100 Jahre Wildes Berlin – Wie Berlin wurde, was es heute ist

Grafik Filmreihe Berlin

Vom 22. Januar bis 4. Juni 2019
Dienstags um 20:00
Freier Eintritt

Das ganze Programm auf einen Blick - PDF (5MB):
100 Jahre Berlin - Programm

Berlin mit seinem vielfältigen Kulturangebot, hedonistischen Nachtleben und seiner hohen Lebensqualität gilt heute als Anziehungspunkt für junge Menschen und Kreative aus der ganzen Welt. Das heute mit der deutschen Hauptstadt verbundene freie Lebensgefühl und ihre Entwicklung zum Sehnsuchtsort für die internationale kreative Klasse sind jedoch das Ergebnis aus ihrer wechselhaften Geschichte, in der sich Phasen von relativer Freiheit und Unfreiheit immer wieder abwechselten und zum Teil parallel nebeneinander existierten. In dieser Filmreihe, die Spielfilme und Dokumentationen vereint, blicken wir auf die letzten 100 Jahre der bewegten Berliner Stadtgeschichte zurück und möchten dabei Kontinuitäten und Brüche aufzeigen, die die Genese des heutigen Berlins verständlich machen.  


Die Weltstadt in der Weimarer Republik

Die Reihe beginnt mit einem Block über die Blütezeit Berlins zur Zeit der Weimarer Republik. Als zu diesem Zeitpunkt drittgrößte Stadt der Erde erlebte die Stadt in dieser Epoche einen industriellen Aufschwung und war Schauplatz bedeutender Entwicklungen im Bereich Kunst, Kultur, Wissenschaft und Technik. Das gesellschaftliche Klima und die Abwesenheit einer staatlichen Filmzensur ermöglichten im Jahr 1919 die Entstehung des weltweit ersten Spielfilms zum Thema Homosexualität mit dem Titel „Anders als die Andern“. Der Film von Richard Oswald, der unter Mitwirkung des Mitbegründers der ersten Homosexuellen-Bewegung Magnus von Hirschfeld entstand, behandelt die Erpressung eines Musikers aufgrund von seiner sexuellen Orientierung.

Hervorragend eingefangen wurde das Lebensgefühl im Berlin der 20er-Jahre in dem experimentellen Dokumentarfilm „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“, der einen Tag in der pulsierenden und hektischen Metropole zeigt. Im Nahe Berlin gelegenen Studio Potsdam-Babelsberg entstanden in diesem Zeitraum unter der Federführung von Regisseuren wie Fritz Lang darüber hinaus einige der stilprägendsten Filme ihrer Zeit, wie „M – Eine Stadt sucht ihren Mörder“, der als Meisterwerk des deutschen Vorkriegskinos gilt.
 

Berlin im Nationalsozialismus

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 nahm die Liberalität der Goldenen Zwanziger in Berlin ein ebenso abruptes wie dramatisches Ende. Das zuvor pulsierende jüdische Leben in der Stadt wurde fast vollständig ausgelöscht, unangepasste Künstler verfolgt und vertrieben und von Berlin aus die halbe Welt in Schutt und Asche gelegt. Das Doku-Drama „Die Unsichtbaren“ erzählt in packender Weise vom Untertauchen jüdischer Flüchtlinge während der Zeit der Judenverfolgung in Berlin.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs lag Berlin in Trümmern – fast die Hälfte aller Gebäude war zerstört. Der Film „Die Mörder sind unter uns“ aus dem Jahr 1946  war der erste deutscher Spielfilm der Nachkriegsgeschichte und begleitet eine KZ-Überlebende und einen Militär-Arzt bei der Bewältigung ihrer Kriegserfahrungen im zerbombten Berlin.
 

Die geteilte Stadt

Nach Kriegsende wurde Berlin von den Alliierten in vier Sektoren aufgeteilt. Im Jahr 1949 wurde der sowjetische Sektor Teil der sozialistischen Parteiendiktatur „Deutsche Demokratische Republik“, während die Sektoren der Westalliierten der neu gegründeten „Bundesrepublik Deutschland“ eingegliedert wurden. Mit dem Bau der Berliner Mauer wurde Berlin 1961 endgültig zur geteilten Stadt.

Wie sich das Leben von Ost-Berliner Jugendlichen im Schatten der Berliner Mauer in den 1970er Jahren darstellte, wird von der Filmkomödie „Sonnenallee“ auf humoristische Weise vermittelt. Der Überwachungsapparat des DDR-Staates und die Ost-Berliner Kulturszene sind Gegenstand des preisgekrönten Dramas „Das Leben der Anderen“. Der 1989 kurz vor dem Mauerfall in der DDR entstandene Film „Coming Out“ wiederum dreht sich um die Auseinandersetzung eines Ost-Berliner Jugendlichen mit seiner Homosexualität.

Durch ihre Insellage inmitten der sozialistischen DDR entstand während der Zeit der Teilung im Westteil der Stadt ein ganz besondere Atmosphäre und Kulturszene. Als Aushängeschild des kapitalistischen Westens wurde dieser von der Bundesrepublik finanziell großzügig unterstützt. Gleichzeitig war West-Berlin zentrales Auswanderungsziel für alternativ eingestellte Jugendliche aus Westdeutschland und entwickelte sich zu einem Zentrum der LGBTQ- und Hausbesetzer-Szene sowie der elektronischen Musik. Der Essayfilm „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989“ gibt aus der Perspektive des zugezogenen britischen Musikers Mark Reeder einen unterhaltsamen Überblick über all diese Entwicklungen. 

Die Atmosphäre der geteilten Stadt bildet auch die Kulisse für Wim Wenders Kinomärchen „Der Himmel über Berlin“, das eine der wohl schönsten filmischen Liebeserklärungen an die Stadt darstellt.
 

Mauerfall und Wendezeit

Unter dem wachsenden Druck der DDR-Bevölkerung fiel am 9. November 1989 die Berliner Mauer. Die Tragikomödie „Good Bye, Lenin!“  erzählt von einer Ost-Berlinerin, die im Koma den Mauerfall verschläft und anschließend von ihrem Sohn den Forstbestand ihres sozialistischen Heimatlandes vorgegaukelt bekommt.

Für die Stadt Berlin markierte der Mauerfall eine historische Zäsur, denn sie wurde dadurch nicht nur wiedervereinigt sondern auch Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands. Die Stimmung im unfertigen und wie aus einem jahrelangen Schlaf erwachendem Berlin der 90er-Jahre bildet die Kulisse für Tom Tykwers Actionthriller „Lola rennt“, der mittlerweile zum Kultfilm avanciert ist. Der Ende der 90er Jahre in Berlin einsetzende Bauboom und weitreichende Umbau der Stadt, wurde von Hubertus Siegert in „Berlin Babylon“ dokumentiert. Neben grandiosen Bildern der konkreten Bauvorhaben bildet er darin die die städtebauliche Diskussion zu dieser Zeit und den Widerstreit zwischen Erhalten und Verändern ab.
 

Die kosmopolitische Hauptstadt

In den 2000er Jahren avancierte Berlin zum Anziehungspunkt für Künstler und Kreative aus der ganzen Welt. Günstige Mieten, niedrige Lebenshaltungskosten, die vielfältige Kulturszene und das Nachtleben machten die Stadt attraktiv, was der damalige Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit mit dem fragwürdigen Slogan „Arm, aber sexy“ auf den Punkt brachte.

Eine besonders erfreuliche Entwicklung in diesem Zusammenhang ist der verstärkte Zuzug junger Israelis nach Berlin. In „Ein Apartment in Berlin“,  begibt sich Alice Agneskirchner mit drei jungen israelischen Neuberlinern aus der dritten Generation nach dem Holocaust auf eine Zeitreise. Die Rekonstruktion der originalen Wohnungseinrichtung einer jüdischen Familie im Berlin der 30er-Jahre wird dabei zum Erinnerungsprojekt für die drei Zuzügler und die Filmemacherin.

Untrennbar verbunden mit der jüngeren Geschichte der Stadt und ihrer großen Anziehungskraft ist die Entwicklung der Berliner Technoszene. Von einer durch den Mauerfall, die fehlende Sperrstunde und das Vorhandensein einer Vielzahl von leerstehenden Gebäuden im Stadtzentrum begünstigten Subkultur entwickelte sich diese im Verlauf der 2000er-Jahre zu einer professionalisierten Club-Industrie, die ein zunehmend internationales Publikum anzog. Der Spielfilm Berlin Calling dreht sich um das Leben eines Berliner Elektro-DJs zwischen internationalen Touren und persönlichen Abgründen und gibt mit Paul Kalbrenner in der Hauptrolle einen atmosphärisch dichten Einblick in die Berliner Elektroszene. 

Die in schwarz-weiß gefilmte und mit Jazzmusik unterlegte Tragikomödie „Oh Boy“  von Jan-Ole Gerstner wiederum begleitet einen ziellosen Berliner Ex-Studenten dabei, wie er sich einen Tag und eine Nacht durch die deutsche Hauptstadt treiben lässt und dabei unterschiedlichsten Menschen begegnet.

Unsere Reihe endet mit „Victoria“ von Sebastian Schipper, der aus einer einzigen 140-mibnütigen Kameraeinstellung besteht und seine Zuschauer mit in das Abenteuer reißt, das die Spanierin Victoria in einer unvergesslichen Berliner Nacht erlebt.

Die Weltstadt in der Weimarer Republik

22.01.2019          Anders als die Andern
                            Richard Oswald, 41 min, 1919
                            Mit englischen Untertiteln  

29.01.2019          Berlin: Die Sinfonie der Großstadt  
                            Walter Ruttmann, 65 min, 1927

05.02.2019          M – Eine Stadt sucht einen Mörder
                            Fritz Lang, 98 min, 1931

Berlin im Nationalsozialismus

12.02.2019          Die Unsichtbaren 
                            Claus Räfle, 110 min, 2017

19.02.2019          Die Mörder sind unter uns
                            Wolfgang Staudte, 90 min., 1946

Die geteilte Stadt

26.02.2019          Sonnenallee
                            Leander Haußmann, 94 min, 1999

05.03.2019          B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989
                            Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange, 92 min, 2015

12.03.2019          Das Leben der Anderen 
                            Florian Henckel von Donnersmarck, 137 min. 2006

19.03.2019          Der Himmel über Berlin  
                            Wim Wenders, 122 min, 1987

26.03.2019          Coming Out
                            Heiner Carow, 112 min, 1989

Mauerfall und Wendezeit

02.04.2019          Good bye, Lenin!           
                            Wolfgang Becker, 120 min, 2003

09.04.2019          Lola rennt
                            Tom Tykwer, 81 min, 1998

23.04.2019          Berlin Babylon
                            Hubertus Siegert, 92 Min, 2001 

Die kosmopolitische Hauptstadt

30.04.2019          Berlin Calling
                            Hannes Stöhr, 100 min, 2008

21.05.2019          Oh Boy
                            Jan-Ole Gerster, 83 min, 2012

28.05.2019          Ein Apartment in Berlin
                            Alice Agneskirchner, 80 min, 2013

04.06.2019          Victoria
                            Sebastian Schipper, 140 min, 2015