit der Britischen Ostindien-Kompanie an und beschuldigte jeden der Korruption, angefangen von deren Vorsitzenden bis hin zu Vertretern des Obersten Gerichtshofs. Auch nachdem Hickey 1781 wegen Verleumdung verurteilt und inhaftiert wurde, veröffentlichte er noch einige Jahre aus dem Gefängnis heraus seine Schriften. Bis die Regierung seine Druckerpresse beschlagnahmte. Hickeys Zeitung erschien zwar nur über einen kurzen Zeitraum, dafür hat er damit wohl den Grundstein für einen unabhängigen Journalismus in Indien gelegt, der nicht nur die Repressionen während der Kolonialzeit, sondern auch weit darüber hinaus überlebt hat.

Zeiten der Zensur

Nach der Erlangung der Unabhängigkeit war der Ausnahmezustand, den die damalige Premierministerin Indira Gandhi von 1975 bis 1977 verhängt hatte, die schwierigste Zeit für den indischen Journalismus. Als sich abzeichnete, dass Zeitungen von der Regierung zensiert wurden, nahmen die meisten Medienhäuser bis auf einige wenige diesen Einschnitt hin. Am eindrucksvollsten wehrten sich The Indian Express und The Statesman gegen diese Maßnahme: Sie veröffentlichten lieber leere Seiten als von der Regierung zensierte Nachrichten.

Trotz der von Reportern ohne Grenzen aufgezeigten Widrigkeiten waren indische Zeitungen stets um einen gut recherchierten und investigativen Journalismus bemüht, der sich oftmals regierungskritisch äußerte. So hat etwa N Ram, der ehemalige Herausgeber von The Hindu, 2019 eine Artikelreihe veröffentlicht, Darin ging um potentielle Korruption in der Regierung im Rahmen des mehrere Milliarden Dollar schweren Angebots zum Kauf von Kampfflugzeugen der französischen Firma Rafale. Ungefähr zur gleichen Zeit brachte die Zeitung Business Standard einen Artikel über einen unter Verschluss gehaltenten Regierungsbericht, in dem dokumentiert wurde, wie die vorherrschende Politik, vor allem die umstrittene Entmonetarisierung wertvoller Geldscheine Ende 2016, eine weitreichende Arbeitslosigkeit nach sich zog.

In englischer Sprache erscheinende Publikationen machen nur einen geringen Teil der indischen Medienlandschaft aus. Die meisten Menschen in Indien lesen Nachrichten am liebsten in ihrer Landessprache, darum formen diese Medien auch einen bedeutenden Teil der indischen Zeitungsmarkts: Insgesamt gibt es hier Zeitungen auf 121 Sprachen, die von mehr als 10.000 Menschen gesprochen werden.

Laut der Daten auf statista.com, gibt es 105.443 eingetragene Zeitungen im Land. Die meistgelesene Publikation ist laut dem Audit Bureau Of Circulation die auf Hindi erscheinende Tageszeitung Dainik Bhaskar mit einer Leserschaft von 4,57 Millionen (Erfassungszeitraum Januar bis Juni 2019). Im vorangegangenen Halbjahr waren es noch 4,32 Millionen, die Zeitung konnte also ein Wachstum von 5,8 % verbuchen.
 
Zeitung Dainik Bhaskar © Goethe-Institut

Wer im Journalismus arbeitet, steht vor zahlreichen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Doch genau diese Herausforderungen sind es, die Zeitungen und Journalistinnen und Journalisten dazu zwingen, Nachrichten zu entdecken – nicht nur, um zu überleben, sondern auch, um zu wachsen und zu gedeihen.

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