Logo Goethe-Institut

Max Mueller Bhavan | Indien

Wie schützen sich Städte?
Warum alte Mauern und Tore mehr als Geschichte sind

Holstentor in Lübeck
Holstentor in Lübeck | © Achim Scholty, Pixabay

Sie standen einst für Macht, Schutz und Kontrolle: die Stadttore Deutschlands. Heute sind viele von ihnen Touristenattraktionen oder Denkmäler. Was steckt hinter den alten Mauern Deutschlands und was verbindet sie mit Indien?

Von Robert Fischman

Den Menschen in Deutschland fallen sie kaum noch auf, weil es sie überall gibt: Stadttore. Manche sind so prächtig, dass sie, wie das Holstentor in Lübeck, zusammen mit der Altstadt auf der Liste des Weltkulturerbes stehen. Das fast 2000 Jahre alte Stadttor Porta Nigra in Trier zählt ebenfalls zum Weltkulturerbe. Die Römer haben es als Eingang zu ihrer Stadt Augusta Treverorum errichtet. Aus dieser Siedlung wurde später Trier – Deutschlands älteste Stadt. 

Das heute bekannteste ehemalige Stadttor Deutschlands ist das Brandenburger Tor in Berlin. Bis ins 19. Jahrhundert markierte es die westliche Stadtgrenze. Viele Stadttore sind nach den Nachbarorten benannt. Wer von Berlin ins westlich gelegene Brandenburg an der Havel wollte, musste durch das Brandenburger Tor. 

In München ist das Isartor am Ostrand der Altstadt nach dem Fluss Isar benannt; das Sendlinger Tor trägt den Namen des ehemals südwestlich gelegenen Dorfes Sendling, das heute ein Stadtteil ist.

Porta Nigra in Trier, Deutschland – Römisches Stadttor

Porta Nigra in Trier, Deutschland – Römisches Stadttor | © Cornelia Schneider-Frank, Pixabay

Seit der Antike, und schon davor, haben die Bewohner europäischer Siedlungen Wälle und später Mauern um ihre Siedlungen gebaut, um sie vor Angreifern zu schützen. Während die Bauern auf dem Land Räubern und plündernden Armeen ausgeliefert waren, boten die befestigten Städte Schutz und Sicherheit. Um in die Stadt zu gelangen und sie wieder zu verlassen, baute man Tore in die hohen und oft mehrere Meter dicken Mauern. Eisengitter und Zugbrücken schützten die Tore und damit die Städte. Drohte ein Angriff, ließen die Verteidiger die Gitter herunter, schlossen und verriegelten die Tore und zogen die Brücken hoch. Wassergräben um die Mauern boten zusätzlichen Schutz.

Wächter – meist junge Männer – standen auf den Mauern Wache und hielten Ausschau nach Feinden. Auf vielen der noch erhaltenen Stadtmauern in Deutschland, etwa in Nürnberg, Rothenburg ob der Tauber oder Templin in der Uckermark, sieht man die alten Wehrgänge, auf denen die Soldaten ihre Stadt verteidigten. Versuchten Angreifer, über die Mauer zu klettern, übergossen sie die Verteidiger mit einer heißen, klebrigen Masse aus Pech und Schwefel.

Die Stadt als Schatzkästchen

Die Tore waren auch Zollstationen, Wachposten und manchmal sogar Gefängnisse. Wer nachts zu spät kam, musste draußen schlafen oder sich mit einer List Zutritt verschaffen. Noch heute verwendet man im Deutschen den Ausdruck „Toresschluss“ für eine ablaufende Frist. Er erinnert an die früheren Schließzeiten der Stadttore: War die Frist abgelaufen, kam bis zum nächsten Morgen niemand mehr herein oder heraus. 

Im Mittelalter hatten viele deutsche und europäische Städte durch internationalen Handel Reichtum angehäuft. Das weckte den Neid ärmerer Nachbarn. Immer wieder belagerten ganze Heere die reichen Städte, um ihre Schätze zu rauben. Das Prinzip: Öffneten die Städte ihre Tore nicht freiwillig, durfte niemand mehr heraus – so lange, bis den Menschen hinter den Mauern die Lebensmittel ausgingen. Die Stadtbewohner konnten sich also nur so lange verteidigen, wie sie genug Essen und Wasser hatten. Doch oft mussten die Belagerer vorher aufgeben, weil ihnen selbst die Vorräte ausgingen.

Die Tore als Statussymbol: Wer hat das prächtigste?

Ein Teil einer Mauer am Schloss Nürnberg, Bayern, Deutschland

Ein Teil einer Mauer am Schloss Nürnberg, Bayern, Deutschland | © SnapshotsofthePast.com (Snapshots Of The Past), Flickr

Nürnberg, Frankfurt und andere Städte waren unter den deutschen Kaisern des Mittelalters zu freien Reichsstädten geworden. Sie durften ihre Geschicke selbst bestimmen. An ihren Stadttoren kassierten sie Zoll von Händlern, die ihre Waren in die Stadt oder ihre Einkäufe herausbringen wollten. Je reicher die Stadt, desto prunkvoller wurden ihre Tore – ein Zeichen von Macht und Stärke.

Mit der Zeit verloren die Tore ihre militärische Bedeutung. Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648), der weite Teile Deutschlands verwüstete, bauten die Armeen immer stärkere und schlagkräftigere Kanonen. Kaum eine Stadtmauer hielt den neuen Geschützen stand. In den folgenden Jahrzehnten riss man die Stadtmauern ab, um Platz für die wachsende Bevölkerung zu schaffen. 

Vor allem während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert zogen die Menschen vom verarmten Land zu Tausenden in die Städte, um dort Arbeit zu finden – ein Phänomen, das sich in ähnlicher Weise bis heute in Indien und seinen Nachbarländern beobachten lässt. Rund um die Stadtkerne entstanden neue Wohnviertel. Vielerorts baute man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Arbeiter schnell und billig einfache Mietskasernen. Dort lebten Arbeiterfamilien mit vielen Kindern oft auf engstem Raum – in einem einzigen Zimmer, ohne Badezimmer und ohne fließendes Wasser. 

In den überfüllten Arbeiterquartieren brachen häufig Seuchen aus. In Hamburg zum Beispiel starben in den 1890er Jahren Tausende an der Cholera. Die Stadt reagierte und ließ die Stadt eine Kanalisation bauen, die bis heute in Betrieb ist. Die inzwischen sanierten und renovierten Arbeiterviertel sind heute oft beliebte und teure Wohngegenden – zum Beispiel das Berliner Kreuzberg, das Hamburger Gängeviertel oder das Münchener Haidhausen.

Mauern und Stadttore wurden abgerissen, um Platz für Wohnhäuser, Straßen und Bahnhöfe zu schaffen. Doch einige blieben stehen – oft als Denkmäler oder Räume für Museen. Auf alten Stadtplänen und Karten europäischer Städte lässt sich der Verlauf der ehemaligen Stadtmauern noch heute gut erkennen: In München fließt der Autoverkehr auf dem vierspurigen Altstadtring genau dort entlang, wo einst die Stadtmauer stand. Andere Städte haben das Gelände der ehemaligen Mauern zu Parks umgestaltet – etwa Rostock und Bremen oder die weitgehend aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit erhaltenen historischen Städte Lemgo und Detmold. Straßen, die auf oder an den ehemaligen Stadtmauern verlaufen, tragen oft Namen wie „Am Wall“.

Was haben deutsche Tore mit Indien zu tun?

Mauern des Nahargarh Forts in Jaipur, Indien

Mauern des Nahargarh Forts in Jaipur, Indien | © Anshuman Kumar, Unsplash

Historische Stadttore und –mauern gibt es auch außerhalb Europas. In Jerusalem oder in den marokkanischen Städten Fes und Meknès sind sie bis heute erhalten und ziehen Touristen aus aller Welt an. 

Auch indische Städte haben Toranlagen – darunter das India Gate in Delhi als Kriegsdenkmal oder die Tore als Teil der Stadtmauer von Jaipur. Sie sind oft größer, bunter und aufwändiger gestaltet als ihre europäischen Entsprechungen. Ein wichtiger Unterschied: Während indische Tore oft Teil von Palastanlagen oder Tempelkomplexen waren, dienten die deutschen Tore vor allem der Verteidigung und dem Handel. Beide Kulturen aber teilen eine Faszination für das Symbolische: Tore markieren den Übergang zwischen Innen und Außen, zwischen Sicherheit und Abenteuer.

In beiden Ländern wurden Tore manchmal einfach „umfunktioniert“. In Indien wurden alte Torbauten zu Märkten oder Wohnhäusern umgebaut; in Deutschland zu Museen oder, wie das Holstentor, zu Touristenmagneten.

Top