Eva Menasse
Tiere für Fortgeschrittene
Eine kaleidoskopische Sammlung an Geschichten über die Ängste der heutigen Zeit, garniert mit kuriosen Tiermeldungen.
Von Prathap Nair
Über Jahre sammelte die Schriftstellerin Eva Menasse Zeitungsausschnitte von interessanten Meldungen über Tiere. Schmetterlinge, die die salzigen Tränen von Krokodilen trinken, schnipp. Ein Mann, der auf einer Schnellstraße ein totes Opossum wiederbeleben will, schnipp. Igel, die mit dem Kopf in leeren Eisbechern steckenbleiben, schnipp. Haie, die im Aquarium eines Wasserparks das Bewusstsein verlieren, schnipp. Die Artikel, die sie in einer Klarsichthülle aufbewahrte, waren kurios bis bizarr, doch sie alle übten eine Faszination auf sie aus. Sie begann, sich zu fragen: Gibt es schrullige Verhaltensweisen, die Tier und Mensch gemein sind? Ihre Kurzgeschichtensammlung Tiere für Fortgeschrittene ist das Ergebnis ihrer Nachforschungen. In dem Buch dienen die animalischen Anekdoten als Ausgangspunkt, den den Parallelen zwischen Mensch und Tier nachzuspüren.
Die Kurzgeschichten handeln von Menschen, die sich vielleicht nicht mit großen Tragödien auseinanderzusetzen haben, aber mit kleineren existentiellen Krisen. Die Themen sind vielfältig: ein Paar, das einer ungewissen Zukunft entgegenblickt, Patchwork-Familien und die Intergrationssorgen von Einwander*innen. Die scharf beobachteten und von schwarzen Humor durchzogenen Geschichten werden jeweils eröffnet mit in jahrelanger Recherche gesammelten Tierfakten.
Was kam zuerst, die Geschichte oder die Anekdote? Eva Menasse erzählt im Interview von ihrer Motivation und ihrer Methode beim Schreiben dieser Kurzgeschichtensammlung.
Jede Geschichte in Tiere für Fortgeschrittene beginnt mit einem launigen Fakt über Tiere, obwohl die Geschichten selbst von Menschen handeln. Erzählen Sie uns von Ihrer Entscheidung, ihre Geschichten auf diese Weise zu beginnen?
Ich habe diese Anekdoten über Jahre gesammelt, weil sie mich so faszinierten. In vielen Geschichten (der Sammlung) scheint das tierische das menschliche Verhalten zu spiegeln. Das brachte mich zum Nachdenken über Beziehungen zwischen Mensch und Tier und wie sie als Metaphern funktionieren. Es begann als eine Art exzentrisches Hobby, aber so arbeitet meine Kreativität häufig. Ich denke bei vielen Künstler*innen ist es ein bestimmtes Detail, das ihre Kreativität in Gang setzt.
Hilft Ihrer Meinung nach die Rahmung mit überraschenden Tierfakten den Leser*innen, komplexe Themen zu begreifen? Oder hatten Sie Sorge Ihre Methode könnte die emotionale Unmittelbarkeit verwässern?
Mir ist bewusste, dass manche Leser*innen es befremdlich fanden – sie verstanden nicht, was das alles sollte. Bei meinen Lesungen erklärte ich, dass ich einfach meine kreativen Anregungen zeigen wollte, dass meine Literatur manchmal durch solche Berichte inspiriert ist. In manchen der Geschichten kann man das strukturelle oder emotionale Muster leicht erkennen. Aber ich musste den Zuhörer*innen auch versichern, dass es kein Rätsel gibt, das zu lösen wäre. Es geht eher um eine Einladung zum Weiterdenken.
Halten Sie Kurzgeschichten für besonders geeignet, um die kleinen aber bedeutsamen Unsicherheiten des Alltags einzufangen?
Ich denke, meine Geschichten drehen sich um Alltägliches. Auch Kleinigkeiten können tragisch sein.
Ich war überrascht vom eindrücklichen Ton der Erzählungen und davon, wie sie wundersamerweise als Ganzes funktionieren. Wie kamen Sie darauf, sie als Sammlung zu veröffentlichen? Was kam zuerst, die Tierfakten oder die Geschichten?
Ich ging von den Tiergeschichten aus. Wie gesagt sammelte ich sie aus Zeitungen und im Internet. Sie zogen meine Aufmerksamkeit auf sich, weil sie mich über Strukturen und Gemeinsamkeiten nachdenken ließen. Ich wollte herausfinden, was mich an ihnen faszinierte, während ich über den Plot, einen Charakter oder einfach die Stimmung einer passenden Erzählung nachdachte.
Zum Beispiel klingt der Vorfall am Wiener Aquarium in der Geschichte „Haie“ zunächst recht witzig. Vor dem Gebäude bricht ein Feuer aus und giftige Gase werden von der Lüftungsanlage angesaugt. Es dauert, bis den Leuten klar wird, warum die Haie in ihrem Becken das Bewusstsein verlieren. Es ist nicht lustig, obwohl es zunächst so scheint. Es finden dramatische Rettungsversuche statt. Trotzdem sterben mehrere der Haie. Die schillernde Anziehungskraft liegt für mich in der Tatsache, dass niemand mit den Opfern fühlt – weil es ja nur Haie sind.
Was, wenn Menschen in dieselbe Situation gerieten?
Ich kenne und bewundere die Romane, Essays und politischen Kommentare von Arundhati Roy. Und ich halte Pankaj Mishra für einen überaus bedeutenden Essayisten und Denker unserer Zeit. Ich war sehr beeindruckt von seinem jüngsten Buch „Die Welt nach Gaza“. Es bietet eine dringend benötigte andere Perspektive auf die in Deutschland oft sehr kühl und einseitig diskutierte Situation in Israel und Palästina.
Tiere für Fortgeschrittene wurde brillant ins Englische übertragen durch Simon Pare, dessen Übersetzung dem lakonischen Tonfall des Originals treu bleibt und nichts an Surrealismus, Witz und überraschenden Wendungen einbüßt. Diese modernen Fabeln sind häufig melancholisch, doch sie verraten viel über das Menschsein und die Zerbrechlichkeit des Lebens. Menasse platziert bizarre tierische Anekdoten als Prolog ihrer Geschichten und entspinnt daraus überraschend nachvollziehbare Handlungen, voll von beißendem Sarkasmus und doch getragen von Mitgefühl. Es ist das kaleidoskophafte Werk einer scharfäugigen Erzählerin.