Siddhartha und ich
„Teil der spirituellen Tradition Indiens“

Die Stimme

Siddhartha hat Generationen von Lesern, Schriftstellern und Intellektuellen gleichermaßen angeregt, beeinflusst und verzaubert. Hier sind einige Stimmen über Selbstfindung und Erleuchtung.

Eine klare Botschaft, eine musikalische Diktion

Von Piyush Pathak

Piyush Pathak © Piyush Pathak
Als Student der deutschen Literatur kam ich während des Masterstudiums auch mit dem Buch Siddhartha in Berührung. Mein anfänglicher Irrglaube, ein Buch über Gautauma Buddha in den Händen zu halten, sollte sich schnell auflösen, denn Siddhartha bietet mehr als nur philosophische Betrachtungen oder Lehren. Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen des Individuums in dieser vom Chaos bestimmten Welt.

Das Buch hat mich aus mehreren Gründen stark beeinflusst. Ich denke, eine meiner wichtigsten Lektionen aus Siddhartha war, mich durch nichts aufhalten zu lassen. Als ich mit der Lektüre fertig war, verspürte ich ein starkes Gefühl der Zufriedenheit. Die Zitate, die ganze Lebensphilosophie durchströmten mich wie eine magische Welle. Das Lesen dieses poetischen Kunstwerks kommt einer Meditation gleich, bei der man den eigenen inneren Siddhartha zum Leben erweckt.

Was das Buch auch 100 Jahre nach seiner Veröffentlichung in Indien noch lesenswert macht, ist die treffende Beschreibung des historischen Hintergrunds und die Tatsache, dass es die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet. Darüber hinaus hat Siddhartha kein richtiges Ende. Vielmehr geht es um die reflektierte Selbstdarstellung seiner Hauptfigur. Durch die Auseinandersetzung mit zentralen Fragen der menschlichen Existenz überwindet Siddhartha Zeit und Raum und vermag es, seine Leser*innen auch ein Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung noch zu berühren. Das Buch wird dies auch weiterhin und so lange tun, bis die Menschen Antworten auf die zentralen Fragen ihrer Existenz gefunden haben.
 

Der Fluss hat mich das Zuhören gelehrt

Von Ruchira Das
Ruchira Das © Ruchira Das


„Was sollte ich dir (...) wohl zu sagen haben? Vielleicht das, dass du allzu viel suchst? Dass du vor Suchen nicht zum Finden kommst?“ Diese Zeilen aus Siddhartha haben mich immerfort begleitet, seit ich sie vor Jahrzehnten als junge Frau vor wichtigen Lebensentscheidungen gelesen habe. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihre Bedeutung damals wirklich erfasst habe oder ob ich sie heute vollständig verstehe. Sicher ist jedoch, dass ich mich wegen dieser Zeilen auf eine Reise der Selbsterkenntnis begeben habe, die mich auf unbekannte Pfade geführt hat.
 
Für mich war das Buch nicht unbedingt ein spiritueller Leitfaden, sondern die Geschichte eines Menschen auf der Reise. Ich begleitete Siddhartha auf seiner Suche nach dem Sinn des Lebens und erfuhr von seinen Verbindungen zu den Menschen und Orten in seiner Umgebung und von seinen Erfahrungen mit Freundschaft, Besitz, Macht, Liebe, Akzeptanz und Weisheit. Die Themen sind universell und die Erfahrungen nachvollziehbar – Siddharthas Reisen erinnern bisweilen auch an eigene Reisen. Diese Möglichkeit der persönlichen Identifikation macht auch heute noch die Bedeutung dieses Buchs aus.
 
Hesse verwendet die Metapher des Flusses, um unser wechselhaftes Leben mit seinen Höhen und Tiefen zu beschreiben: „(...) immerzu lief es, und war doch immer da, war immer und allezeit dasselbe und doch jeden Augenblick neu!“ Ich bin mir nicht sicher, ob meine Faszination für Flüsse nach der Lektüre des Buchs zugenommen hat. Allerdings sitze ich seitdem oft am Ufer von Flüssen und lausche ihrem Rauschen, als hätten sie eine Stimme. Erst vor kurzem, als ich die Asche meiner Tante in den Fluss streute, dachte ich über das Leben und den Tod und über die Wege nach, die wir einschlagen. Dabei kamen mir Passagen aus dem Buch in den Sinn, die sich mir auf einmal vollkommen neu erschlossen.
 

Grenzen überwinden

Von Shirish Shinde

Shirish Shinde © Shirish Shinde
Man hat Glück, wenn man sich auf die Suche nach einer Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ begeben kann, und noch mehr Glück, wenn man dabei auf den spirituellen Meister, den Fährmann – Vasudeva – trifft. Hermann Hesses Siddhartha vermittelt das jahrhundertealte tiefe Wissen und die Lebensphilosophie Indiens. Ich habe den Roman 1988 während meines Studiums an der Jawaharlal Nehru University (JNU) nicht als Teil meines Curriculums, sondern aus einer Neugier für das spirituelle Leben gelesen.

Im Vergleich zu anderen geistigen oder intellektuellen Werken wie dem Rigveda oder dem Kapital liest sich Siddhartha wie ein Tagebuch über den Lebensweg seines Protagonisten. Darüber hinaus haben die „kleinen Weisheiten“, die in Siddhartha durchschimmern, Millionen normaler Menschen wie mich in Indien und aller Welt beeinflusst. In Pandemiezeiten haben meine Lehren aus dem Buch eine noch größere Bedeutung erhalten. Meditation gab mir die Kraft, dem Leben mit mehr Gelassenheit zu begegnen und meinen Blickwinkel zu erweitern. Ich dachte, das Schicksal wollte mir auf diese Weise zu verstehen geben, dass mein Leben auf der Erde nur eine Etappe auf einer langen Reise ist. Wie Siddhartha habe auch ich meinen Weg gefunden.

Siddhartha sagt: „Weisheit ist nicht mitteilbar.“ Indien verfügt über eine großartige spirituelle Tradition. Die Lehren des Buddha, Mahavira, Shankaracharya und später der Sants-Bewegung in der Bhakti-Tradition und im Sufismus haben Millionen von Menschen den Sinn oder vielmehr die Bedeutungslosigkeit des Lebens vermittelt. Siddhartha stößt bei den Menschen in Indien auf Resonanz, weil sie sich mit ihm identifizieren können. Die Samanas, der Buddhismus und schließlich die Rolle Vasudevas als Fährmann sind allesamt Teil der spirituellen Tradition Indiens. Deshalb ist der Roman für alle Altersgruppen relevant. Ich bin mir sicher, das Buch wird einen Widerhall finden, solange die Menschheit existiert.
 

Am ende passt alles zusammen

Von Jayashree Joshi

Jayashree Joshi © Jayashree Joshi
Hermann Hesses Siddhartha ist ein indisches Märchen. Doch es gibt darin auch Geschichten innerhalb von Geschichten – und Handlungsstränge, die sich unterhalb der Oberfläche abzeichnen. Ich erinnere mich daran, das Buch als Teenagerin gelesen zu haben. Auch wenn es sich genauso gut wie viele andere Romane lesen ließ, musste ich doch immer wieder kurz in der Gegenwart innehalten, in mich gehen und durchatmen. Das Buch enthält sowohl Elemente eines Bildungs- als auch eines allegorischen Romans. Es hat ein turbulentes Jahrhundert durchquert, was viel Leid über die Menschheit gebracht hat.
 
In Siddhartha vereint sich die Metapher des Flusses mit dem Erzählfluss. Das Buch erinnert mich an das Nadi Sutta, das im Buddhismus eine zentrale Rolle einnimmt. Darin wird das Konzept des Anatta (Nicht-Selbst) mit dem Gleichnis des Flusses veranschaulicht. Der Fluss folgt der natürlichen Gravitationskraft bis zu seinem Bestimmungsort, wo er sich mit dem Meer vereint. Und dort verwandelt er sich anschließend vielleicht in eine Wolke.

Diese Metapher von Siddhartha hat im modernen Indien eine neue Dimension erhalten – es geht um die Behauptung der Identität der Dalits. Tathagata-Buddha-Songs drücken mehr aus als eine spirituelle Suche, denn sie enthalten auch eine tiefere gesellschaftliche Botschaft der Gleichberechtigung und Fraternität, die auf das Leben Buddhas zurückgeht. Diese Lieder haben Dalits eine kulturelle Alternative geboten, um ihre Identität zu bekräftigen und ihre „festgelegte“ Identität innerhalb des hinduistischen Kastensystems zu überwinden.

Für mich enthält Siddhartha auch Anklänge an das Samkhya-Yoga, bei dem die Erleuchtung auf der Vergewisserung des Selbst und dem Erkennen der wahren Natur des Daseins beruht. Es erinnert mich zudem an Satyakama Jabali aus der Chhandogya Upanishad – einen alten vedischen Text. Jabali trifft darin Sage Gautama, der ihm das nötige Wissen vermittelt, um sich von den Illusionen der Welt zu befreien.
 
Schließlich hat Siddhartha auch etwas von Homers Odyssee, Cervantes Don Quixote oder Swifts Gulliver's Travels. In all diesen Büchern geht es um bestimmte Situationen, mit denen Menschen immer wieder konfrontiert werden. Und wie uns die Covid-Pandemie gezeigt hat, lehrt uns das Buch auch etwas Wichtigeres, nämlich das grundlegende menschliche Dilemma zu erkennen.
 

Meine Reise der Selbsterkenntnis

Von Ajinkya Kulkarni

Ajinkya Kulkarni © Ajinkya Kulkarni
Es gibt Bücher, die haben einen prägenden Einfluss auf unser Leben. Mich persönlich hat Siddhartha nachhaltig beeindruckt.

Als ich den Roman las, bereitete ich mich gerade auf eine Prüfung für mein Postgraduiertenstudium vor. Ich erinnere mich an ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit. Dieser Roman hat mich vor allem gelehrt, dass man Wissen, aber nicht Weisheit mitteilen kann. Ich machte mich daran, ohne Unterstützung durch einen Mentoren mich selbst, meinen Berufswunsch als Lehrer zu hinterfragen und meinen ganz persönlichen Sinn des Lebens zu finden, so wie es auch Siddhartha getan hatte.

Ich glaube, dass wir uns sogar in Alltagsangelegenheiten immer zu einer gewissen Form der Askese hingezogen fühlen. Indische Menschen neigen dazu, diese „geheimnisvolle Kraft“ erkunden zu wollen. Und Siddhartha machte Erfahrungen und Erkundungen auf seiner spirituellen Reise, auf der er unter anderem in der Liebe die letztendliche Erfüllung seines Lebens finden wollte. Es ist ihm unglaublich gut gelungen, das Wesen der indischen Philosophie, die weder völlige Enthaltsamkeit noch übertriebene Habgier predigt, zu vermitteln und zu dokumentieren. Dies ist ein weiterer Grund dafür, dass sein Werk in meiner südasiatischen Heimat bisher auf große Resonanz gestoßen ist.

Mit seiner einfühlsamen Erkundung der Liebe als tieferer Wahrheit der menschlichen Existenz bewegt uns der Roman auf eindrucksvolle Weise dazu, die Illusion des perfekten Lebens zu überwinden und das Leben anzunehmen, wie es ist.

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