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Max Mueller Bhavan | Indien

Anne Weber
Annette, ein Heldinnenepos

Epic Annette von Anne Weber
Foto (Detail): Hermance Triay / Buch: The Indigo Press / Visual: © Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan Neu-Delhi

Einige der interessantesten Charaktere der Weltgeschichte haben nie die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdient hätten. Ihre Vermächtnisse liegen begraben unter den Trümmern der Vergangenheit, übersehen, unbesungen und vergessen. Die in Frankreich lebende deutsche Schriftstellerin Anne Weber hat nun eine solche Persönlichkeit ins Licht gerettet und sie zur Hauptfigur ihres mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romans „Annette, ein Heldinnenepos“ erkoren.

Von Prathap Nair

Annette Beaumanoir, die Heldin in Webers Buch, kämpfte in der französischen Résistance gegen die deutsche Besatzung und unterstützte später das Unabhängigkeitsstreben Algeriens.

Als Teil eines geheimen Widerstandsnetzwerks verbarg sie fliehende jüdische Familien und rettete Kinder vor der Deportation in Konzentrationslager. Nach dem Kriegsende fand Annette schnell eine neue Berufung: die französische Kolonialbesatzung Algeriens. Beaumanoir setzte in beiden Fällen ihr Leben aufs Spiel und wurde schließlich für ihre Rolle im algerischen Befreiungskampf vor Gericht gestellt.

Aufgrund ihrer Mitgliedschaft in einer französischen Gruppierung, welche die algerische Widerstandsbewegung Front de la Libération Nationale, FLN, unterstützte, wurde sie zu zehn Jahren Haft verurteilt. Um der Strafe zu entgehen floh sie nach Algerien, wo sie zuerst den Unabhängigkeitskrieg miterlebte und schließlich die aus ihm erwachsene, fragile Demokratie, die jedoch nur kurz währte, bevor sie zu Fall kam.

Unter Webers Feder verwandelt sich eine fiktionalisierte Schilderung Annette Beaumanoirs ereignisreichen Lebens in ein episches Gedicht. Ihr Roman ist in freier Versform verfasst mit Beaumanoir in der Hauptrolle - laut Weber eine bewusste Entscheidung, weil das Epos von jeher keine Heldinnen kannte und nur Männer verherrlichte. „In freier Versform zu schreiben, eröffnete mir die Möglichkeit, mir diese Geschichte nicht durch ihre Fiktionalisierung, sondern durch ihre Rhythmisierung zu eigen zu machen.“

Auch wenn der Titel des Romans an eine überlebensgroße Heldin gemahnt, erscheint Beaumanoir in Webers Erzählung als ganz normale Frau. Eine Frau jedoch, die engagiert ist, entschlossen und hartnäckig und die sich mit Empathie und Wagemut dem Autoritarismus entgegenstellt. Webers klare, schnörkellose Sprache fließt auch in der englischen Übersetzung von Tess Lewis unangestrengt und geläufig dahin.

In diesem Interview erzählt Anne Weber, wie „Annette, ein Heldinnenepos“ zustande kam.

Ist es wahr, dass Sie die echte Annette Beaumanoir, die Heldin des Romans, zufällig kennenlernten? Können Sie uns mehr über den Ursprung Ihres außergewöhnlichen Buchs erzählen?

Ja, es war Zufall. Ich war auf ein kleines Dokumentarfilmfestival in Südfrankreich eingeladen worden, um an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen. Nach der Vorführung stand eine alte, gebrechliche Frau auf und sagte unter anderem, sie sei selbst Teil der Résistance gewesen. Ich war fasziniert, dass man damals, ich glaube, es war 2017, noch jemanden treffen konnte, der tatsächlich bei der Résistance gewesen war. Ich erfuhr, dass sie während der Besatzung von Paris das Leben zweier jüdischer Kinder gerettet hatte, als sie selbst kaum zwanzig Jahre alt war. Als Deutsche bewegte mich das sehr, denn es stand in Verbindung mit einem düsteren Kapitel der Geschichte meines Landes.

Ich dachte nicht sofort daran, über sie zu schreiben. Aber ein paar Wochen später besuchte ich sie und sie erzählte mir von einer Autobiografie, die sie auf Französisch verfasst hatte und die bei einem kleinen Verlag erschienen war. Ich kaufte sie und fand sie faszinierend, voll von unglaublichen Details, wenn auch nicht sehr elegant geschrieben. Ich bedauerte, dass eine so außergewöhnliche Geschichte so wenige Leser:innen gefunden hatte. Und ich dachte, dass man sie auf andere Weise erzählen könnte und dass es vielleicht mir zufiele, das zu tun.

Was steckt hinter Ihrer Entscheidung, im freien Vers zu schreiben? (Selbst in der englischen Übersetzung erscheint es als exzellente Wahl, um die Geschichte von Annette zu erzählen und ich würde gerne wissen, wie es dazu kam.)

Ich zögerte, diese Frau in eine gewöhnliche Romanfigur zu verwandeln: ihre Geschichte auszumalen, Details zu erfinden, Dialoge zu erschaffen und ihr Worte in den Mund zu legen, die sie nie gesagt hat, so wie es im Roman nun einmal getan wird. Warum sollte ich etwas dazudichten? Ihre Geschichte ist abenteuerlich genug.

Dann fiel mir ein, dass es eine althergebrachte literarische  Form gibt, in der die Taten von Helden – aber bisher nicht die von Heldinnen – erzählt oder vielmehr besungen werden: das epische Gedicht. Ich verfasste die Geschichte in dieser Form, als Heldinnenepos. Es ist keine Poesie, aber eine Erzählform mit einem stärkeren Rhythmus als ein typischer Roman. In freier Versform zu schreiben, eröffnete mir die Möglichkeit, mir diese Geschichte nicht durch ihre Fiktionalisierung, sondern durch ihre Rhythmisierung zu eigen zu machen.

Können Sie davon erzählen, wie Sie Ausgewogenheit und kritische Distanz bewahrten, während Sie über eine epische Figur wie Annette schrieben? Ließ Annette Ihnen freie Hand oder sah sie Ihnen während des Schreibens ständig über die Schulter?

Ich hatte das große Glück, dass Annette mir völliges Vertrauen schenkte. Ich denke, das ist selten.
Sie stellte meinen freien Willen als Schriftstellerin über ihre eigene Kontrolle. Ich weiß das sehr zu schätzen. Ich schrieb ein Epos, also musste ich nicht zu objektiv sein. Ich bewahrte eine gewisse Distanz, verband sie aber mit einer wohlwollenden Herangehensweise.

Annette verstarb 2022. Wie hatte sie auf Ihr Buch reagiert? Hatte sie Ihre französische Übersetzung gelesen?

Als ich die französische Version des Skripts fertiggestellt hatte, gab ich sie ihr zu lesen. Sie sagte: „Es ist fantastisch! Aber das bin nicht ich.“ Zuerst war ich verunsichert - sie erkannte sich selbst nicht wieder, obwohl ich nichts dazu erfunden hatte.

Ich hatte viel aus ihrem Buch und aus unseren Interviews entnommen. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass sie sich nicht als Heldin sah und ich hatte ihr Leben in ein Epos verwandelt. Die Geschichte eines anderen Menschen zu erzählen ist immer ein Zueigenmachen, eine Interpretation. Sie war großmütig genug, das zu verstehen und es zu akzeptieren.

Später, als das Buch den Deutschen Buchpreis gewann und in viele Sprachen übersetzt wurde, konnte sie es kaum fassen, aber ich glaube, sie freute sich darüber. Einen Monat vor ihrem Tod erzählte ich ihr, das Buch würde ins Chinesische übertragen werden. Sie musste laut lachen, genau wie ich. Keine von uns hatte mit einem solchen Erfolg gerechnet.

Über die Autorin

Anne Weber, 1964 in Offenbach geboren, lebt seit 1983 als freie Autorin und Übersetzerin in Paris. Sie hat sowohl aus dem Deutschen ins Französische übersetzt (u. a. Sibylle Lewitscharoff, Wilhelm Genazino) als auch umgekehrt (Pierre Michon, Marguerite Duras). Ihre eigenen Bücher schreibt sie sowohl in deutscher als auch in französischer Sprache. Ihre Werke wurden u. a. mit dem Heimito von Doderer-Literaturpreis, dem 3sat-Preis, dem Kranichsteiner Literaturpreis, dem Johann-Heinrich-Voß-Preis und dem Solothurner Literaturpreis 2024 ausgezeichnet. 2024 erhielt sie außerdem den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis.Für ihr Buch Annette, ein Heldinnenepos wurde Anne Weber mit dem Deutschen Buchpreis 2020 ausgezeichnet.
 

Anne Weber © Hermance Triay


Aus den Anmerkungen der Übersetzerin Tess Lewis, entnommen aus „Annette, ein Heldinnenepos“:

„Annettes Geschichte im freien Vers zu erzählen, gestattet es Weber, die Spannung zwischen dem weitschweifigen historischen Panorama des Epos mit seiner ungewöhnlichen Heldin und dem gewöhnlichen individuellen Leben einer Frau von bescheidener Herkunft fruchtbar zu machen. (…) Jede Sprache hat ihren eigenen Rhythmus und eigene Regeln bezüglich der Wortstellung. Mein Ziel war es, einen rhythmischen und syntaktischen Fluss beizubehalten, der sich ebenso natürlich ließt, wie die französische und die deutsche Version. In mehr als einer Passage übernahm ich Elemente beider Versionen und verschmolz sie zu einem englischen Vers.“
 

Tess Lewis © privat

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