Björn Lengers
bangaloREsident@Natya & STEM
In Bangalore wird Björn mit der Natya & STEM Dance Kampni an der digitalen Erforschung und Visualisierung traditioneller Indischer Tanzformate arbeiten.
Abschlussbericht
Die Natya STEM Dance Kampni ist im nördlich des Zentrums von Bangalore gelegenen Stadtteil Malleswaram ansässig, ist seit über 25 Jahren eine von Indiens maßgeblichen Tanzensembles in der Verbindung von klassischen, indischen Elementen mit zeitgenössischem Tanz. Unter der künstlerischen Leitung von Madhu Natraj ist die Company regelmäßig zu Gast bei namhaften Tanzfestivals in Südasien und weltweit.
Marcel Karnapke und ich arbeiten seit 2016 gemeinsam als CyberRäuber, als digital performing arts collective, und beschäftigen uns intensiv mit der Verbindung und künstlerischen Erforschung von Darstellenden Künsten und Digitalität; wir bringen Virtuelle Realität oder Künstliche Intelligenz auf die Bühne oder Schauspiel, Oper, Tanz in digitale Realitäten. In den letzten Jahren haben wir uns verstärkt mit Tanz und Ballett befasst, und insofern entstand mit Madhu und Kamya schnell die Idee einer gemeinsamen Erforschung von traditionellem indischen Tanz, insbesondere Kathak, im Kontext unserer speziellen Arbeit. Wichtig war dabei, dass wir dabei während der gesamten Residenz ergebnisoffen vorgehen konnten, ich musste also nicht schon mit einem konkreten Projektplan nach Indien kommen, sondern die TänzerInnen, die Choreographin und ich konnten völlig frei einander unsere Kunst vorstellen, miteinander improvisieren und ausprobieren.
Die in diesem Projekt und in der Reaktion darauf gesammelten Erfahrungen konnten sehr gut in die Arbeit mit den Tänzerinnen des STEM Tanzensembles einfließen, insbesondere weil mit dem Element von Mixed Reality, wenn es durch Echtzeit-Video auf die Bühne projiziert wird, eine gute Orientierung auch für passive ZuschauerInnen gegeben ist. Insofern ergeben sich szenisch interessante Situationen, die noch weitestgehend unerforscht sind – spannend!
Wir wurden eingeladen, einen halben Drehtag dort zu verbringen. In vier Vorbereitungstagen erarbeiteten Madhu und ich gemeinsam einige Kurzchoreographien, die sowohl einen kleinen Einblick in das Spektrum der Company geben sollten, als auch voraussichtlich in VR oder MR gut funktionieren würden. Vor Ort wurden diese Sequenzen dann in mehreren Takes aufgezeichnet und direkt mit Standard-Videospiel-Charakteren visualisiert. In weiteren Prozessen sollen diese Aufzeichnungen jetzt noch durch sogenanntes Tracking und Cleaning verarbeitet werden, bis dann die Bewegungsdaten genutzt werden können. Wir denken derzeit (Januar 2023) darüber nach, aus diesen Daten eine kleinere Mixed Reality-Installation zu produzieren, die von STEM im Rahmen von indischen Tanz- oder Digital Arts-Festivals gezeigt werden kann.
Ein weiterer Kontakt aus dem Januar führte mich Anfang Dezember ins nordöstlich von Bangalore gelegene Chennai. Dort traf ich die Tänzerin, Choreographin und Wissenschaftlerin Swarnamalya Ganesh, die sich insbesondere mit indischen Tempeltänzen beschäftigt, und mit der ich im Verlaufe des Jahres einen intensiven Austausch über erweiterte digitale Möglichkeiten hatte. In Chennai konnten wir uns endlich persönlich treffen, und sie hatte die Gelegenheit sowohl bestehende Arbeiten bessere kennenzulernen, also auch bestimmte, vorab diskutierte Ideen und Konzepte auszuprobieren. Wir haben einen weiteren Austausch vereinbart und möchten gegebenenfalls gemeinsam arbeiten. Den Abschluss meines Besuchs in Chennai bildete eine Performance von STEM beim Amrit Yuva Kalotsav Festival, stimmungsvoll umrahmt durch den tropischen Wirbelsturm Mandous, der uns durch seine starken Winde und Regenfälle, und den dadurch ausgefallenen Rückflug eine improvisierte Rückfahrt im Minibus durch die Nacht nach Bangalore bescherte...
Obwohl mit einer Reise ins im Bundesstaat Kerala gelegenen Kochi und dem Besuch der dortigen Kunst-Biennale der offizielle Teil der Residenz endete, konnte ich kurz vor Weihnachten in Bangalore noch an einem weiteren, uns wichtigen potenziellen Projekt arbeiten. Für das FutureFantastic-Festival im März 2023 wurden wir gebeten, eine neural theatre-Arbeit für den Stadtraum von Bangalore zu konzipieren. Angelehnt an unsere Bühnenstücke mit Künstlicher Intelligenz (Prometheus Unbound, Der Mensch ist ein Anderer, Mensch am Draht) und James Joyce's Ulysses sollen hierbei lokale Performer über 24 Stunden den stream of consciousness / Bewusstseinsstrom eines Neuronalen Netzes sprechen und spielen. Am 21. Dezember konnte ich hierfür bei einem Workshop in den Räumlichkeiten von Jaaga im Zentrum der Stadt zahlreiche interessierte, potenzielle DarstellerInnen gewinnen.
Die bangaloResidency war somit für mich persönlich eine ausgesprochen gute Erfahrung. Künstlerisch / professionell konnte ich meine vorab gesteckten Ziel nicht nur erreichen, sondern zahlreiche weitere, interessante Entdeckungen machen und Kontakte knüpfen, die mir und uns hoffentlich nicht nur in unserer Arbeit in Europa, sondern auch bei künftigen Projekten in Indien behilflich sind. Die Zusammenarbeit und das Zusammensein mit meinen Gastgebern, insbesondere natürlich Madhu Natraj, war ungemein freundlich, freundschaftlich und angenehm. Ich habe mich immer sehr willkommen gefühlt, und sie haben mir einen Einblick in die ungeheuer reiche und großartige indische Kultur gegeben, für den ich zutiefst dankbar bin.
Dasselbe gilt für das Team im Goethe-Institut. Hierbei möchte ich insbesondere den Kontakt mit Nandita Nirgudkar hervorheben, die immer ein offenes Ohr für mich und meine Fragen und Probleme hatte. Auch diese sehr gute Betreuung hat den Aufenthalt so besonders angenehm gemacht. Und zuletzt bin ich immer noch begeistert von Menschen, Natur und Kultur der Orte, die ich in diesen zweieinhalb Monaten kennenlernen durfte. Dieser Aufenthalt in Südindien war für mich ganz besonders. Wenn ich eine Sache hervorheben müsste, wäre das die ungeheure Freundlichkeit und Neugierde, die mir immer entgegengebracht wurde. Danke!